Gotthard Jede Menge Sprengstoff im Tunnel

Nach Angaben eines Schweizer Armeesprechers ist im Gotthard-Tunnel Sprengstoff des Militärs in den Fels eingegossen. Eine Explosionsgefahr auf Grund der starken Hitze bei dem Tunnelbrand vom Mittwoch habe jedoch nicht bestanden.


Nach dem Inferno: Asche bedeckt einen Wagen im Gotthard-Tunnel
REUTERS/POLIZIA DEL CANTONE TICINO/

Nach dem Inferno: Asche bedeckt einen Wagen im Gotthard-Tunnel

Airolo - Kaum auszudenken, wenn die Hitze von mehr als 1000 Grad, die durch zwei brennende Lkw erzeugt wurde, auch noch zu einer gewaltigen Explosion im Tunnel geführt hätte. Militärsprecher Urs Caduff bestätigte in Airolo gegenüber Journalisten, dass auch im Gotthard-Tunnel Sprengstoff zur Landesverteidigung lagere. Die Zünder befänden sich allerdings von den Sprengkörpern getrennt in speziellen Sicherheitsräumen. "Es bestand zu keinem Zeitpunkt des Unfalls eine Explosionsgefahr", sagte Caduff unter Bezug auf die Brandkatastrophe mit zehn Todesopfern.

Dass die Schweiz aus Gründen der Landesverteidigung Tunnel mit Sprengstoff sichert, ist bekannt. Die Ladungen sind so angebracht, dass die Bauwerke zusammenfallen und ein Durchkommen verhindert wird. Carduff sagte weiter, der Schweizer Generalstabschef Hans-Ulrich Scherrer habe vor einigen Wochen angeordnet, mit der Entladung der an verschiedenen strategischen Verkehrsachsen in der Schweiz angebrachten Sprengkörper zu beginnen. Bei der Wiederöffnung werde es im Gotthard-Tunnel keinen Sprengstoff mehr geben, sagte Caduff. Diese wird um Ostern erwartet.

Angst vor giftiger Luft verzögert Bergung

Fünf Tage nach dem Brandinferno haben sich unterdessen die Bergungsarbeiten aus Angst vor giftigen Luftpartikeln am Unglücksort verzögert. Ursprünglich wollten am Montagmorgen bereits Spezialisten vom Erkennungsdienst auch in die am stärksten zerstörte so genannte rote Zone vordringen. Zuvor musste jedoch geprüft werden, ob sich giftige, durch den Brand freigesetzte Partikel aus Lkw-Ladungen in der Luft befinden.

Die Behörden korrigierten die Zahl der Opfer von elf auf zehn. "Wir gehen weiterhin davon aus, dass keine weiteren Opfer gefunden werden", sagte der Sprecher der Kantonspolizei Tessin, Luca Bieri, am Montag in Airolo. Die Anzahl der Meldungen über Vermisste ging von bisher über 100 auf 28 zurück.

Bei den Untersuchungen hilft auch die Schweizer Organisation zur Identifizierung von Opfern "Disaster Victim Identification" (DVI). Ihr gehören 15 Spezialisten an. Die Organisation war nach dem Swissair-Absturz im September 1998 über dem kanadischen Halifax gebildet worden und auch schon für das Uno-Kriegsverbrechertribunal zwei Mal im Kosovo im Einsatz. DVI-Experten reisten nach dem Attentat auf das World Trade Center auch nach New York.

Die Fachleute wollen die genaue Unglücksursache ermitteln, was aber zwei bis drei Wochen dauern kann. Zwölf Fahrzeuge stehen in der "roten Zone" nahe der Unfallstelle. Sie dürften weitgehend zerschmolzen und verklumpt sein.

Der befürchtete Verkehrsinfarkt in der Schweiz blieb, abgesehen vom ersten Tag des Unglücks, weitgehend aus. Die Lastwagen weichen auf den Brenner aus oder nutzen das verstärkte Transportangebot der Bahn. Nach Berner Regierungsangaben fahren nach dem Unfall im Gotthard-Tunnel auf der Ausweichroute über den San Bernardino siebeneinhalb Mal mehr Lastwagen pro Tag als sonst. Derzeit steht für die Schweiz die Öffnung des Gotthard-Passes für den Personenverkehr bis Ende Dezember im Vordergrund.

Ob der Gotthard-Tunnel später einspurig für den Schwerverkehr freigegeben werden kann, wird geprüft. Im Schnitt fuhren in der vergangenen Woche 4500 schwere Fahrzeuge über die Bündener Transitachse, im Gegensatz zu den üblichen 600.



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