Glücksspieler mit Pech Einmal Lotto-Millionär und zurück

Sechs Richtige! Michael Broers räumte im Lotto 2,7 Millionen ab, gönnte sich eine Limousine mit Chauffeur, eine Rolex, ein eigenes Autohaus. Doch dann begann sein rasanter Abstieg.

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Hamburg - Millionen Lottospieler tippen in diesen Tagen, träumen vom 43-Millionen-Jackpot. Auch Michael Broers, besser bekannt als "Millionen-Michi". Längst hat er seinen Schein ausgefüllt, zwölf Euro investiert und seine Kreuzchen wie immer gemacht: bei der 3, 10, 13, 14, 23 und 28. Seit fast 30 Jahren tippt der Oldenburger jeden Mittwoch und jeden Samstag genau diese Zahlen. "Es bleiben meine Glückszahlen", sagt der 48-Jährige im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Auch wenn sie mir kein Glück brachten."

Der fünffache Vater weiß allerdings: Daran ist er selber Schuld. Vor 13 Jahren hatte er sechs Richtige, knackte den Jackpot und gewann 2,7 Millionen Mark. "Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben", sagt Michael Broers. "Auf einmal schnellt man nach oben: von Null auf Hundert." Der damals arbeitslose Angestellte kauft sich für 30.000 Mark eine Rolex, einen neuen Fernseher sowie eine Stereoanlage für zusammen 10.000 Mark und lässt für 4000 Mark die Terrasse hinter seinem Häuschen in Westerstede fliesen. Ausgaben: 44.000 Mark.

Die nächste teure Anschaffung ist eine schwarze Mercedes-Limousine - mit Chauffeur, denn Michael Broers hat keinen Führerschein. Der Großteil seines Gewinns, 1,7 Millionen Mark, steckt er in seinen Lebenstraum: "Ich wollte immer selbständig sein, mein eigenes Geschäft haben." Michael Broers eröffnet ein Autohaus und stellt elf Mitarbeiter ein.

Er genießt es, auf großem Fuß zu leben - und lässt alle, die ihm wichtig sind, daran teilhaben. Seinen Eltern schenkt er 200.000 Mark. Auch seine neun Geschwister profitieren von dem Lottogewinn. Mit Frau und Kindern kutschiert er im Luxus-Wohnmobil durch die Gegend, oft machen sie Urlaub auf Sylt, zwischen all den Reichen und Schönen.

Immer in seiner Brieftasche: Der Lottoschein und die Gewinnbenachrichtigung der Lotteriegesellschaft mit der ausgeschriebenen Gewinnsumme: 2.729.513, 30 DM.

Der Lotto-König vor der Wahl: Geldstrafe oder Knast?

Nach drei Jahren geht es mit "Millionen-Michi" steil bergab. Die Polizei erwischt den Lottogewinner ohne Führerschein. Nicht zum ersten Mal: Michael Broers hat zu diesem Zeitpunkt 50 Einträge in Flensburg und jede Menge anderer Verkehrsdelikte auf dem Kerbholz. Nach einem Prozess hat er die Wahl. Entweder, er zahlt 500.000 Mark Strafe oder geht für fünf Jahre und neun Monate in den offenen Vollzug. Broers wählt den Knast, überlässt das schlecht laufende Autohaus seinem Vater, den Brüdern und seiner Frau. Zu diesem Zeitpunkt laufen die Geschäfte bereits schleppend. Personalkosten von rund 60.000 Mark monatlich nagen an den Geldreserven.

Das Geschäft macht prompt Konkurs, seine Ehefrau lässt sich nach drei Jahren Alleinsein von ihm scheiden. "Als ich aus dem Knast kam, hatte ich nicht mal mehr eine Wohnung, in die ich gekonnt hätte", sagt er heute. "Ich war von Hundert wieder bei Null angekommen!"

Vor allem in Familienangelegenheiten: "Alle haben sich von mir abgewandt, während ich im Gefängnis saß. Ich habe heute weder zu meinen Eltern noch zu acht meiner neun Geschwister Kontakt." Auch die Freunde von früher wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. "Die Enttäuschung darüber sitzt noch immer tief", sagt Michael Broers. Das Verhältnis zu seinen fünf Kindern, den drei Enkelkindern und seinem Zwillingsbruder ist umso intensiver.

"An Selbstmord habe ich keine Sekunde gedacht"

Michael Broers lebt heute bescheiden. Als Mechaniker ist er meist auf Montage in Frankreich oder Österreich, wohnt in Mittelklasse-Hotels und stottert die restlichen 70.000 Euro Schulden beim Finanzamt ab.

Was ihm "keiner nehmen kann": die Lebensfreude, den unverwüstlichen Optimismus. "Was soll mich denn noch erschüttern?", fragt Broers und meint es rein rhetorisch. "Ich habe die ganze Packung gehabt, die man in einem Leben erleben kann. Andere hätten sich aufgehängt. Daran habe ich keine Sekunde gedacht."

Die Hoffnung sterbe bekanntlich zuletzt. "Ich spiele jedes Mal Lotto - nicht aus Nostalgie oder Gewohnheit, sondern um zu gewinnen", sagt der Niedersachse und schmunzelt. "Mir würde schon ein Fünfer mit Zusatzzahl reichen. Dann würde ich mich wieder selbständig machen."

Was er heute anders machen würde? "Ich würde niemandem einen Ton erzählen, wenn ich gewonnen hätte. Und wahrscheinlich würde ich auch lieber eine Strafe zahlen als ins Gefängnis zu gehen - dann hätte ich heute vielleicht noch meine Frau."

Dass man nur einmal gewinnt, daran glaubt der ehemalige Lotto-König nicht. "Auf einem Treffen von Lotto-Millionären habe ich damals mehrere Leute getroffen, die zwei- oder dreimal gewonnen haben. Warum sollte mir das nicht auch passieren?"

Den verknitterten Gewinn-Bescheid der Lotteriegesellschaft von damals trägt er bei sich. Immer.



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