Großbrand in Istanbul Zufall verhindert Inferno am Flughafen

Großalarm am Drehkreuz des internationalen Flugverkehrs in der Türkei: Meterhohe Flammen schlagen aus dem Cargo-Terminal des Atatürk-Flughafens in Istanbul, dichte Qualmwolken verdunkeln den Himmel. Dass das Feuer nicht zu einem tödlichen Inferno wurde, ist pures Glück.

Von Jürgen Gottschlich, Istanbul


Istanbul - Heute Nachmittag schien in Istanbul einer der Alpträume der modernen Zivilisation wahr zu werden. Der Internationale Flughafen von Istanbul, der Atatürk Airport im Westen der Millionenmetropole, brannte lichterloh. Um 15.30 Uhr örtlicher Zeit stiegen plötzlich dicke schwarze Rauchwolken in den Himmel. Das Feuer war so stark, dass der Luftsog die Bäume in der Nähe der brennenden Halle zur Seite bog wie in einem Hurrikan. Sirenen heulten, die Flughafenfeuerwehr raste los, und zwei Löschflugzeuge starteten, um im angrenzenden Marmarameer aufzutanken und dann ihre Fracht direkt auf dem Flughafen wieder zu entladen.

Zwei Stunden später brennt es immer noch, doch das Szenario hat sich geklärt. Istanbul hat Glück im Unglück. Das Feuer brennt im Terminal C, das ist das Cargo-Terminal und liegt an der von den Passagierterminals am weitesten entfernten Ecke des Flughafens. Unmittelbar durch das Feuer verletzt wurde niemand, lediglich drei Beschäftigte des Frachtterminals erlitten Rauchvergiftungen. Auch der Wind steht günstig und weht die fetten, schwarzen Rauchwolken vom Flughafen weg, weiter nach Westen - noch jedenfalls. Bislang musste deswegen auch der Flugverkehr nicht unterbrochen werden. Sollte der Wind drehen, müssten möglicherweise angrenzende Terminals evakuiert werden. Zwischenzeitlich trieben die Böen das Feuer in Richtung eines Passagierterminals. Tausende Reisende müssten dann in Sicherheit gebracht werden.

Während die Feuerwehr sich unter Einsatz aller Kräfte an der einen Ecke des Flughafens verzweifelt bemüht, das Großfeuer einzudämmen, herrscht am anderen Ende fast Business as usual. Obwohl zunächst einige Maschinen länger als vorgesehen in der Luft kreisen müssen und andere auf den zweiten Istanbuler Großflughafen Sabiha Gökcen auf der asiatischen Seite der Stadt umgeleitet werden, starten und landen bald wieder pausenlos die Jets. Die Maschinen von Turkish-Airlines etwa und auch die der zweiten großen Istanbuler Fluggesellschaft, Atlas Jet, deren Chef im Interview vor den Flammen der brennenden Cargohalle versucht, seine Kunden zu beruhigen. Keine Panik, heißt die Devise, wir bekommen alles unter Kontrolle.

Auch Istanbuls Gouverneur Mehmet Güler eilte zum Flughafen und verkündete dort der versammelten Presse, Unfallursache sei vermutlich ein Kurzschluss mit anschließendem Kabelbrand gewesen. Der Sender CNN-Türk zitiert dagegen einen stellvertretenden Gouverneur, Vedat Muftuoglu. Demzufolge wurde der Brand durch Schweißarbeiten ausgelöst. Hinweise auf einen Terroranschlag gibt es den Angaben zufolge nicht.

Zwei Hallen der beiden großen Frachtgesellschaften Havas und Celebi werden durch das Feuer wohl völlig vernichtet. Betroffen davon ist auch der Zoll, der dort seine Büros hatte. Ein Millionenschaden ist absehbar.

Der Istanbuler Atatürk-Flughafen ist für die Türkei was Frankfurt für Deutschland ist: das Drehkreuz für den internationalen Flugverkehr. Während Turkish-Airlines von Istanbul aus Ziele in der ganzen Welt bedient, ist der Atatürk-Flughafen vor allem für Reisende aus Westeuropa und den USA die Ziele im Kaukasus oder Zentralasien ansteuern, ein wichtiger Umschlagplatz. Der Istanbuler Flughafen hat das höchste Verkehrsaufkommen in ganz Südosteuropa. Erst Mitte der neunziger Jahre wurde der internationale Passagierterminal von einem privaten Konsortium neu gebaut und entspricht seitdem den modernsten europäischen Standards.

Mit Material von AFP/AP/dpa/reuters



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