Gleitschirmstar Wisnierska Die unruhige Seele des Vögelchens

Die Liebe trieb sie nach Deutschland, die Abenteuerlust wieder fort - Gleitschirmfliegerin Wisnierska führt ein unstetes Leben. Ihre Risikofreude wurde ihr jetzt beinahe zum Verhängnis: Während eines Gewitters wurde sie in die Todeszone gesogen.

Hamburg - Ewa Wisnierska liebt die Freiheit. Ihr Naturell ist für sie zum Lebensmotto geworden. In jedem Interview, das sie in den vergangenen Jahren gegeben hat, spricht sie darüber, wie wichtig ihr das Ungebundensein ist. "Ich mag keinen Alltag, ich mag es nicht, irgendwo festzusitzen", sagte sie dem Fernsehsender Arte vor zwei Jahren. "Ich lebe gern wie ein Vogel", wird sie in einem Interview im Internet zitiert. Ihr Spitzname: "Birdy", Vögelchen. In den Höhen, in die Wisnierska jetzt über Australien katapultiert wurde, fliegt allerdings wohl kaum ein Vogel. In fast zehn Kilometern Höhe herrschen lebensfeindliche Bedingungen.

Geboren wurde die Sportlerin am 23. Dezember 1971 in der polnischen Kleinstadt Nysa (Neiße). Im Alter von 20 Jahren verliebte sie sich, zog nach Deutschland und heiratete ihren Freund. In Hamburg betrieb Wisnierska ein Kulturcafé, doch der geregelte Alltag wurde ihr schließlich zu eng. "Ich bin eine unruhige Seele", sagt sie. Ihr Bruder brachte schließlich die Wende. Er nahm sie zu einem Kurs im Gleitschirmfliegen mit. Die Passion der damals 28-Jährigen war geweckt.

Binnen weniger Jahre wurde Ewa Wisnierska zum Star ihrer Zunft: Deutsche Meisterin, später Zweite bei den Europameisterschaften, Vize-Weltmeisterin und World-Cup-Siegerin. Offiziell lebt sie in Nassau im Rhein-Lahn-Kreis und arbeitet dort als Fluglehrerin, während der Wettbewerbe wohnt sie aber meist in ihrem VW-Bus. Darin hat sie alles, was sie braucht. Die Atmosphäre bei den Wettkämpfen gefällt ihr, die verschiedenen Sprachen, Menschen, Kulturen. Zu Anfang, berichtet sie, war sie von ihrem Erfolg überrascht. "Ich wusste nicht, wie gut ich fliegen kann", sagte sie dem Bayerischen Rundfunk. "Ich konnte frei fliegen und genießen, ohne Stress."

"Ich persönlich war schon einmal auf 5000 Metern"

Je besser sie wurde, je mehr Erfolge kamen, desto größer scheint die Belastung geworden zu sein. Um die Gefahren des Gleitschirmfliegens weiß jeder, der diesen Sport betreibt. Schludrigkeit mit dem Material, Selbstüberschätzung und Leichtsinn können tödlich sein. Das Spiel mit der Höhe, mit Luft und Winden gefiel der heute 35-Jährigen. In einem Interview bei Sat.1 gefragt, in welchen Höhe sie normalerweise fliege, sagte sie: "In Portugal beim World Cup waren wir so auf 3700 Metern Höhe." Und fügt hinzu: "Ich persönlich war schon einmal auf 5000 Metern." Ein wenig Stolz schwingt in ihrer Stimme mit, als sie erklärt, wie gefährlich der Sauerstoffmangel in dieser Höhe werden kann. Dass man sich schnell überschätzt. Dass man das Wetter respektieren muss.

Bei ihrem spektakulären Höhenflug am Mittwoch in Australien nun hat sie ihr Gespür fürs Wetter offensichtlich verlassen. Ein schwerer Sturm riss die Athletin nach oben, in einer Geschwindigkeit von bis zu 20 Metern pro Sekunde, wie sich berichtet. Dabei verlor sie das Bewusstsein. Sie zog sich bei Temperaturen von minus 40 Grad Erfrierungen im Gesicht und am Bein zu - aber überlebte den Ausflug in die Todeszone wie durch ein Wunder und konnte sicher landen. Ein Gleitschirmflieger aus China kam in dem Unwetter ums Leben.

Gefährlich werde ihre Sportart, sagte sie in einem Interview vor zwei Jahren, wenn sich Gewitter aufbauten. Wenn man den Sport allerdings vernünftig betreibe, seien solche Situationen "kein Problem". Wie schnell aus einer vermeintlich überstandenen Situation Todesgefahr entstehen kann, weiß sie nun. Sie habe das Wetter "völlig unterschätzt", heißt es in ihrer Stellungnahme auf der Website des Deutschen Hängegleiterverbands . Ihre Entscheidung zum Weiterfliegen sei eine "folgenschwere Fehlentscheidung" gewesen. Dass Wisnierska überhaupt überlebt hat, kann sich niemand erklären. "Das ist wie zehn Lottogewinne hintereinander", kommentierte Godfrey Wenness von der Flugsport-Organisation FAI, die die Weltmeisterschaft ausrichtet, das glimpfliche Ende des Unfalls.

Ein Porträt, das der Bayerische Rundfunk mit Ewa Wisnierska drehte, endet mit dem verheißungsvollen Schlusssatz: "Weltrekorde, vielleicht Filme - Ewa hat in der Luft noch einiges vor." In die Geschichte des Gleitschirmflugs ist sie allerdings diesmal nicht mit sportlichen Leistungen eingegangen - sondern mit unfassbarem Glück.

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