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Kulte Goldener Bocksgesang

Ein Althippie aus Helsinki will in Finnland den Goldschatz des Nikolaus heben.
aus DER SPIEGEL 49/1993

Wenn es weihnachtet im kalten Europa, sammeln sich alte und neue Hippies am Strand des indischen Goa. Gebannt lauschen sie dann, am Lagerfeuer unter sternklarem Tropenhimmel, der neuen Version einer uralten Legende: der Geschichte vom heiligen Nikolaus.

Die Schar der Nikolaus-Jünger hat sich in den vergangenen Jahren stetig vergrößert. Ihr Guru, der langbärtige finnische Fremdenführer Ior Bock, 51, präsentiert sich als direkter Nachfahre des einzig wahren Nikolaus.

Inzwischen hat sich die »Bock-Saga«, wie die Mär des Mannes aus dem hohen Norden von seiner Gemeinde genannt wird, auf der ganzen Welt verbreitet. Dafür sorgt ein Verein, der sich »Positive Foundation« nennt - und Geschäftsstellen in Berlin, Basel und Oslo, auf Ibiza und auf Hawaii betreibt. Allsommerlich folgen treue Bock-Anhänger ihrem Idol in seine finnische Heimat, um dort, zum Leidwesen der Behörden, nach einem sagenhaften Goldschatz des Nikolaus zu graben, mit Hilfe von Metalldetektoren und Bodenradar.

Was der Hippie zu berichten weiß, läßt alte Mythen in völlig neuem Licht erscheinen. Als halbwegs gesichert galt bislang, daß der Nikolaus-Kult seinen Ursprung im vierten nachchristlichen Jahrhundert im Mittelmeerstädtchen Myra (dem heutigen Kale in der Türkei) hat. Nikolaus, Bischof von Myra, so erzählt man sich seit dem 6. Jahrhundert, hatte drei Kinder wieder zum Leben erweckt, die von einem Metzger zerstückelt und eingepökelt worden waren.

So wurde der Wundertäter erst vom Volksmund, dann vom Papst zum Schutzpatron der Kinder befördert. Im Mittelalter umfaßte seine Klientel die Schiffer, Kaufleute, Bäcker und schließlich sogar die Metzger. Nordische Elemente, wie etwa der Rentierschlitten, wurden »Nikolaus«, »Santa Claus«, »Chlois« oder »Joulupukki« den Experten zufolge erst später angedichtet.

In Wirklichkeit jedoch, verkündet jetzt sein angeblicher Nachfahr, sei »Necklas« aus Skandinavien gebürtig und Stammvater der Familie Bock. Die Genesis der Finnen-Dynastie, dokumentiert in einer Broschüre der »Positive Foundation«, liest sich wie ein alttestamentarischer Ikea-Katalog: »Piruet zeugte Ruset, Ruset zeugte Jarlet, Jarlet zeugte Karlet und Karlet zeugte Trelet.« Die Geschichte vom Nikolaus, glaubt der Bock-Fachmann Udo Schneider, 40, aus Berlin, müsse »völlig neu geschrieben werden«.

Seinen Durchbruch in Deutschland erlebte der Nikolaus-Revisionismus im vergangenen Jahr in der Berliner Ufa-Fabrik. _(* Lageplan aus einer Broschüre der ) _("Positive Foundation«. ) »Der finnische Historiker Ior Bock« (dazu ernannte ihn das Süddeutsche Zeitung Magazin) persönlich hatte zu einem Vortragsmarathon über nordische Mythologie geladen, der sich über vier Wochenenden erstreckte.

Bock, der seine Vortragskarriere 1956 als Shakespeare-Kleindarsteller am Schwedischen Theater in Helsinki begonnen hatte, schlug den Bogen von der letzten Eiszeit ("die vor 50 Millionen 10 008 Jahren durch das Kippen der Erdachse eingeleitet wurde") und Hufgestalten der Antike (Pan, Dionysos, Satyr - alles Verwandte) über das sagenhafte Atlantis (das auf der Höhe von Helsinki versunken sein soll) bis hin zum skandinavischen Brauch, zur Weihnachtszeit einen »Julbock« in die Diele zu stellen.

Seine Ahnen, erzählt Bock, seien die »Aser« gewesen, ein vorgeschichtlicher Volksstamm, der nach dem Zeitalter des »Paradiset« im nordischen »Altlandis« gelebt habe. Jahrmillionen später, im 11. Jahrhundert, sei dann ein Sproß der Familie als gabenbringender Wohltäter von einem Berg an der heutigen finnisch-russischen Grenze zum niederen Waldvolk hinabgestiegen - der nordische Nikolaus.

So sei der 6. Dezember für ihn nicht nur Nikolaus-, sondern obendrein noch Familienfeiertag. Bis 1984 allerdings hätten seine Nachfahren das Geheimnis gehütet: »Der letzte echte Necklas«, behauptet Bock, »war mein Großvater.«

Daß der anschwellende Bocksgesang inzwischen bis nach Hawaii zu hören ist, erklärt sich daraus, daß er ein handfestes materielles Glücksversprechen birgt. Wachgehalten wird das Interesse der Fans durch die Kunde von sagenhaften Reichtümern des Bock-Geschlechts, die dem Necklas-Enkel zufolge seit Jahrtausenden im Boden ruhen.

Die »Schatzgräber der Wahrheit«, wie die Bock-Leute von Sympathisanten tituliert werden, haben sich seit 1987 mit Schaufel und Spitzhacke tief in einen steinigen Hügel gewühlt, der sich praktischerweise auf dem Bockschen Familienbesitz befindet, etwa 30 Kilometer östlich der Landeshauptstadt. Geborgen unter einer Kuppel aus Metall, versichert der Finne, harre dort das Familienheiligtum würdiger Erben. Der »Lemminkäinen-Tempel«, geht Bocks Saga, sei gleichsam die unterirdische Kommandozentrale der Nikolaus-Familie gewesen.

Die Buddelei blieb bislang erfolglos, obwohl Spezialfirmen mit aufwendigen geophysikalischen Untersuchungen beauftragt wurden. Die Grabung, jammert Esoterik-Autor Schneider, Berliner Vertreter der »Positive Foundation«, habe ihn bereits »20 000 Mark aus meinem väterlichen Erbteil gekostet«.

Mißtrauisch beäugt werden die Schatzsucher von den finnischen Behörden, seit der Guru seine Gefolgsmänner zu Grabungen auf öffentlichem Grund aussandte. Im nördlichen Finnland griff die Polizei ein, als in einer kalten Oktobernacht ein Häuflein verwegener Bock-Jünger daranging, im denkmalgeschützten Burghof von Kajaani den »Goldenen Bock« zu heben - eine 288 Kilo schwere Tierfigur, die in fünf Meter Tiefe vergraben sein soll.

»Die sogenannte Bock-Geschichte«, wurde den verhinderten Schatzgräbern vom Amt für Altertümer in Helsinki knapp beschieden, »kann nicht als verläßliche Quelle gewertet werden.« Die Anhänger des phantasiebegabten Scharlatans lassen sich durch kleingeistige Kritik nicht ins Bockshorn jagen. Videokassetten werden verschickt und Broschüren gedruckt, in denen der Meister über den »Spermien-Stammbaum« seiner Vorfahren schwadroniert.

»Iors Geschichte«, faßt der deutsche Bock-Bruder Wolfram Oehler, 36, zusammen, »basiert auf einem Klangsystem, in dem jede Silbe eine eigene Bedeutung hat.« Die Bock-Saga, schwärmt Oehler, verhalte sich zu bekannten Weltmodellen »wie ein Hologramm zu einem Schwarzweißfoto«. Um die Glaubwürdigkeit des Ex-Mimen zu belegen, schrecken die bienenfleißigen Neo-Nikolausianer nicht davor zurück, noch lebende Legenden der populären Kultur in das wuchernde Mythengeflecht zu verstricken: »Sogar die Rolling Stones«, schwört »Positive Foundation«-Propagandist Schneider, »haben in den sechziger Jahren in der Sauna von Bock geschwitzt.«

Gleichwohl stehen die Chancen schlecht, daß die Geschichte vom Nikolaus wirklich umgeschrieben werden muß. Denn die Saga aus dem hohen Norden ist, im Gegensatz zur ursprünglichen Legende, nicht jugendfrei. Mitglied in seiner weltumspannenden Kultgemeinschaft »Positive Foundation«, verkündet Bock mit religiösem Ernst, könne »jeder Mann werden, der schon einmal vom eigenen Sperma gekostet hat«. Y

* Lageplan aus einer Broschüre der »Positive Foundation«.

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