Griechische Polizisten Prügelknaben für den Pleitestaat

Mies ausgebildet, unterbezahlt und tief frustriert: Griechische Bereitschaftspolizisten müssen für eine Regierung einspringen, von der sie nicht viel zu erwarten haben. Warum halten die Beamten dennoch die Knochen hin? Besuch bei einem der enttäuschten Verteidiger des Krisenstaats.

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Aus Athen berichten und Ferry Batzoglou


Sie dienen als Prellböcke, die zwischen den Wütenden und den Regierenden stehen, an ihnen entlädt sich der Frust eines ganzen Volkes. Fast täglich regnen auf sie Flaschen, Steine und Molotow-Cocktails herab, sie werden beschimpft, bedroht und bespuckt. Ihre grünen Overalls, die weißen Helme und Gasmasken kennt inzwischen die Welt, gerieten die Bilder der Männer doch zu Symbolen für den Kampf zwischen dem griechischen Staat und seinen Bürgern.

Doch wer sind die Bereitschaftspolizisten der Eingreiftruppe MAT? Und wie stehen sie zu dem maroden Gemeinwesen, das sie gegen den stetig wachsenden Zorn ihrer Landsleute verteidigen sollen?

Es ist nicht ganz leicht, einen der Beamten zu treffen. Das Misstrauen ist groß, gelten Polizisten vielen Griechen und vor allem der Athener Presse doch zumeist als skrupellose Schläger, die jede Demonstration in eine offene Feldschlacht verwandeln. Und weil die Ordnungshüter zudem Anschläge von Linksextremisten fürchten, sind die Bedingungen klar: Ihre richtigen Namen dürfen unter keinen Umständen genannt werden.

Überstunden sind normal - ohne Ausgleich

Deswegen soll der mittelgroße, mittelschwere 24-Jährige im Folgenden Petros Papadatos heißen. Seit sechs Jahren ist er, der immer noch von einer kriminalistischen Karriere in einer Mordkommission träumt, bei der Bereitschaftspolizei; und die Narben an seinen Armen erzählen, dass er für seine fehlenden Beziehungen im Staatsapparat und etwa 1000 Euro netto im Monat einen hohen Preis zahlen muss. "Wenn man zur Kripo will, muss man eben vor allem die richtigen Leute kennen", sagt er verbittert.

Petros trägt eine schwarze Trainingshose, ein graues T-Shirt, dessen Ärmel er hochgekrempelt hat, Turnschuhe und eine verspiegelte Sonnenbrille. Seine schwarzen Haare sind an den Seiten kurz rasiert und oben etwas länger, er hat sie wie dereinst David Beckham zum Irokesen gestylt. Petros ist unrasiert und sieht müde aus. "Gestern war wieder ein langer Tag", sagt er.

Die insgesamt nur 700 Einsatzkräfte der Eingreiftruppe MAT schieben schon seit Monaten Sonderschichten - 70, 80, 100 Stunden die Woche statt der 40, für die sie bezahlt werden. Einen Ausgleich für die Mehrarbeit gibt es nicht. Manchmal sind die Männer so müde und erschöpft, dass ihre Vorgesetzten sie nicht mit dem Auto nach Hause fahren lassen, weil sie Unfälle fürchten. Dann schlafen Petros und seine Kollegen in ihren Bussen. Was den Vorteil hat, dass sie schnell vor Ort sind beim nächsten Einsatz. Und der lässt meist nicht lange auf sich warten.

Testosterongesteuerte Männer spielen Fangen

Eines der Probleme der immer wieder auf den Straßen Athens aufgeführten griechischen Tragödie ist, dass es keine Instanz gibt, die sie beendet. Die Autonomen können die Straßenschlachten mit der Polizei nicht gewinnen. Vielen der Tausenden, die am Rande friedlicher Demonstrationen marodierend durch die Hauptstadt ziehen, scheint es überhaupt nur um die Lust am Schlagabtausch zu gehen. Sie werfen Steine auf Polizisten, und wenn die Beamten schließlich auf sie zustürmen, nehmen sie Reißaus. Es ist, als spielten testosterongesteuerte Männer Anfang 20 Fangen.

Doch auch die Uniformierten können den Ausschreitungen zumeist kein Ende bereiten. Die Beamten treten fast überall in geringer Stärke auf und scheinen dann mit Forschheit ihre Unterzahl wettmachen zu wollen. Sie schleudern Tränengasgranaten, stürmen den Randalierern nach und nehmen doch so gut wie nie jemanden fest. Und kommt es doch einmal dazu, sind Verurteilungen wegen Landfriedensbruchs, wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte oder gefährlicher Körperverletzung selten.

Die sich stetig wiederholenden Krawalle sind deshalb vor allem ein Lehrstück dafür, wie tief ein Staat in der Sackgasse steckt, dem es am überhaupt Wichtigsten mangelt: an der Akzeptanz und der Unterstützung seiner Bürger. In der Wiege der Demokratie, so muss man unweigerlich den Eindruck gewinnen, gibt es nur noch wenige, die dem Regierungsapparat über den Weg trauen. Zu tief sitzen die ernüchternden Erfahrungen mit Skandalen, Vetternwirtschaft und Korruptionsaffären.

"Jetzt muss ich eben tanzen"

Auch Petros Papadatos ist nicht Polizist geworden, weil er ein glühender Verfechter von Recht und Ordnung ist. Er wollte bloß einen sicheren Job, hatte gute Noten, war sportlich und las gerne Krimis. "Ich bin da reingeraten und jetzt muss ich eben tanzen", sagt er. Nur die richtigen Schritte habe ihm niemand beigebracht.

Auf der Polizeischule lernte Petros zwar, wie man Protokolle schreibt, es gab Fahrstunden und Vorlesungen in Rechtskunde, aber auf welche Weise eine Einsatzeinheit gegen Gewalttäter vorgeht? "Das war ausschließlich learning by doing." Eigentlich ist es ein Wunder, dass bei den ständigen Auseinandersetzungen nicht noch viel mehr Menschen ernstlich zu Schaden kommen, obwohl die Zahlen hoch sind: Ende Juni etwa wurden bei Krawallen in Athen nach Angaben der Nachrichtenagenturen rund 150 Menschen verletzt - in nur einer Nacht.

Wachtmeister Papadatos versteht die unbändige Wut der Massen sogar. Wenn er dieser Tage ausnahmsweise einmal frei hat, geht er selbst auf die Straße und demonstriert. Aber es ist ihm schleierhaft, warum man ihn und seine Kollegen deshalb mit Steinen bewerfen muss, wieso Autos anzünden, weshalb Schaufenster einschlagen? "Gewalt kann ich nicht akzeptieren", sagt er.

Auf den Vorwurf, die griechische Polizei solle die ausufernden Krawalle häufig mit ihrem übertrieben harten Vorgehen provozieren, schüttelt er bloß müde den Kopf: "Das ist völliger Unsinn. Ich will doch nur pünktlich Feierabend machen und heil nach Hause kommen."

Doch wie steht der Polizist Papadatos eigentlich zu seinem Staat, den er als sichtbarer und vor allem auch angreifbarer Repräsentant tagtäglich verteidigen muss und der ihm dafür das ohnehin schon magere Gehalt immer weiter zusammenstreicht?

Zum ersten Mal in dem Gespräch lässt sich Papadatos mit der Antwort Zeit. Er sucht nach Worten, atmet ein, atmet aus, nippt an seinem Kaffee und sagt dann leise: "Selbst dieser Staat sollte beschützt werden." Denn die einzige Alternative dazu sei allgemeines Chaos. "Und Anarchie hilft uns in diesem Augenblick ganz sicher nicht aus dem Schlamassel."

Petros muss jetzt los, seine Schicht vor dem Parlament beginnt in einer halben Stunde. Wann er Feierabend machen wird? "Ich habe wirklich keine Ahnung", sagt er, "diese Party ist erst vorbei, wenn sie vorbei ist." Es könnte eine weitere lange Nacht in Athen werden für den Wachtmeister Petros Papadatos.

insgesamt 50 Beiträge
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VorwaertsImmer, 22.09.2011
1. So viel kriegen die beamten bei uns
http://www.kredit-beamten.de/beamtenbesoldung/
neuroheaven 22.09.2011
2. ...
nur aus absolutem chaos kann eine neue ordnung erwachsen... für 1000euro den kopf für den dem untergang geweihten staat hinhalten? dafür würde ich morgens nicht mal aufstehen
jga, 22.09.2011
3. das ist nicht "das Volk"
---Zitat--- an ihnen entlädt sich der Frust eines ganzen Volkes. ---Zitatende--- ---Zitat--- Vielen der Tausenden, die am Rande friedlicher Demonstrationen marodierend durch die Hauptstadt ziehen, scheint es überhaupt nur um die Lust am Schlagabtausch zu gehen. Sie werfen Steine auf Polizisten und wenn die Beamten schließlich auf sie zustürmen, nehmen sie Reißaus. Es ist, als spielten testosterongesteuerte Männer Anfang 20 Fangen. ---Zitatende--- Griechenland hat 11 Millionen Einwohner, davon sind ein paar Tausend Gewalttäter nicht mal ein Promille des "Volkes". Sicher ist es nicht gerade hilfreich, wenn die EU Griechenland lieber kaputtsparen läßt als es aufzubauen, aber diese Gewalttäter wird man nie los, wenn man sie nicht rasch hart bestraft.
UnitedEurope 22.09.2011
4. Titellos
Zitat von neuroheavennur aus absolutem chaos kann eine neue ordnung erwachsen... für 1000euro den kopf für den dem untergang geweihten staat hinhalten? dafür würde ich morgens nicht mal aufstehen
Das würden Sie sich ganz schnell anders überlegen, wenn das Fortbestehen des Staates, der Sie beschützt und versorgt, an Ihrem Handeln hängt. Wie ignorant kann man eigentlich sein ...
Transmitter, 22.09.2011
5. Hierzulande ist es doch genau so!
Die Polizisten hierzulande sind doch genau so arm dran, wie die in Griechenland. Ob Schutz- oder Kriminalpolizei: Sie sind als Beamte zwar deutlich besser bezahlt, halten aber den Kopf hin für eine völlig aus dem Ruder gelaufene Sozial- und Integrationspolitik. Und in Berlin stehen unterbezahlte Hilfspolizisten/innen zur Bewachung von Reichstag, Ministerien und Kanzleramt sich bei Wind und Wetter die Beine in den Bauch. Keinen einzigen Tag lang würde ich mir gefallen lassen, was diese armen "Gesetzeshüter" sich oft ein ganzes Berufsleben lang gefallen lassen müssen. Und ich bin sicher: Kommt es in Berlin so wie in Athen, werden verdammt viele "krank werden" und lieber zu Hause bei der Familie bleiben.
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