Großbritannien Die vergessene Prinzessin der Herzen

Lady Diana starb bei einem Unfall, nicht als Opfer eines Anschlags. Dies wird der offizielle Untersuchungsbericht morgen bestätigen. Verschwörungstheoretiker entmutigt das nicht, die Briten lässt es kalt. Denn die glamouröse Prinzessin ist schon längst aus ihren Herzen verschwunden.

Von Sebastian Borger, London


London - Im Hintergrund glänzt ein Konzertflügel, anheimelnd flackert das Kaminfeuer. Die jungen Männer, die sich breitbeinig auf ihren Stühlen fläzen, haben Spaß an ihrem Auftritt. Wie man denn an Karten für das geplante Konzert komme, fragt ein devoter Höfling aus dem Off - da platzt es aus Prinz Harry heraus: "Am besten, ihr ruft sein Handy an", sagt er mit Blick auf seinen Bruder William, "unter folgender Nummer, Null, Sieben..." - "Halt's Maul", fährt der britische Thronfolger dem jüngeren Bruder in die Parade und spricht brav von der Website concertfordiana.com, auf der man von heute, 10 Uhr mitteleuropäischer Zeit an, Karten à 45 Pfund (67 Euro) bestellen kann – oder wenigstens das Fünf-Minuten-Filmchen anschauen, in dem die Prinzen, 24 und 22, über ihre Pläne fürs kommende Jahr sprechen.

Dann jährt sich der Unfalltod der schönen Prinzessin Diana zum zehnten Mal. Vor einem Gedenk-Gottesdienst am Todestag, dem 31. August, steigt am 1. Juli, Dianas Geburtstag, im endlich fertig gestellten Wembley-Stadion ein großes Konzert – mit alten Diana-Favoriten wie Elton John und Duran Duran sowie einem Ballett-Intermezzo. "Der Abend soll an sie und an ihr Leben erinnern", hoffen die Prinzen.

Doch zuvor werden die Briten morgen wieder an Dianas Tod erinnert. Pünktlich zur Mittagsstunde will der frühere Chef von Scotland Yard, Lord John Stevens, das Ergebnis seiner knapp dreijährigen Ermittlungen vorstellen. So richtig überraschend wird Stevens' Auftritt allerdings kaum werden. Den an die Presse lancierten Teilen des Berichts zufolge bestätigt Stevens im Wesentlichen die Untersuchung der französischen Behörden: Die Prinzessin und ihr Liebhaber Dodi al-Fayed verloren gemeinsam mit dem Fahrer Henri Paul ihr Leben, weil Paul unter Alkohol- und Medikamenteneinfluss viel zu schnell fuhr und in einem Pariser Tunnel die Kontrolle über den Mercedes verlor.

Dodis Vater Mohammed al-Fayed vertritt seit Jahren die Theorie, an Pauls postmortalen Blutproben sei manipuliert worden, um eine Verschwörung des britischen Establishments zu vertuschen. Im Lauf der Ermittlungen war immerhin ein Brief aus Dianas Hand ans Licht gekommen, in dem sie ihren geschiedenen Mann Prinz Charles verdächtigte, ihr nach dem Leben zu trachten.

Durch gründliche Ermittlungen wollte Stevens sämtliche Verschwörungstheorien auf einen Schlag aus der Welt schaffen. Sechs Millionen Euro hat seine Untersuchung gekostet, 20.000 Dokumente wurden gesichtet, 1500 Zeugenaussagen aufgenommen. Aber wenn nicht alles täuscht, werden die Unentwegten bereits am Donnerstagnachmittag neue vermeintliche Ungereimtheiten entdecken – und der überwältigende Rest des Landes geht zur Tagesordnung über.

Popkonzert hin, Todesermittlungsverfahren her – in Großbritannien weckt die "Prinzessin des Volkes" (Premierminister Tony Blair) kaum noch Emotionen. Im Gegenteil: Die Orgie der großen Gefühle in den heißen September-Tage 1997, als Blumenhändler das Geschäft ihres Lebens machten und die als Mitschuldige angeprangerten Boulevardblätter die tote Diana zur Ikone, gar zur Halbgöttin hochjazzten – jene Melange aus Trauer und Wut, Voyeurismus und Schuldgefühlen scheint den Briten heute vor allem peinlich zu sein.

Normalerweise ist von Diana kaum noch die Rede. "Seit Trotzki aus der Sowjetunion verbannt wurde", beschrieb der Bestseller-Autor Robert Harris ("Vaterland") diese Stimmung, "ist keine prominente Person des öffentlichen Lebens so vollständig aus dem Gedächtnis einer Nation verbannt worden." Der Ikone Diana gehen nach und nach die Anbeter aus. Im Städtchen Northampton, in dessen Nähe Diana auf Schloss Althorp aufwuchs und nun begraben liegt, fanden sich nur vier Leute, die sich an einer öffentlichen Diskussion über ein geschmackvolles Memento an die Tote beteiligen mochten. Die Stadtverwaltung legte das Vorhaben zu den Akten.

Schloss Althorp selbst ist in den Sommermonaten zu besichtigen, in einem alten Stallgebäude wurde ein Diana-Museum eingerichtet. Beim Rundgang stellt sich das Gefühl ein, man besichtige ein Phänomen aus dem vergangenen Jahrhundert, in Maßen interessant, aber für die heutige Zeit völlig irrelevant.

Unmittelbar nach Dianas Tod war die Spendenflut so groß, dass sich etablierte Wohltätigkeitsorganisationen Sorge ums Geschäft machen mussten. Mittlerweile sorgt die eigens eingerichtete Diana-Gedächtnisstiftung meist nur für Aufsehen, weil sie alberne Copyright-Prozesse anzettelt und zu allem Überfluss auch noch verliert.

Die Initiative der Prinzen wird frisches Geld in die Kassen der Stiftung spülen. Einstweilen bleibt das wichtigste Vermächtnis der kinderlieben Prinzessin der liebevoll hergerichtete Prinzessin-Diana-Spielplatz in Kensington Gardens, wo kleine Londoner schon seit 1998 vergnügt turnen - nicht die schlechteste Art, sich der einstigen Ikone zu erinnern.



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