Gleichzeitige Flugzeugabstürze in Russland Geheimdienst glaubt an Zufall

Binnen weniger Minuten sind in der Nacht zwei russische Passagiermaschinen abgestürzt. 89 Menschen starben. Zunächst vermuteten die Behörden einen Terrorakt. Doch inzwischen geht der Inlandsgeheimdienst FSB von Unfällen aus: Pilotenfehler oder schlechtes Flugbenzin seien Schuld an der zweifachen Tragödie.


Trümmerteile der Tupolew-154: Notsignal vor dem Absturz
AFP/ NTV

Trümmerteile der Tupolew-154: Notsignal vor dem Absturz

Moskau - "Die Untersuchung der Flugzeugtrümmer wies keine Merkmale eines Terroraktes oder einer Explosion auf", sagte FSB-Sprecher Sergej Ignattschenko heute. Wahrscheinlich seien die Unfälle auf Pilotenfehler, technische Probleme oder mangelhaftes Flugbenzin zurückzuführen. Anderen Berichten zufolge halten Behörden einen Terrorakt für wahrscheinlich.

Technische Defekte an gleich zwei Flugzeugen seien wenig wahrscheinlich, sagte ein westlicher Luftfahrtexperte in Moskau. Die Trümmer der Flugzeuge seien wie nach einer Explosion in der Luft weit verstreut worden. Auch die Gleichzeitigkeit der Unfälle deute auf absichtlich verursachte Abstürze hin, sagte er.

Vertreter der tschetschenischen Rebellen bestreiten unterdessen, für die Abstürze verantwortlich zu sein. "Unsere Führung hat mit den Terroraktionen nichts zu tun. Unsere Aktionen richten sich ausschließlich gegen das Militär", sagte der Führer der tschetschenischen Separatisten gegenüber dem arabischen Fernsehsender al-Dschasira.

Beide Flugzeuge waren gestern Abend vom selben Flughafen aus gestartet und gegen 23 Uhr Ortszeit abgestürzt. Von der größeren Maschine, einer Tupolew-154, war kurz zuvor ein Alarm gesendet worden. Die Maschine sollte vom Moskauer Flughafen Domodedowo in den Ferienort Sotschi am Schwarzen Meer fliegen, wo der russische Präsident Wladimir Putin gerade Urlaub macht. Das Wrack wurde im Gebiet Rostow am Don gefunden.

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Die zweite Maschine, eine kleinere Tupolew-134, startete ebenfalls in Domodedowo und sollte mit 43 Menschen an Bord nach Wolgograd fliegen. Sie stürzte 200 Kilometer südlich von Moskau ab. An den beiden 600 Kilometer von einander entfernten Unglücksstellen bargen Retter heute viele Leichen. Überlebt hat nach offiziellen Angaben niemand.

Die Besatzung der Tupolew-154 setzte kurz vor dem Absturz ein Notsignal ab, das Experten unterschiedlich interpretierten. Oleg Jermolow, der stellvertretende Direktor des Zwischenstaatlichen Luftfahrtausschusses, sagte, das Signal deute lediglich auf eine "gefährliche Situation an Bord" hin. Dabei könne es sich um eine Entführung oder ein gravierendes technisches Problem handeln. Die Fluggesellschaft Sibir erklärte auf ihrer Website, sie habe eine Nachricht von der militärischen Abteilung der Flugüberwachung erhalten, wonach das Signal für eine Entführung der Maschine aktiviert worden sei. Das Unternehmen "schließt die Theorie eines terroristischen Aktes nicht aus", hieß es weiter.

Absturzstelle der Tupolew-134: Es gibt keine Überlebenden
AP

Absturzstelle der Tupolew-134: Es gibt keine Überlebenden

Auf einer Pressekonferenz im Startflughafen Domodedowo versicherte ein Sprecher, dass beide Flugzeuge die üblichen Standardchecks durchlaufen hätten. Die Sicherheitskräfte seien ihrer Arbeit in vollem Umfange und gemäß der geltenden Regeln der Flugsicherheit nachgekommen.

In der Kaukasusrepublik Tschetschenien wird am Sonntag ein Nachfolger des ermordeten Präsidenten Achmad Kadyrow gewählt. Kadyrow war im Mai einem Bombenanschlag zum Opfer gefallen. In den vergangenen Jahren hat es wiederholt blutige Anschläge tschetschenischer Separatisten auf Russen und russische Einrichtungen gegeben.



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