Greta Thunberg im Braunkohlerevier »Ein Ort voller Traurigkeit«

Greta Thunberg besucht den Tagebau Garzweiler – zur selben Zeit kündigt RWE an, für den Kohleabbau demnächst Häuser abzureißen und Bäume zu roden. Im rheinischen Revier droht die nächste Eskalation.
Aus Erkelenz berichtet Lukas Eberle
Klimaaktivistin Thunberg im rheinischen Braunkohlerevier: »So etwas sollte nicht passieren«

Klimaaktivistin Thunberg im rheinischen Braunkohlerevier: »So etwas sollte nicht passieren«

Foto: Ina Fassbender / AFP

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Es ist ein Auftritt, bei dem erst einmal geschwiegen wird. Greta Thunberg tritt in Lützerath aus einem Holztor, das zu einem Bauernhof gehört. Neben ihr gehen der Besitzer des Hofs und die Klimaaktivistin Luisa Neubauer. Sie haben ein Schild dabei, das sie vor den eingeladenen Reportern in den Boden rammen. »Defend Lützerath« steht darauf, verteidigt Lützerath.

Stille, die Kameras der Fotografen klicken. Irgendwann ergreift einer der auch anwesenden Aktivisten das Wort. Man wolle ein Zeichen setzen, um Lützerath zu retten, »das nach den Plänen von RWE und Armin Laschet noch dieses Jahr zerstört« werden solle, sagt er.

Thunberg lehnt sich auf das Schild, sie blinzelt, die Sonne blendet sie. Dann soll sie sprechen. Das hier, sagt sie, sei »ein Ort voller Traurigkeit«. Es sei seltsam, dass Politiker behaupteten, sie würden gemäß dem Pariser Klimaabkommen handeln, denn dieselben Politiker ließen es zu, dass Dörfer wie Lützerath für Braunkohle zerstört würden.

»Und sie kommen damit auch noch davon«, sagt Thunberg.

Das neue Zentrum des Klimaprotests

Am Freitag trat sie in Berlin auf. Um ihren Besuch im rheinischen Braunkohlerevier am Samstag wurde im Vorfeld ein großes Geheimnis gemacht. Sie sei mit der Bahn nach Nordrhein-Westfalen gekommen, heißt es. Und dann mit dem Elektroauto bis nach Lützerath gefahren. Nun steht Thunberg an jenem Ort, an dem sich die größten Tagebaue Europas befinden, an dem der Energiekonzern RWE in gigantischen Gruben mehr als 60 Millionen Tonnen Braunkohle im Jahr schürft. Ein Ort, an dem jedes Jahr Millionen Tonnen CO₂ in die Atmosphäre gepustet werden.

Es ist Thunbergs zweiter Auftritt hier. Im Sommer 2019 reiste sie in den Hambacher Forst. Diesmal ist die Klimaaktivistin zum Tagebau Garzweiler gekommen, die Grube liegt südlich von Mönchengladbach. Thunbergs Besuch ist auch ein Zeichen dafür, dass Garzweiler den Hambacher Forst als Zentrum des Klimaprotests in Deutschland inzwischen abgelöst hat.

Der Wald zwischen Köln und Aachen wird nicht mehr gerodet, der Konflikt um die Kohle geht trotzdem weiter. Die Gegenspieler sind dieselben geblieben: RWE, Klimaaktivisten und Polizisten stehen sich nach wie vor unversöhnlich gegenüber. Nur der Ort, an dem der Streit ausgetragen wird, hat sich verändert.

Ortseingang von Lützerath: Früher hieß es: »Hambi bleibt«, jetzt heißt es: »Lützi bleibt«

Ortseingang von Lützerath: Früher hieß es: »Hambi bleibt«, jetzt heißt es: »Lützi bleibt«

Foto: Lukas Eberle / DER SPIEGEL

Mehrere Dörfer rund um den Tagebau Garzweiler sind zum neuen Symbol der Aktivisten geworden. Es sind Ortschaften, die zur Stadt Erkelenz gehören. Sie sollen umgesiedelt und abgerissen werden, RWE möchte dort Kohle abbaggern. Das Dorf Lützerath ist wohl als nächstes dran, es liegt direkt an der Grube. In den vergangenen Monaten ist es zur Pilgerstätte von Klimaschützern und Klimaaktivisten aus dem ganzen Land geworden. Früher hieß es: »Hambi bleibt«, jetzt heißt es: »Lützi bleibt«.

Thunberg spricht von einer »schrecklichen Realität« für die Dorfbewohner. »So etwas sollte nicht passieren.« Es gehe ihr darum, Aufmerksamkeit zu schaffen, Menschen müssten in Massen mobilisiert werden. Leute, die bereit seien, für Klimagerechtigkeit zu kämpfen. Es gebe in der Geschichte viele Beispiele von Veränderungen, an die zuvor niemand geglaubt habe. »Wenn genug Menschen den Wandel fordern, kommt er hoffentlich auch.«

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Beim Gang durch Lützerath geht man an verlassenen Backsteinhäusern vorbei, die Rollläden vor den Fenstern sind heruntergelassen, manche Fenster sind zugemauert. Ein paar Meter weiter, in einem kleinen Wald, trifft man auf Klimaaktivisten. Manche von ihnen sind vermummt. Sie haben schon mehrere Baumhäuser in den Wald gebaut. Es sieht aus, als bereiteten sie sich darauf vor, Widerstand zu leisten.

»Diese Wahl wird die Klimakrise nicht lösen«

Es ist wohl kein Zufall, dass Thunberg an jenem Tag nach Nordrhein-Westfalen gekommen ist, an dem Armin Laschet zum Wahlkampffinale Angela Merkel in seiner Heimatstadt Aachen empfängt. Zur Wahl möchte Thunberg nicht viel sagen. Nur soviel: »Diese Wahl wird die Klimakrise nicht lösen, egal wie das Ergebnis ist. Das hier dauert noch viel, viel länger.«

Die Lage der Dörfer am Tagebau ist kompliziert, der Streit um sie ist hochpolitisch. Das Problem lasse sich »nicht leicht lösen«, sagt selbst Thunberg.

Bis spätestens 2038 möchte Deutschland aus der Kohleverstromung aussteigen, das ist per Gesetz beschlossen. Es geht jetzt um die Frage, wie hart der Übergang sein soll, sein darf. Woher der Strom in Zukunft kommen kann, und wie schnell das alles gehen muss.

Baumhäuser bei Lützerath: Es sieht aus, als bereiteten sich die Aktivisten darauf vor, Widerstand zu leisten.

Baumhäuser bei Lützerath: Es sieht aus, als bereiteten sich die Aktivisten darauf vor, Widerstand zu leisten.

Foto: Lukas Eberle / DER SPIEGEL

In den vergangenen Jahrzehnten haben im Rheinland mehr als 40.000 Menschen ihre Heimat für den Braunkohletagebau verlassen. Ist es im Jahr 2021 noch nötig, Leute umzusiedeln, Dörfer abzureißen? Oder sollte damit Schluss sein, da die Tage der Kohle sowieso gezählt sind?

Im März legte die NRW-Landesregierung ihre Leitentscheidung vor, um den Ausstieg aus der Braunkohle zu regeln. Demnach sollen die Erkelenzer Stadtteile Keyenberg, Kuckum, Oberwestrich, Unterwestrich und Berverath noch abgebaggert werden. Genauso wie die Ortschaften Immerath und Lützerath, die schon fast komplett zurückgebaut sind. Allerdings kündigte das Wirtschaftsministerium an, die Lage bis 2026 erneut prüfen zu wollen. Es solle dann geklärt werden, ob die Umsiedlungen noch nötig seien.

Die Dörfer hätten eine Zukunft, sagen die Grünen im Landtag. Sie stützen sich auf eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, die von der Initiative »Alle Dörfer bleiben« in Auftrag gegeben wurde. Die Forscherinnen und Forscher legen eine »angepasste Abbauplanung« für den Tagebau Garzweiler vor. Man könne die internationalen Klimaziele einhalten, heißt es in der Studie, und alle noch bewohnten Dörfer erhalten, auch Lützerath.

RWE möchte demnächst roden

RWE sieht das anders. Die Landesregierung habe »die energiewirtschaftliche Erforderlichkeit für das gesamte Abbaufeld Garzweiler« bestätigt, schreibt ein Konzernsprecher auf SPIEGEL-Anfrage. Fünf der betroffenen Dörfer würden vor Ende 2026 »nicht bergbaulich in Anspruch« genommen. Lützerath allerdings schon.

»RWE Power wird zu gegebener Zeit den Rückbau leer stehender Häuser von bereits umgesiedelten Einwohnern fortsetzen«, teilt der RWE-Sprecher mit. »Ebenso werden innerhalb der Rodungsperiode 2021/2022 tagebauvorbereitende notwendige Rodungsarbeiten innerhalb und außerhalb des Ortes durchgeführt.« Die Maßnahmen seien »seit Langem genehmigt«, sie seien nötig, um »den Tagebau planmäßig weiterzuentwickeln«. Geht es nach dem Energiekonzern, ist Lützerath bis Ende 2022 verschwunden.

Es fallen vermutlich bald Bäume und Häuser. Vielleicht schon in wenigen Tagen, die Rodungssaison beginnt jedes Jahr am 1. Oktober. Der Landwirt, mit dem Thunberg vor die Journalisten tritt, will seinen Hof nicht verlassen. Er wehrt sich juristisch gegen seine Enteignung.

Was den Tagebau Garzweiler und Lützerath betrifft, gebe es »keine aktuelle Einsatzplanung«, sagt eine Sprecherin der Polizei Aachen. Man stimme sich aber mit den zuständigen Behörden ab, es gebe »Klärungsbedarf«. Es hört sich so an, als wüssten die Polizistinnen und Polizisten gern, ob sie bald in den nächsten umstrittenen Großeinsatz geschickt werden.

Im September 2018 rückten Hunderte Einsatzkräfte im Hambacher Forst an, sie mussten Aktivisten vertreiben, Baumhäuser abreißen. Die Landesregierung hatte die Stadt Kerpen und den Kreis Düren damals angewiesen, den Wald räumen zu lassen. Das Verwaltungsgericht Köln entschied kürzlich, dass das rechtswidrig gewesen sei.

Thunbergs Auftritt vor den Reportern dauert nur 17 Minuten. Sie werde sich auch noch die anderen Dörfer ansehen, die von den Umsiedlungen bedroht sind, heißt es. Wie lange sie im Braunkohlerevier bleibt, möchte sie nicht sagen. Bevor sie wieder hinter dem Holztor verschwindet, wird sie noch gefragt, ob ziviler Ungehorsam ein gerechtfertigtes Mittel sei, um die Klimakrise zu bekämpfen. »Wenn er friedlich ist, ja«, sagt Thunberg.

Doch wie sieht friedlicher ziviler Ungehorsam aus? Auch darüber gehen im Braunkohlerevier die Meinungen weit auseinander.

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