Großbritannien Bank mobbte krebskranken Kunden

Das letzte, was ein Kreditinstitut in diesen Zeiten braucht, ist schlechte Presse. Umso peinlicher muss der britischen Halifax-Gruppe ein Vorfall sein, der nun vor Gericht kam: Ein Krebskranker, der sein Konto überzogen hatte, wurde von der Bank mit Telefonaten terrorisiert - sie wollte ihr Geld zurück.


London - Große Banken sind unmenschlich, nur an Profit interessiert, der Kleinanleger zählt nichts: Immer wieder kommt es vor, dass Kreditinstitute dieses weitverbreitete Klischee durch ungeschicktes Vorgehen - oder auch wenig feinfühlige Wortäußerungen von Vorstandschefs - bestätigen.

Kunde vor einem Halifax-Geldautomaten: "Aggressiv verfolgt - morgens, mittags und abends"
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Kunde vor einem Halifax-Geldautomaten: "Aggressiv verfolgt - morgens, mittags und abends"

Die Geschichte von David Lloyd ist ein solches Beispiel. Was der 62-jährige Brite aus der Nähe von Manchester mit seiner Bank erlebte, wirft ein besonders schlechtes Licht auf die ohnehin krisengeschüttelte Branche.

Im Januar 2006, so berichtet es der britische "Guardian", erkrankte David Lloyd an Krebs. Die Diagnose war vernichtend: Die Lunge war so stark von Tumoren befallen, dass eine Heilung sofort für unmöglich erklärt wurde.

Lloyd, bis zu seiner Erkrankung in einem Bauingenieursbüro angestellt, musste seinen Job aufgeben. Er und seine Ehefrau Annette Edwards wandten sich an ihre Bank, die Halifax, bei dem das Paar seit 15 Jahren ein Konto hatte, und teilten dem Institut die Erkrankung mit. Man habe eine Auszahlung der Lebensversicherung sowie staatliche Unterstützung beantragt.

Während David Lloyd und seine Frau auf dieses Geld warteten, überzogen sie ihr Konto bei der Halifax. Dann begann der Telefonterror.

"Morgens, mittags und abends", so behauptet das Paar im "Guardian", hätten Halifax-Angestellte bei ihnen angerufen und die Ausgleichung des Kontos verlangt. Die Eheleute sagen, es handele sich um eine Summe von umgerechnet 900 Euro, die Bank spricht dagegen von 4600 Euro.

"Aggressiv", so Lloyd und Edwards, sei man von den Halifax-Mitarbeitern "verfolgt" worden - innerhalb von sieben Monaten erhielten sie 762 Anrufe aus dem Kreditinstitut.

Der krebskranke Lloyd entwickelte eine Telefon-Phobie, man fühle sich, so das Paar, durch die Kampagne "entmenschlicht".

Auch ihre Tochter habe in der Sache 60 bis 100 Anrufe sowie zwei SMS erhalten - und die sei nicht einmal Halifax-Kundin.

Im Mai dieses Jahres erwirkten David Lloyd und seine Frau einen Gerichtsbeschluss, wonach die Bank sie nicht mehr telefonisch oder schriftlich kontaktieren darf. Dennoch sei am vergangenen Mittwoch erneut ein Halifax-Schreiben bei ihnen eingegangen.

Bei einem Gerichtstermin am vergangenen Freitag entschuldigte sich ein Anwalt der Halifax "aus tiefstem Herzen" bei dem Ehepaar und sagte, man bedaure den Vorfall. Die Gerichtskosten von umgerechnet rund 1300 Euro übernahm die Bank.

Kommenden Februar soll der Streit erneut vor Gericht verhandelt werden. Ob der mittlerweile schwerstkranke David Lloyd dies noch erlebt, scheint zweifelhaft. Aber, so seine Frau gegenüber dem "Guardian", ihr Mann habe sich mit letzter Kraft exponiert, weil "er nicht will, dass andere das durchmachen müssen, was er durchmachen musste".

pad



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