Zur Ausgabe
Artikel 50 / 115
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Werbung Goldene Zwerge

Eine kleine Frankfurter Firma hat sich mit Gags aus dem Computer zum Marktführer für digitale Werbespots hochgearbeitet.
aus DER SPIEGEL 2/1995

Den französischen Filmpionier Georges Melies, der in Paris die erste Produktionsfirma für das neue Medium gründete, hielten die Zeitgenossen ohnehin für einen reichlich komischen Vogel. Als er dann auch noch in seinem Streifen »Die Reise zum Mond« mit allerlei Tricks einen aufgeblähten Menschenkopf über einer Säule schweben ließ, erklärte ihn das Publikum für verrückt.

Von Entstellung der Wirklichkeit, zu Melies' Zeiten vor fast 100 Jahren Teufelszeug, lebt heute eine Milliardenbranche. Wer in Kino oder Fernsehen mit Spezialeffekten für Seife oder Autos, Eis oder Fernseher werben will, braucht den neuen Berufsstand des Verfremders. Trickkünstler an Hochleistungscomputern bauen die bunte Reklamewelt zusammen: das Duschgel-blaue Meer, in das der Cliff-Springer taucht, das schöne Frauengesicht, aus dem dank Feuchtigkeitscreme die Falten verschwunden sind.

Die meisten der deutschen modernen Kauf-mich-Filme passieren mittlerweile eine kleine Firma in Frankfurt: Bild Werk, vor drei Jahren eine der spektakulärsten Werbe-Neugründungen, beschäftigt sich mit der digitalen Nachbereitung (Fachjargon: »Postproduction") von Trailern fürs TV, Industriefilmen und Video-Werbespots.

Da sich die Konkurrenz am Kühl- und Kosmetikregal stetig verschärft und immer mehr Produkte auf den Markt kommen, die einander zum Verwechseln ähneln, erwartet die Industrie von ihren Werbeagenturen die Fertigung perfekter Spots in Höchstgeschwindigkeit. Vorbei sind die Zeiten, als ein Franz Beckenbauer mit angespanntem Bizeps ein »Hmm, das schmeckt« in die Kamera staunen durfte und tags darauf die beworbene Tütensuppe ein Renner war.

Heute legt sich der neueste Opel im Werbespot seine Schienen selbst, um Spurtreue zu visualisieren, und dem Espresso-Trinker wächst ein Hundekopf aus dem farbretuschierten Kragen, um zu zeigen, wie tierisch langweilig der Konkurrenz-Kaffee schmeckt.

Bis vor kurzem noch hielten englische Studios wie die Londoner Firma Rushes fast ein Monopol auf solche Gags aus dem Computer.

Nun aber sind die Frankfurter Bildwerker, die mittlerweile fast 30 Spezialisten beschäftigen und jährlich einen Umsatz in zweistelliger Millionenhöhe machen, europaweit eine erste Adresse geworden. Das Werberfachblatt Horizont ernannte die Firma gar zum »Kampfstern Galactica« der Branche.

Vier von insgesamt elf »Henry«-Computern, die in Deutschland arbeiten, haben den Erfolg des jungen Unternehmens begründet. Diese Spezialrechner der britischen Firma Quantel, Stückpreis: rund 1,3 Millionen Mark, erlauben die sekundenschnelle Manipulation von Filmbildern, die bisher endlos hin- und herkopiert werden mußten - 25 Einzelaufnahmen pro Sekunde Werbespot.

Im Land der unbegrenzten Werbewirkung, den USA, hatten Entwickler vor über einem Jahrzehnt erstmals versucht, herkömmliche Filmbilder in Computerdaten zu verwandeln. Daraus entstand 1985 bei Quantel der Spezialrechner »Harry": Er erlaubte die nachträgliche digitale Veränderung von real gedrehtem Filmmaterial. Schriften mußten nicht mehr mühsam nachträglich in die fertigen Filme montiert werden, ungeahnte Spezialeffekte wurden möglich - zu Niedrigpreisen und in Rekordzeiten.

Auch in Europa setzte ein Run auf die neue Technik ein, an dem vier junge Branchenkundige in Frankfurt teilhaben wollten: der Diplomingenieur Ralf Drechsler, der Kaufmann Stefan Jung, der Kameramann Stefan Jonas und der damalige Leiter der audiovisuellen Kommunikation beim Chemiegiganten Hoechst, Christian Leonhardt.

Die vier mieteten, ohne Aufträge und ohne feste Kunden, in einer alten Reprokamerafabrik Räume und installierten einen Harry-Computer samt Schneideplätzen und Zubehör. Leonhardt: »Damals glaubte einfach niemand an eine echte Chance gegen das britische Postproduction-Monopol.«

Als auch noch die schrille Künstlergruppe fritzDeutschland die Räume der jungen Firma gestaltete - ein Outfit zwischen ägyptischer Grabkammer und Raumschiff Enterprise - hatten die Bildwerker ihren Ruf als Spinner weg.

Der Spott verstummte ein wenig, als das Quartett bereits kurz nach der Firmengründung den Harry-Nachfolger Henry für knapp 1,5 Millionen Mark beschaffte. Der Superrechner der neuen Generation bietet fast unbegrenzte Möglichkeiten der Verfremdung: »Nun kam«, witzelt Bildwerker Leonhardt, »das weißeste Weiß aller Zeiten noch nocher rüber.«

Früher brauchten Filmtrickser für jede Änderung eine neue Kopie - das Material verlor von Mal zu Mal an Qualität. Nun lassen sich auf sechs Bildebenen gleichzeitig Szenen beliebig verzerren, schattieren oder beschriften. Die Effekte großer Kinohits wie »Forrest Gump« haben Einzug in die Werbung gehalten: In Filmmaterial können nachträglich ganze Charaktere eingefügt werden.

Zum Beispiel in einen Spot, der in Australien original gefilmt wurde. Die Verfremder beim Bild Werk verpaßten einem Auto bei der Nachbearbeitung der Aufnahmen ein deutsches Nummernschild und ließen den Fahrer, der in Australien rechts sitzt, samt Schattenwurf auf die andere Seite wechseln. Für die Zahnpastamanager von Blendax brachten die Frankfurter Buchstaben zum Tanzen, und das Gesicht eines Lehrers zierten sie beim Trailer für das ZDF-Jugendmagazin »Dr. Mag« mit hervorspringenden Augäpfeln. Werbehelfer Leonhardt: »Wir sind praktisch der verlängerte Arm der Kreativen.«

Die Operatoren an den Superrechnern, Henry Artists genannt, sind hochbezahlte Spitzenkräfte. Sie fügen nicht nur die digitalen Schnipsel zusammen, sondern beraten auch die Kundschaft und vermitteln zwischen Agentur und Regisseur. Der Henry-Artist Thomas Tannenberger: »Wir reiten, tanzen, fechten, steppen und müssen dabei noch Teller jonglieren.«

Inzwischen arbeiten viele deutsche Spitzenagenturen mit Bild Werk, darunter D'Arcy Masius Benton & Bowles (Cliff), Lowe & Partners (Opel) oder Ogilvy & Mather (Deutsche Bahn AG). Ein Werbefilm für die Bahn, den die Produktionsfirma Neue Sentimental Film gedreht hatte und bei den Frankfurtern nachbereiten ließ, wurde 1993 auf dem Spot-Festival in Cannes mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet.

»Meist kriegen wir tolle Ideen geliefert«, sagt Leonhardt, »manchmal backen wir aber auch aus Dreck goldene Zwerge.« Dem Jungunternehmer bleibt unverständlich, weshalb etablierte deutsche Filmstädte wie München oder Berlin mit Studios wie Bavaria oder Ufa »den Anschluß an die technische Entwicklung verpaßt haben«.

Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet, wo mit der Firma Panta Rhei inzwischen auch Bild-Werk-Konkurrenz arbeitet, sind deshalb bei der Nachbearbeitung von Werbefilmen führend. »Mit insgesamt sechs Henry-Arbeitsplätzen in Rhein-Main, davon vier bei uns, sind wir so etwas wie Europas Marktführer«, sagt Bildwerker Drechsler.

Um zwei Dinosaurier im Kinohit »Jurrasic Park« eine Küche verwüsten zu lassen, brauchten Hollywood-Techniker drei Monate. Damit der Nonsens-Nuschler Didi Hallervorden in einem ARD-Trailer zur Blödelreihe »Spott-Light« neben Helmut Kohl erscheinen und Rudolf Scharping in den Ohren bohren darf, bedurfte es bei den Frankfurtern nur knapp elf Stunden Tricktüftelei am Computer.

Nicht immer kommt bei den findigen Bildwerkern Supertechnik zum Einsatz. Fertige Filme werden auf schnellstem Weg zum Kunden geschickt - innerhalb Frankfurts per Fahrradkurier. Y

Zur Ausgabe
Artikel 50 / 115
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.