Warum die meisten Kommentare gegen Greta Thunberg eigentlich nur beweisen, dass sie recht hat

Mit welchen Argumenten Menschen zeigen, dass sie keine anderen haben
Foto: Markus Schreiber/dpa

Dieser Beitrag wurde am 27.01.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Greta Thunberg findet klare Worte gegen den Klimawandel. Und damit auch gegen alle, die sie in der Verantwortung sieht, etwas dagegen zu tun. Für die 16-jährige Schwedin sind das vor allem Spitzenpolitikerinnen und -politiker, aber auch alle Erwachsenen, die die Augen vor der Klimakrise verschließen.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos hielt Greta – wie schon auf dem Weltklimagipfel – eine emotionale Rede. Sie appellierte an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass sie so handeln sollten, als würde ihr Haus brennen. Denn genau das täte es.  

Ich will eure Hilfe nicht, ich will nicht, dass ihr voller Hoffnung seid. Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre.

Greta Thunberg

Doch damit, dass ihnen ausgerechnet eine 16-jährige Schülerin den Spiegel vorhält, kommen manche Menschen offenbar nicht zurecht. Jedes Mal, wenn sich Greta zum Klimawandel äußert, gibt es auf Twitter und Facebook zahlreiche Kommentare. Und meistens haben die mit Gretas Person zu tun – nicht mit ihren Aussagen

Wir haben die Argumente ihrer Kritikerinnen und Kritiker genauer angesehen und dabei zwei typische Muster identifiziert.

1 Der persönliche Angriff:

Jedes Mal, wenn es um Greta geht, kommen Argumente wie diese:

Greta könne nicht Recht haben, denn sie sei...

  • ... nur ein Kind, das lieber zur Schule gehen sollte.
  • ... psychisch krank.
  • ... von ihren Eltern und Klimaschützern instrumentalisiert worden.

Statt sich also mit dem Inhalt ihrer Aussagen zu befassen, wird in den Kommentaren Greta als Person, ihre Gesundheit und fachliche Qualifikation, etwas zum Thema "Klimakrise" sagen zu dürfen, diskutiert.

Bei einem solchen Argument wird die gegnerische These durch einen Angriff auf die Persönlichkeit oder die Eigenschaften desjenigen, der diese vertritt, angefochten. In der Fachsprache nennt man so eine Strategie "Argumentum ad hominem". (Wikipedia )

Dadurch wird Greta als Person herabgesetzt und so das, was sie fordert nicht ernst genommen – weil sie nicht ernst genommen wird.

2 Der Whataboutism-Kommentar:

Wer seine Forderungen ernst meint, der lebt auch danach, oder? 

Greta fordert, dass die Menschheit ihr Verhalten drastisch verändert. Gerade deshalb nehmen ihre Kritikerinnen und Kritiker Gretas eigenes Verhalten ganz genau unter die Lupe – und versuchen, sie mit vermeintlichen eigenen Fehltritten zu diskreditieren. Diese Strategie nennt man auch "Whataboutism". (Wikipedia )

Ein Beispiel: Auf der Zugfahrt zum Weltwirtschaftsforum nach Davos hatte sich Greta, die sich vegan ernährt, etwas zu Essen mitgenommen. Auf einem Foto, das sie auf Twitter gepostet hat, sieht man, wie sie Toastbrot und Salat auf einen Tisch vor sich gestellt hat. Das Toastbrot ist in Plastik eingepackt. Der Salat auch, in ihm steckt noch eine schwarze Einweggabel. Ein Einwegbecher aus Pappe steht daneben. 

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Dieses Foto kam Kritikerinnen und Kritikern wie gerufen und sorgte für Whataboutism-Kommentare wie diesen:

"Greta will, dass wir den Klimawandel stoppen, aber sie isst in Plastik verpackte Lebensmittel."

Ob es für einen Menschen in einer Gesellschaft, die etliche Lebensmittel in Plastik verpackt verkauft, möglich sein kann, auf einer Zugfahrt ohne Plastikmüll zu reisen, sei dahingestellt. Dass es die Politikerinnen und Politiker sind, die etwas an diesem Sachverhalt ändern könnten und nicht in erste Linie Greta, geht durch diese Argumentation allerdings völlig unter.

Und auch, dass Greta, um CO2 einzusparen auf einen Flug nach Davos verzichtete und über 30 Stunden mit dem Zug in die Schweiz und noch einmal über 30 Stunden zurück nach Schweden fuhr, während so viele andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums wie noch nie mit einem eigenen Privatjet anreisten, spielt offenbar keine Rolle. 

Stattdessen wird versucht, Greta und ihre Anliegen unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Einzig und allein deshalb, weil sie Toast aus der Pastikverpackung isst, in der dieser verkauft wird. 

Darf man Greta denn gar nicht kritisieren?

Man sollte Greta nicht zu etwas machen, das sie nicht ist. Sie ist sicher nicht für jeden Menschen eine klassische Heldin. Und sie ist vor allem eines grundsätzlich nicht – perfekt.

Trotzdem bringt sie Probleme zur Sprache, die andere lieber totschweigen möchten, bis es nicht mehr anders geht. Denn für Greta geht es jetzt schon nicht mehr anders. Sie will, dass ihr die Menschen zuhören und etwas verändern

Dass andere stattdessen mit persönlichen Angriffen reagieren oder vermeintliche Ungereimtheiten in Gretas eigenem Verhalten kritisieren zeigt eigentlich nur, dass sie keine sachlichen Argumente haben

Vielleicht hat Greta Thunberg bei diesen Menschen einfach den Finger in die Wunde gelegt. Und sie sollten sich mal fragen, warum sie diese 16-jährige Schwedin eigentlich wirklich so wütend macht.