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KIRCHE Gottes heimliche Kinder

Es darf sie nicht geben: die Kinder, die einen Priester als Vater haben. Viele werden abgetrieben, aber manche gibt es doch - und sie werden geleugnet oder versteckt. So wird für den heimlichen Nachwuchs der katholischen Geistlichen das Leben oft zur Hölle auf Erden.
aus DER SPIEGEL 52/2002

Im alten Garten, gleich neben dem Pfarrhaus in der kleinen bayerischen Provinzstadt, spielen Pia, 8, und Florian, 6, als von der Kirche her eine junge Frau kommt. »Mama! Mama!«, rufen die Kinder und laufen ihrer Mutter Beate entgegen. Aus dem Pfarrhaus tritt ein Mann, der katholische Priester Martin, 48 - der Vater der beiden Kleinen.

»Papa! Papa!« dürfen sie ihm niemals laut und öffentlich entgegenrufen. Sie haben es sich darum gar nicht erst angewöhnt. Nicht einmal im gemeinsamen Wohnzimmer fällt ein »Vati« oder »Papi«. Ihren Vater nennen sie schlicht »Martin«.

Dabei ist ihre Mutter extra zu ihm gezogen, um mit ihren Kindern ihrem Mann täglich nahe zu sein - als offizielle »Pfarrhausfrau«. Züchtig und tüchtig: Die frühere Medizintechnikerin putzt heute das Pfarrhaus, wäscht seine Wäsche, kocht sein Essen. Ein mager bezahlter Job für rund 800 Euro.

Beate - die Haushälterin, Martin - der Pfarrer. Ein Klassiker der Tarnung für eine Familie, die es eigentlich gar nicht geben darf, für Kinder, die eigentlich nie hätten gezeugt werden dürfen.

Einige tausend Priesterkinder gibt es in Deutschland nach Angaben von Betroffenen-Initiativen: Rund 9000 der insgesamt fast 17 000 deutschen katholischen Geistlichen sollen, so die Schätzungen, sexuelle Beziehungen unterhalten, jeder dritte ein Kind gezeugt haben. Das bedeutet einige tausend verdrängte, verheimlichte Schicksale. Denn diese Kinder werden vielerorts behandelt, als wären sie etwas, was es offiziell gar nicht mehr geben darf: unerwünschte Bastarde. Über ihre Herkunft wissen sie nichts. Oder sie müssen ihre Väter verschweigen, wie Pia und Florian.

Erst wenn abends die schwere Haustür verschlossen wird, hört das Verstellen auf. Tagsüber kann immer jemand aus der Gemeinde unvermittelt in Diele oder Küche stehen. Tagsüber muss man auf der Hut sein. Abends werden die Vorhänge zugezogen, und die vier rücken zusammen. Sie spielen, sehen fern oder erzählen. Später, wenn die Kinder im Bett sind und Martin die Soutane längst abgelegt hat, geht Beate natürlich nicht zum schmalen Lager ihrer Dienstwohnung, sondern legt sich neben den katholischen Geistlichen ins gemeinsame Doppelbett.

Morgens weckt der Priester seine Kinder, Beate macht das Frühstück für die Familie - der ganz normale, verbotene Alltag unter einem katholischen Pfarrhausdach nimmt seinen Lauf.

Offiziell gilt Beate als allein erziehend. Familien-Urlaube beginnen mit getarnter Einzelabreise. Nur ein Studienfreund von Martin weiß Bescheid. Aber der lebt in seiner benachbarten Pfarrei ja auch mit Frau und Kindern zusammen.

»Bei evangelischen Pfarrern hängt die Wäsche im Vorgarten, bei katholischen im Hof«, spottet eine andere Priestertochter, Christina K., 20, aus Osnabrück. Mit neun Jahren erfuhr sie, dass ihr Patenonkel, der Priester, in Wirklichkeit ihr Vater war. Zur katholischen Kirche hat sie kaum noch Kontakt. Aber auch ihre Schwester Nele., 18, die der Gemeinde noch als Messdienerin die Treue hält, nennt die verordnete Keuschheit »unmenschlich«.

Ob Pia und Florian, Nele und Christina oder tausend andere - all diese Kinder, die bis heute ihre Väter nicht »Papa« nennen, weil sie die im Zwei-Silben-Alter nicht kannten, wollen dasselbe: laut und ohne Rücksichten von ihrem Leben erzählen.

Nicht, weil es so besonders wäre, sondern im Gegenteil: weil sie es für normal halten. Weil keiner, und schon gar nicht die Kirche, mehr so tun soll, als wären sie bloß peinliche Missgeschicke. Dafür sind sie zu viele. »Niemand soll sich mehr schämen, weder Priesterkinder noch deren Väter und Mütter«, fordert Christina K.

»Ich bin doch keine Sünde«, protestiert auch Günter Weindl, 59. Mit 36 Jahren ist er erstmals seinem klerikalen Erzeuger begegnet. »Ich bin das Schönste, was mein Vater je vollbracht hat«, verkündet Weindl. »Aber er hat sich bis an sein Lebensende nicht vergeben, dass es mich gibt.«

Den Vater plagten aber nicht etwa Schuldgefühle gegenüber dem verleugneten Sohn, sondern gegenüber seinem Gott. Auch das war mit ein Grund dafür, dass Weindl ein halbes Leben gebraucht hat, um sich selber anzunehmen.

Eine wie Anna, 15, fragt sich noch heute, ob es nicht besser wäre, »mich gäb es nicht« (siehe Seite 58). Und tatsächlich ist auch das ein gar nicht seltenes Schicksal des Verschmelzungsprodukts aus Priestersamen und Eizelle: Das beginnende Leben wird gar nicht erst ausgetragen. Im Namen Gottes zwingen immer wieder Kirchenmänner ihre schwangeren Partnerinnen, die verbotene Leibesfrucht abzutreiben - damit ja nicht werde, was nicht sein darf.

Und wer sich für die Kinder entscheidet, kommt um eine weitere Entscheidung nicht herum: Bekennt er sich zu seinem Nachwuchs, muss er seinen Beruf aufgeben - will er Priester bleiben, muss er sein Kind öffentlich leugnen.

Wie viele katholische Priester, die heimlich Frau und Kinder haben, hängt Martin so sehr an seiner Arbeit, dass er nicht von ihr lassen mag. Er liebt Beate, und er liebt sein Amt. Wegen der Familie den Traumjob aufgeben? Niemals! Der Trick der beiden mit der Haushälterinnen-Anstellung sollte wenigstens die jahrelange Superheimlichkeit mit Leiden für alle Beteiligten unterlaufen.

»70 Prozent in der Stadt ahnen unsere Verhältnisse und akzeptieren sie«, sagt Martin. Manchmal wird der Pfarrer augenzwinkernd gefragt: »Wie geht es deiner Frau?« Dann antwortet Martin »gut« und fragt einfach zurück »und deiner?«

Wer keinen geschützten Raum im Pfarrhaus hat, dem bleiben nur hastige Treffen. Das ewige Auf und Ab einer ungeklärten Beziehung. Kein wirkliches »Ja« und kein endgültiges »Nein«. Ein erniedrigendes inoffizielles Dasein für Frau und Kinder.

Die Geliebte eines Pfarrers muss leidensfähig sein, etwa wenn sie bei der gemeinsamen Fahrt aus dem Dorf heraus zwischen Armaturenbrett und Vordersitz abtauchen muss, um nicht gesehen zu werden. »Das sind dann die Beziehungen, die krank machen«, urteilt Beate. Besonders leiden müssten die Kinder: »Die einen wissen nicht, wer ihr Vater ist. Die anderen bekommen Besuch, der nicht sagt, dass er der Vater ist.«

Früher musste Beate auf Zehenspitzen zum geliebten Pfarrer schleichen, heute geht sie mit ihm Kleider und Schuhe kaufen, sitzt neben ihm im Theater oder Konzert. Aber ein Hauch von Geheimnis bleibt auf Schritt und Tritt: »Nur nicht Händchen halten und schmusen.«

Martin erinnert sich an seinen Jahrgang bei der Priesterweihe. »Bei der Verpflichtung zum Zölibat sagten die meisten: Schau''n mer mal! Zwischen 30 und 40 kam dann bei allen der erste große Frust übers einsame Priesterdasein auf.«

Die Lösung, die Martin und Beate gewählt haben, ist daher unter sehr vielen deutschen Pfarrhausdächern anzutreffen - so lange es den Zölibat gibt.

Katholische Politiker wie Heiner Geißler oder Rita Süssmuth, ja ganze Verbände wie das »Zentralkomitee der deutschen Katholiken« stellen die keusche Ehelosigkeit in Frage, genauso wie einzelne Theologen und innerkirchliche Reformgruppen. Hans Küng etwa oder Eugen Drewermann (siehe Interview Seite 60) gehören zu den prominenten Kritikern, ebenso wie der Leiter der Therapieeinrichtung für psychisch ausgebrannte Priester der Abtei Münsterschwarzach, Wunibald Müller, und sein Kollege Pater Anselm Grün. Müller: »Im Zusammenhang mit dem Zölibat sind Unwahrhaftigkeit, Doppelbödigkeit und Heuchelei in die Herzen vieler Priester eingezogen.«

Unerbittlich aber hält der amtierende Papst Johannes Paul II. dem entgegen: »Der Wert des Zölibats als Geschenk des Herrn an seine Kirche muss sorgfältig geschützt werden.« Diese freudlose 1700 Jahre alte Sichtweise ist aber selbst unter ranghöchsten Würdenträgern zunehmend umstritten. Rund 100 000 Priester haben weltweit in den vergangenen 30 Jahren vor allem wegen des Zwangs zur Enthaltsamkeit der Kirche den Rücken gekehrt. Spektakulär waren die Rücktritte eines irischen und eines Schweizer Bischofs, nachdem ihre Vaterschaft öffentlich wurde.

Britische, kanadische, brasilianische oder australische Bischöfe halten eine Aufhebung des Zwangzölibats für durchaus möglich und sinnvoll, nur in Deutschland ist man päpstlicher als der Papst. Trotz Priestermangel und sexueller Missbrauchsfälle - am Zölibat will keiner der 27 deutschen Bischöfe und Erzbischöfe rütteln. Der Bischof von Speyer, Anton Schlembach, nannte jüngst Geißlers Kritik eine »unverantwortliche Entgleisung«. Die »Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen« sei »eine freie Entscheidung«.

Nur ein Altbischof im Ruhestand, Hermann-Josef Spital aus Trier, wagte kürzlich zu fragen, ob nicht der priesterliche Lebensstil »auch im Hinblick auf den Zölibat noch gründlich bedacht werden« müsse.

Ihr halboffizielles Familienleben, diese »irgendwie typisch katholische Lösung«, weiß die angebliche Haushälterin Beate, »stützt den Fortbestand des Zölibats«. Aber auch grundsätzlich gebe es keinen Wunsch nach Veränderung, »weil die Kirche Macht aufgeben würde. Selbst viele Priester wollen in Wahrheit keine Veränderung, weil sie dann keine besonderen Männer mehr wären«.

Würden sie und Martin ihre Beziehung offen leben, weiß Beate, »käme es zu einer Gemeindespaltung, und die Kirchenobrigkeit würde Martin sofort versetzen oder rausschmeißen, wenn er sich nicht von uns lossagt«. Also laste aller Druck »auf meiner Seele und auf der der Kinder«. Zwar zeige sich bei vielen Einladungen, dass mehr Menschen als früher tolerieren, dass der katholische Hirte eine Frau hat. So werde sie oft mit eingeladen und meist auch noch hinzugefügt: »Und bringen Sie ruhig die Kinder mit.« Doch dann stehe bei den Feiern der Pfarrer »selbst bei Leuten, die ahnen, was bei uns los ist, vorn im Mittelpunkt, und die Kinder und ich müssen hinten alleine sitzen oder herumstehen. Wie fühlt man sich denn da?«

Elmar Gruber, 72, Seelsorger und Pfarrer in München, hat Dutzende von Mitbrüdern betreut, die am Zölibat gescheitert sind. Er kennt auch deren Kinder und Frauen und weiß, wie schwer es für sie alle ist, »ihr Schicksal anzunehmen«.

Vor allem wenn der Vater ein Mönch ist, gerät das unerwünschte Leben auf Erden zur Hölle. »Ich habe sehr gelitten«, sagt der Ex-Benediktiner Anselm Forster, 67, »aber mein Sohn musste die vielen Jahre der Heimlichkeit beinahe mit seinem Leben bezahlen.«

Zu seinem neunten Geburtstag, so hatte es die Mutter versprochen, würde er seinen Vater kennen lernen. Als Thomas Forster ihn dann sah, hatte er das Gefühl, von einem Drei-Meter-Brett ins Leere zu knallen. Der Mann, der vor dem Jungen stand, war weder ein Sean Connery noch ein berühmter Arzt, wie er es sich all die vaterlosen Jahre hindurch erträumt hatte. Stattdessen war er »unser kleiner Pfarrer-Freund, den ich ewig kannte, der keine Kinder haben durfte, und dann doch eins hatte, und zwar mich«, schreibt Thomas Forster, 25, in seiner Autobiografie*.

Der Schock, dass sein Vater »nur« der Rektor der Klosterschule Schäftlarn war, an der auch seine Mutter unterrichtete, war noch das geringste Problem. Das Kind wusste, dass es sein Wissen weder der vier Jahre jüngeren Schwester Gabriele, auch sie heimliche Tochter von Anselm, noch seinem älteren Halbbruder erzählen durfte. Weder mit Klassenkameraden noch mit Lehrern, nicht einmal mit der eigenen Oma durfte er sein Geheimnis teilen.

Das Problem der Forster-Familie war noch existenzieller als das anderer Priesterfamilien: Nicht nur der Mönch hätte seinen Job sofort verloren, wenn die heimliche Vaterschaft aufgeflogen wäre, sondern auch Thomas'' Mutter, die sich und die Kinder von ihrer Arbeit als Lehrerin an der Klosterschule allein ernährt hatte.

Mit welcher Rigidität sie rechnen mussten, hatte die Pädagogin erfahren, als sie zum zweiten Mal von ihrem zölibatären Geliebten schwanger war. Sie bat heimlich einen

Klosteroberen um der Kinder willen um Unterstützung. Statt Hilfe gab es einen Rat im Vorbeigehen: »So ist das also! Ich sage dir nur eines: Man muss Kinder nicht kriegen.«

Die vaterlose Familie räumte ihre Wohnung im Kloster und wurde obdachlos. Die Not war so groß, dass das Jugendamt Kinder und Mutter, die den Vater nicht outen mochte, trennen wollte.

Erst als Thomas zwölf Jahre alt war, beendete sein Vater das Doppelleben. Sein Austritt aus dem Orden und die anschließende Hochzeit 1989 wurden zum medialen Ereignis - doch die Beziehung, die heimlich mehr als ein Jahrzehnt gehalten hatte, scheiterte in ihrer neuen, öffentlichen Form schon nach einem Jahr. »Es war furchtbar«, erinnert sich die Tochter, »die beiden saßen auf dem Sofa und schwiegen sich an. Meine Mutter versuchte sich als Haus- und Ehefrau, die sie nie gewesen war, und er streifte durch die Räume wie ein gefangenes Tier. Manchmal stritten sie sich so, dass er mit Weingläsern oder Kruzifixen nach ihr warf.«

Natürlich weiß Gabriele, dass der Vater damals auch in einer Existenzkrise steckte - mit 54 Jahren war er auf einmal allem beraubt, woran er je geglaubt und wofür er gearbeitet hatte. Seine Frau sattelte derweil auf Altenpflegerin um. »Wir haben damals sogar Spenden von mitleidigen Menschen annehmen müssen, um durchzukommen«, erinnert sich Gisela Forster.

Nachdem seine Mutter ihren Mann per Anwalt vor die Tür gesetzt hatte, erlebte Thomas die schlimmste Auseinandersetzung seines Lebens mit dem fremd gebliebenen Vater. Als dieser Fotoapparat und Gläser abholen wollte, führte das zu einem handfesten Streit, weinend räumte der Ex-Mönch schließlich das Schlachtfeld.

Für Thomas beendete das Gerangel mit dem Vater die Kindheit. Er mutierte vom Vorzeigeschüler zum Lehrerschreck. Bei einem Gesundheits-Check wurde schließlich ein bösartiger Tumor entdeckt.

Selbst als die Tatsache, dass sein 17jähriger Sohn todkrank war, nicht mehr zu leugnen war, schaffte es der klostergedrillte Vater nicht, ihn zu besuchen. Er schluchzte zwar - aber nur ins Telefon: »Was hatten wir unserem Jungen für ein schönes Leben gewünscht.«

Den Krebs hat der junge Mann heute überwunden. Dem Vater hat er sich während der Krankheit »im hauchdünnen Nähebereich der gemeinsamen Wortlosigkeit« zuerst angenähert, inzwischen ist der ihm ein Freund geworden. Seiner Mutter kreidet er immer noch an, »dass ich zu Hause immer in die Vaterrolle gegenüber meinen Geschwistern gedrängt wurde«.

Gisela Forster hat zwei Prozesse gegen die Kirche verloren: einen gegen ihre fristlose Kündigung 1989 an der Klosterschule, den anderen um nachträgliche Alimente für ihre Kinder von Anselms Orden.

Zehn Tage nach Anselms Austritt aus dem Orden hatte das Kloster sie mit der mittelalterlich anmutenden Begründung entlassen, sie habe - erstens - eine Liebesbeziehung zu einem Mönch. Zweitens habe sie von diesem Mönch zwei Kinder. Und drittens seien die Punkte eins und zwei öffentlich bekannt geworden.

Die Lehrergewerkschaft GEW hielt diesen Vorgang arbeitsrechtlich für so brisant, dass sie die Kosten für die Anfechtung bis vor das Verfassungsgericht übernahm. Elf Jahre berieten die Karlsruher Richter - um am Ende die Klage nicht zuzulassen. Für die Alimentezahlung hatte Gisela Forster zwar vom Jugendamt einen Titel, »doch der Vater hatte ja kein eigenes Geld. Zwar trägt der Staat zu 85 Prozent die Kosten für die Klosterschule, an der Anselm 22 Jahre lang Oberstudiendirektor war. Doch als Mönch sieht er von dem Geld keinen Pfennig - und damit steht seinen Kindern laut Amtsgericht auch nichts von dem vorenthaltenen Gehalt zu«.

Dass Ordenspriester sich scheinbar außerhalb weltlicher Gerichtsbarkeit befinden, während Normalsterbliche, die sich weigern, Alimente zahlen, immer mit einem Bein im Gefängnis stehen, hat auch Klara, die Mutter eines Mönchskindes in Erfurt, erfahren. »Am besten, man geht ins Kloster«, konstatiert sie bitter, »dann kann man in der Weltgeschichte herumvögeln, wie man will - wenn was passiert, verschanzt man sich in seiner Zelle.«

Gelangt der Unterhalt, den die Väter unter den 14 700 Priestern der 27 deutschen Bistümer zahlen - oft nur auf Umwegen - auf das Konto der Mutter, so wird es noch diskreter, wenn ein Orden für einen der 2200 gehaltlosen Brüder einspringt: Alimente gibt es nur gegen Verschwiegenheit von Mutter und Kind - und dann auch nur über das Konto eines Anwalts oder Notars, damit die Herkunft des Geldes nicht so leicht nachvollziehbar ist.

Als ihre gemeinsame Tochter sechs Wochen alt war, traf sich die Augsburgerin Frederike mit dem Kindsvater, damals Abt eines Klosters, bei einem Notar. Einer offiziellen Vaterschaftsanerkennung wollte der Geistliche ausweichen. Beurkundet wurde auf dem Vier-Blatt-Papier, dass er anerkenne, »Erzeuger« des Kindes zu sein und sich deshalb verpflichte, »entsprechend der Regelverordnung für nicht eheliche Kinder« den jeweils gültigen Mindestbetrag zu zahlen.

Die Bosheit der guten Hirten stand auf Seite drei: die Verpflichtung, »über den Inhalt dieses Vertrages absolutes Stillschweigen zu bewahren«. Andernfalls, bei »Verletzung dieser Schweigepflicht«, drohe Schadensersatz. »Eigentlich war es Schweigegeld«, sagt die Mutter heute. »Meine Tochter und ich waren für den Abt und seinen Orden nur eine Kontonummer, an die Geld geht.«

Anders als Frederike in Augsburg muss Klara in Erfurt seit zwei Jahren hartnäckig um den Unterhalt für Alina, die gemeinsame Tochter, mit Daniel, einem Ordenspriester, kämpfen.

Daniels Reaktion auf die Schwangerschaft war zunächst überschwänglich: »Hach«, rief er aus, »wann wird es denn geboren? Wie soll es denn heißen? Weißt du was: Ich werd einfach evangelisch ...«

Als Klara ihn nach der Geburt im April 2000 anrief, nahm er die Existenz seiner Tochter zur Kenntnis - und legte auf. Immer wieder wechselte er die Telefonnummer, und sie konnte ihn nicht mehr ausfindig machen. Sein Orden schirmte ihn mit diffusen Auskünften ab.

Die Mutter traf ihn erst zur Vaterschaftsklage wieder, ein gutes Jahr später, im Flur vor dem Gerichtssaal. Dort sah er auch das erste und letzte Mal seine Tochter. »Wir saßen uns in dem kahlen Gang gegenüber, das fünf Monate alte Kind lag dick eingewickelt neben mir. Er traute sich nicht einmal zu uns herüber. Ich überlegte, es ihm einfach mal kurz in die Hand zu drücken. Doch jedem meiner Blicke wich er aus und guckte starr aus dem Fenster.«

Im Gerichtssaal bezweifelte er, der Vater zu sein. Seine Begründung empfand Klara als neue Demütigung: »Ich würde schließlich in einem Mehrfamilienhaus wohnen, in dem auch noch andere Männer leben.« Daraufhin wandte sich die Mutter an Daniels Ordenschef. »Woher sollen wir denn wissen, ob unser Bruder wirklich der Vater Ihres Kindes ist?«, schrieb dieser zurück.

Das Gericht ordnete einen Vaterschaftstest an. Ergebnis der DNS-Speichelproben: Zu 99,99 Prozent ist Daniel Alinas biologischer Vater.

Er verweigerte dennoch den Unterhalt. Der Orden sei arm, und Bruder Daniel habe ein Armutsgelübde abgelegt, wehrte auch die deutsche Kongregation ab. Er verfüge über keinerlei persönliches Einkommen, und daher gebe es auch kein Geld.

Klara schrieb an die Ordenszentrale in Rom: »Dieses Kind wird also nach dem Willen der Kirche niemals seinen leiblichen Vater wirklich kennen lernen. Die Chance zu entdecken, wie wichtig der andere Teil des eigenen Lebens ist, wird ihm verwehrt. Übrig bleibt der Traum von einem Vater.«

Aus Rom kam ein läppischer Dreizeiler zurück: »Wir können uns leider nicht in die Belange unserer Provinz einmischen.« Und die deutschen Ordensanwälte schrieben: »Eine Rechtspflicht des Ordens, für seinen Ordensbruder einzutreten, gibt es nicht. Es ist möglich, dass der Orden für Unterhaltspflichten der Ordensmitglieder aufkommt, sofern die Angelegenheit nicht an die Öffentlichkeit kommt.« Die Antwort der Mutter lautete: »Ich will keinen Unterhalt vom Orden für den Preis, dass ich für das Kind schweigen muss.«

Eineinhalb Jahre nach Alinas Geburt kam es erneut zur Verhandlung. Am Ende erging kein wirklich klares Urteil: »Der Orden will weder selbst verpflichtet sein noch eine Verpflichtung des Beklagten, aber Zahlungen sind möglich.« Vorläufig tritt also Daniels Orden für das Kind ein. Es bekommt seinen Mindestunterhalt, 158 Euro monatlich. Wenn der Orden nicht weiter freiwillig zahlt, muss die Mutter den Vater erneut verklagen.

Gleich nach der Geburt ihrer Tochter hat Klara ihr einen Brief geschrieben, den soll sie später einmal lesen: »Leider hat Dein Vater Dich nicht kennen gelernt. Wahrscheinlich hat er geahnt, dass man Dich nur lieb haben kann, wenn man Dich kennt. Und wenn man jemanden lieb gewinnt, kann man sich nicht mehr verstecken.«

Vielleicht wird Klaras Tochter es einmal so machen wie Günter Weindl, 59. Der war schon 36 Jahre alt, als er sich in die Bahn setzte, in Neufahrn bei München ausstieg und dann einfach klingelte - am Bungalow und Alterssitz von Hochwürden Modlmayer.

»Gruaß God, i bin da Weindl Günter«, stellte er sich vor und streckte dem fremden Mann die Hand entgegen. Der sagte gar nichts, ergriff bloß die hingestreckte Hand. Und dann passierte es: »Mir hat noch nie ein Mensch so die Hand geschüttelt«, sagt Weindl, »und so in die Augen geschaut und mich so angestrahlt und mir auf diese Art und Weise seine Liebe gezeigt.«

Ob seine Mutter noch lebe, wollte der Alte wissen, die Weindl Resi. »Freili«, sagte der Sohn, und der gefundene Vater erzählte, wie er sie geliebt habe, pries ihre »schönen Haare« und ihre »herrlichen Brüste«, deren Reizen er einst erlag. »Ich wurde in einem Wäldchen bei Buchbach gezeugt«, weiß Günter seitdem, »eine Frucht der Liebe.« Einer verbotenen Liebe.

»Willst Geld?«, hat ihn sein Vater zwischendurch misstrauisch gefragt. »Na, i wui koa Geld«, hat Günter geantwortet, »i wui di kenna lerna.« Danach habe er sich seit seiner Kindheit gesehnt, als man über ihn tuschelte, er sei »einer, der derf nit sei''«; auf Bayerisch: ein Priestersohn.

Drei Tage nach der heimlichen Niederkunft fern von ihrem Heimatdorf hatte ihn seine Mutter zur Pflege gegeben, zu einer 70 Jahre alten Frau, die bereits 36 Pflegekinder durchgebracht hatte.

Als er neun Jahre alt war, holte ihn seine leibliche Mutter zu sich. Ihr neuer Mann hatte erfahren, dass sie jeden Monat 70 Mark nach München überwies für ein geheimes Kind, und entschied: »Das Geld sparen wir. Der kann hier arbeiten.«

18 Jahre blieb er Knecht auf dem Hof seines Stiefvaters. 27 Jahre war er alt, als er fortging, um Lokomotivführer zu werden. Sein Stiefvater rief ihm hinterher »du Kruzifix-Stingi, du Varrecktar«. Es war das einzige Mal, dass Günter eine mütterliche Regung bei seiner Erzeugerin registrierte: Die Frau, die ihn einmal fast totgeschlagen hatte, als er ahnungsvoll nach seinem Priestervater fragte, weinte.

»Gott liebt die Bösen, damit sie gut werden«, lautet eine der Lieblingsbotschaften von Weindl, der von seinem Vater offenbar die Leidenschaft des Predigens mitbekommen hat. Sein zweiter Glaubenssatz heißt: Ein Mann ist nur glücklich, wenn er eine Frau glücklich machen kann. Das allerdings wusste schon sein Vater: »Sei gut zu den Frauen, Günter!« hat der alte Kirchenmann dem Nachkommen mit auf den Lebensweg gegeben.

Am Tag des Kennenlernens hatte ihm der alte Mann, der von nun an sein Vater war, noch ein Geheimnis anvertraut: »Eigentlich wollte ich gar nicht Priester werden«, sagte Hochwürden, »sondern Lokführer.« Da hat der Sohn glücklich geantwortet: »Des bin i dafür gworden.«

Doch auch wenn die Heimlichkeit früh ein Ende hat, die Väter in den Soutanen sich gleich nach der Geburt zu ihren Kindern bekennen und auf die »Missio«, das Recht, das geistliche Amt auch auszuüben, verzichten - die priesterliche Prägung des Familienvaters liegt oft wie ein Fluch auch über dem neuen Leben.

Sie bekämpfen das in Selbsthilfegruppen wie der »Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen« (http://vereine. nordwest.net/vkpf). Auch die »Vereinigung der vom Zölibat betroffenen Frauen« (zoelibatfrauen@gmx.de) ist nicht allein ein Kreis von Priester-Geliebten mit oder ohne heimliche Kinder. Viele sind heute mit den früheren Priestern verheiratet; ihre Kinder haben den Vater von Geburt an gekannt. Und dennoch klagen auch viele dieser Kinder über die innere Abwesenheit ihrer Väter - und die Frauen über ihre oftmals zeitlebens verklemmten, gebrochenen Gottesmänner.

Dass es auch anders geht, hat Walter K., 56, der Vater von Christina und Nele K., bewiesen, der inzwischen als Heilpraktiker arbeitet. Sein Bischof, berichtet der Priester, der »die Firma« verließ, als seine Älteste, heute 20, neun Jahre alt war, habe behauptet, er sei »der Einzige, der sich selbständig gemacht« habe. Die Familie K.-K. hat ihr Abtrünnigen-Stigma überwunden. Die Töchter sind froh, »Eltern zu haben, die noch auf der Rückbank knutschen, wenn wir in Urlaub fahren«.

In Gottesdienste verirrt sich K. heute selten, »zu wenig Entertainment«, findet er. »Jeder kriegt doch sofort mit, ob einer bloß daherredet oder wirklich was zu sagen hat. Dann merken Sie, hey, der Typ auf der Kanzel lebt ja. So einer hat immer irgendwo eine Beziehung, auch wenn er sie geheim hält.« K. weiß, wovon er spricht: Als er sein Verhältnis zu Susanne K. begann, deckten er, damals Kaplan, und der Pfarrer seiner Gemeinde sich gegenseitig - sie hatten beide Freundinnen.

Selbstbewusste, unbeschwerte Priesterkinder wie die K.-Töchter sind allerdings Ausnahmen. Sie hatten auf ungewöhnliche Weise das Glück, nicht unter Existenznot leiden zu müssen und auch immer einen »Papa« gehabt zu haben: den damaligen Mann ihrer Mutter. Susanne K. war noch verheiratet, als sie sich in Walter K. verliebte und von ihm Kinder bekam.

Trotzdem halten die K.-Schwestern das öffentlich Coming-out von Kindern für wichtig. Denn je mehr reden, desto weniger ist der Status quo zu halten. Für die Kinder gilt, jedenfalls wenn sie erwachsen sind, ein durch Alimente-Regelungen erzwungenes Schweigegebot nicht - und die Gesellschaft steht, im Gegensatz zur Kirche, in der Regel auf ihrer Seite.

Dann könnte auch die Debatte um das ungeborene Leben eine ganz eigene Perspektive bekommen. Bislang jedenfalls verliert gerade jene Instanz, die sich ganz dem Kampf gegen Abtreibung verschrieben hat, über die Opfer in den eigenen Reihen kein Wort. Dabei sind das nicht wenige, wie Partnerinnen von Priestern beklagen.

Die Lebensgeschichte der 40-jährigen Hessin Maria T. steht für viele. Als 18-Jährige erzählte sie nach dem Kindergottesdienst dem Pfarrer von ihrem Schicksal. Damals war sie schon ein Jahr lang Mutter - Folge einer Vergewaltigung. »Das Geständnis reizte ihn, mit mir zu schlafen.«

Das junge Mädchen, autoritär aufgezogen und ebenso wie der zur Keuschheit verpflichtete Geliebte, immerhin 31, »nur halb im Bilde in Sachen Verhütung«, wurde sofort wieder schwanger. »Er war glücklich darüber, denn noch mehr als eine Frau hat er sich einen Sohn gewünscht«, erzählt Maria. »Aber die Kirche wollte er nicht aufgeben. Er hat immer gesagt, er könne weder ohne sie noch ohne mich leben.«

Das Vatersein aber hatte der Pfarrer unterschätzt. »Es hat ihn so zerrissen«, sagt sie. »Es war ein ständiges Geheule; er konnte uns nur alle zwei bis drei Tage klammheimlich besuchen.« Obwohl er sich ein weiteres Kind unter diesen Umständen nicht vorstellen konnte, war Maria bald wieder von ihrem Priester schwanger.

»Er drohte mir mit Selbstmord, falls ich das Kind austragen würde«, erzählt sie. »All mein Flehen und Betteln nützte nichts. Ich hab ihn sogar mitgenommen zum Ultraschall, der Embryo war schon fast drei Monate alt. Ich hab so gehofft, er würde nachgeben, oder dass der Arzt ihm die Abtreibung ausreden würde.«

Aber kein Wunder geschah, ganz unkatholisch wurde das werdende Leben vernichtet. Nach dem Eingriff, sagt sie, »hab ich mich im Pfarrhaus allein ins Bett gelegt und stundenlang gekotzt«. Ihr Geliebter führte nebenan eine Gruppe von Schulkindern durch sein Gotteshaus. »In dem Moment war für mich Schluss mit der Kirche«, sagt Maria. »Die gibt sich einen Heiligenschein, aber da ist nur Jammer.« Über das verlorene Kind konnte sie mit dessen Vater nie reden. »Statt Trauer wollte er Sex, immerzu, jeden Tag.«

Vier Monate nach der Abtreibung mochte sie nicht weiterleben. Mit Cognac spülte die heimliche Priester-Geliebte Schlaftabletten hinunter - erst als ihr kleiner Sohn nebenan wach wurde und nach ihr rief, »kam ich zur Besinnung«.

Statt die Welt und ihre Kinder zu verlassen, verließ sie den Vater.

ANNETTE BRUHNS, PETER WENSIERSKI

* Karin Jäckel/Thomas Forster: »... weil mein Vater Priesterist«. Bastei-Lübbe; 400 Seiten; 6,45 Euro.

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