Griechenland Feuerhölle verwüstet den Peloponnes

Feuerstürme im Süden Griechenlands: Flammen fegen über die Halbinsel Peloponnes, vernichten Wälder, legen Dörfer in Schutt und Asche. Tausende flüchten, mindestens 44 Menschen starben. Die Zahl wird wohl weiter steigen: Noch sind viele Dörfer vom Feuer eingeschlossen.

Von Gerd Höhler, Athen


Die ganz Nacht über erreichten die griechischen Rundfunk- und Fernsehsender telefonisch verzweifelte Hilferufe aus den bedrohten Ortschaften: "Wo bleibt die Feuerwehr, um Gottes Willen!", rief ein weinender Mann im Rundfunk, "schickt uns endlich Hilfe, tut doch etwas, wir verbrennen!".

Vielerorts waren die Feuerwehren völlig machtlos. Allein am Freitag brachen auf dem Peloponnes innerhalb weniger Stunden nahezu 100 Brände aus. Löschflugzeuge konnten wegen der Winde, die mit Sturmstärken von sieben bis acht Beaufort wehten, nur sporadisch eingesetzt werden. Der Wind fachte die Flammen zu regelrechten Feuerstürmen an, die sich rasend schnell durch die Wälder voranfraßen.

Wo die Flammen gewütet haben, stoßen die Rettungstrupps auf schreckliche Szenen. Viele Opfer verbrannten qualvoll in ihren Autos, als sie vor den Flammen zu fliehen versuchten. Immer wieder finden die Löschmannschaften auf den Straßen im Katastrophengebiet ausgebrannte Autowracks mit verkohlten Leichen. Unter den Opfern sind mindestens sieben Kinder. "Vielen meiner Männer kommen immer wieder die Tränen", berichtete ein Feuerwehroffizier, "so etwas Grauenhaftes habe ich noch nie gesehen". Auch drei Feuerwehrleute wurden von den Flammen eingeschlossen. Sie verbrannten in ihrem Löschfahrzeug.

Bei der Ortschaft Sacharo kamen in der Nacht zum Samstag neun Menschen in ihren Autos ums Leben, nachdem ein Pkw mit einem Löschfahrzeug der Feuerwehr zusammengestoßen war. Die Unfallstelle, an der sich der Verkehr inmitten der Flammen staute, wurde für die flüchtenden Menschen zur Todesfalle. Ebenfalls in der Nähe von Sacharo fanden Feuerwehrleute die verkohlten Leichen einer Mutter und ihrer vier kleinen Kinder. "Sie hielten sich in den Armen", berichtete erschüttert Panos Sombolos, ein Polizeireporter des griechischen Fernsehens.

Zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen

Fünf Menschen, unter ihnen eine Ehepaar aus Frankreich, starben bei einem Hotel in der Nähe der Ortschaft Areopoli. Sie hatten offenbar versucht, zu Fuß zum Strand zu fliehen, wurden aber von den Flammen überwältigt. Ob weitere Urlauber unter den Opfern sind, ist bisher noch unklar. Die meisten der geborgenen Leichen sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Die Identifizierung wird Tage dauern. Der Athener Verteidigungsminister Wangelis Meimarakis schickte mehrere hundert Soldaten und ein Feldlazarett ins Katastrophengebiet.

Dramatische Szenen spielten sich heute auch auf der Insel Euböa östlich Athens ab, wo ein Großbrand mehrere Dörfer bedrohte. Die Einwohner flüchteten zum Meer, wo sie von kleinen Fährschiffen und Fischerbooten aufgenommen und zum Festland gebracht wurden. Ein weiterer Brand breitet sich seit heute Mittag bei Megalopolis auf dem Peloponnes aus. Hier wurden fünf Dörfer evakuiert.

Während die Feuerwehren auf dem Peloponnes noch gegen die sich immer weiter ausbreitenden Brände kämpfen und immer weitere Dörfer evakuiert wurden, brach am Samstagmittag ein weiterer großer Brand am Stadtrand Athens aus. Die Flammen wüteten in einem Waldstück am Berg Hymettus, breiteten sich schnell aus und griffen auf ein fünfstöckiges Wohnhaus am Rand des Athener Stadtteils Papagou über. Die Bewohner konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Anwohner berichteten, sie hätten kurz vor dem Ausbruch des Feuers zwei Explosionen gehört. Ein Kloster musste geräumt, die Athener Stadtautobahn gesperrt werden.

Auch östlich Athens brachen zwei Brände aus. "Ich habe keine Zweifel, dass es sich um Brandstiftung handelt", sagte der Feuerwehrsprecher Nikos Diamantis.

Nachdem die griechische Regierung am Freitagabend an die EU-Staaten appelliert hatte, "jede nur erdenkliche Hilfe" zu leisten, kamen heute positive Signale aus Brüssel. Laut EU- Kommission läuft die Organisation der Maßnahmen auf Hochtouren. Demnach will Frankreich noch heute zwei Löschflugzeuge schicken. Auch Norwegen sei bereit, eine Maschine zu entsenden. Aus Deutschland sollten drei Hubschrauber kommen.

Ein solches Flammen-Inferno hat Griechenland in seiner jüngeren Geschichte noch nicht erlebt. Ministerpräsident Kostas Karamanlis, der die ganze vergangene Nacht im Katastrophengebiet auf dem westlichen Peloponnes verbrachte, sprach von einer "nationalen Tragödie". Der sozialistische Oppositionschef Giorgos Papandreou, der ebenfalls die vom Feuer verwüsteten Gebiete bereiste, berichtete von "Szenen biblischer Zerstörung".

In drei Wochen wird in Griechenland ein neues Parlament gewählt. Den Eindruck, sie gingen nun in den eingeäscherten Wäldern und abgebrannten Dörfern auf Stimmenfang, wollen die beiden Spitzenpolitiker aber gar nicht erst entstehen lassen. Für die nächsten zwei Tage sagten die Parteien alle Wahlkampfveranstaltungen ab. Die Regierung verspricht den Bewohnern der Katastrophenregion rasche Hilfe. Die Menschen in den abgebrannten Dörfern stehen vor dem Nichts. Sie haben ihre Häuser, all ihr Hab und Gut, ihre Herden, ihre Anbauflächen und ihre Landmaschinen verloren.

Kritik an der Feuerwehr

Das ganze Land steht unter Schock. Zum Feiern ist kaum noch einem Zumute. Viele Sportveranstaltungen und Feste werden abgesagt: So auch alle Spiele der ersten Fußball-Liga.

Der konservative Premier Karamanlis muss fürchten, dass ihn die Katastrophe Wählerstimmen kosten wird. Denn wie schon während der verheerenden Feuerstürme vom Juni und Juli kritisieren Einwohner und Kommunalpolitiker der betroffenen Ortschaften jetzt schwere Versäumnisse bei der Ausrüstung der Feuerwehren und Koordinationsmängel bei der Brandbekämpfung.

Über die Ursachen der Brände kann man bisher nur spekulieren. So viele Feuer, die im Abstand von wenigen Minuten ausbrechen, allein am Freitagabend zwischen 21.00 Uhr und Mitternacht 25 Brände, über 180 in den vergangenen 24 Stunden: niemand in Griechenland mag daran glauben, dass dies natürliche Ursachen hat. Der Verdacht auf Brandstiftung steht im Raum.

Vielleicht sind Grundstücksspekulanten am Werk, die "wertlosen" Wald in lukrativen Baugrund verwandeln möchten, vielleicht Hirten, die mit Feuerrodungen Weideland für ihre Herden schaffen wollen, vielleicht auch sind kriminelle Motive im Spiel. In die Ermittlungen der Brandursachen haben sich jedenfalls der griechische Geheimdienst EYP und die Anti-Terror-Einheit der Polizei eingeschaltet.



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