Explosionen im Berliner Grunewald Warum liegt ein Sprengplatz mitten im Naherholungsgebiet?

Es brennt im Berliner Grunewald, kommt zu unkontrollierten Explosionen. Die Einsatzkräfte sind lange hilflos, das Feuer droht sich auszubreiten. Nun steht der Standort des Sprengplatzes infrage.
Frühere US-Abhöranlage auf dem Berliner Teufelsberg: Im Hintergrund ist die Rauchsäule über dem Grunewald zu sehen

Frühere US-Abhöranlage auf dem Berliner Teufelsberg: Im Hintergrund ist die Rauchsäule über dem Grunewald zu sehen

Foto: Michael Sohn / AP

Am frühen Donnerstagmorgen gegen drei Uhr knallt es im Grunewald, einem der wichtigsten Naherholungsgebiete der Hauptstadt. Irgendetwas muss auf dem Sprengplatz des Landes Berlin, der kurioserweise mitten im Wald liegt, schiefgegangen sein: Es kommt zu unkontrollierten Explosionen, noch bis mittags hören Anwohner Detonationen.

Rund 25 Tonnen an Kampfmitteln und Pyrotechnik lagern auf dem Sprengplatz. Das Wachpersonal muss nach ersten Löschversuchen den Rückzug antreten, die Verletzungsgefahr durch herumfliegende Splitter und Trümmerteile ist zu groß.

Die Feuerwehr rückt an, kann aber zunächst nicht viel tun – viel zu gefährlich ist die Lage, immer wieder explodiert etwas. Auch aus der Luft geht nichts, der Löschhubschrauber der Bundeswehr ist gerade in Sachsen im Einsatz. Die Polizei sperrt den Brandort weiträumig ab, im Umkreis von 1000 Metern wird ein Sicherheitsbereich eingerichtet, die nahe Stadtautobahn Avus wird gesperrt, der Zugverkehr auf der Bahnlinie Richtung Wannsee und Potsdam eingestellt. Anwohner sollen ihre Fenster geschlossen halten, die Berliner werden gebeten, an diesem Tag auf Ausflüge in den Wald zu verzichten.

Feuerwehr und Technisches Hilfswerk versuchen, den Schaden zu begrenzen, schlagen Schneisen rund um den Sprengplatz in den Wald und bewässern diese. Der Wald ist knochentrocken, das Feuer darf sich auf keinen Fall ausbreiten. Die Polizei schickt Wasserwerfer.

Im Laufe des Tages kommt auch ein Roboter zum Einsatz, das »Manipulationsfahrzeug Teodor«, ein schubkarrengroßes Kettenfahrzeug der Bundeswehr, es soll den Brand beobachten. »Der Löschangriff kann erst erfolgen, wenn wir wissen, wie es dort aussieht«, erklärt Feuerwehrsprecher Thomas Kirstein. In den frühen Abendstunden kann die Feuerwehr endlich näher heran und anfangen zu löschen, Wasser wird aus der Krummen Lanke und der Havel gepumpt. Vom Sprengplatz sind wieder Explosionen zu hören. Für Freitag ist Regen vorhergesagt, erst dann könnte sich die Lage etwas entschärfen.

DER SPIEGEL

Die wichtigsten Fragen aber angesichts der dramatischen Ereignisse lauten: Wie konnte das passieren? Und: Was hat ein Sprengplatz mitten in einem der wichtigsten Naherholungsgebiete Berlins verloren?

Die Brandursache ist nach Angaben der Feuerwehr noch unklar. »Das war heute hier großes Thema: Wie kann es dazu kommen?«, sagte Feuerwehrsprecher Kirstein am Donnerstagabend im rbb. Er wies darauf hin, dass auf dem Sprengplatz bereits mehrere Gebäude »in Vollbrand« gestanden hätten, als die Feuerwehr am frühen Morgen dort eingetroffen sei.

Die Ursachenermittlung übernehme aber die Polizei. »Wir haben heute mehrere Gespräche auch mit den Sprengmeistern gehabt«, so der Feuerwehrsprecher. »Die ermitteln da auch gemeinsam mit dem LKA in alle Richtungen, die sind natürlich auch daran interessiert, wie es dazu kommen konnte.«

Den Sprengplatz im Grunewald gibt es seit 1950. Mehrmals im Jahr sind dort kontrollierte Sprengungen angesetzt, unter anderem von Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg, die bei Bauarbeiten oder in Berliner Gewässern gefunden werden, sowie von illegalen Feuerwerkskörpern. Dafür wird dann auch immer kurzzeitig die Avus gesperrt, immer im Frühjahr oder Herbst. Im Sommer ist es zu gefährlich: Waldbrandgefahr.

Einen anderen Standort für den Sprengplatz sucht Berlin schon lange, doch wie die Polizei auf Twitter mitteilte , gibt es keine geeigneten Flächen, die »genehmigungsfähig« wären. Auch nach Brandenburg ausweichen, sei schwierig.

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Das Sprenggelände im Grunewald sei eigentlich gut gesichert, betont Polizeisprecher Cablitz. Es gibt eine mehrere Meter breite Brandschutzschneise, dazu Brandschutzmelder, die gelagerten Kampfmittel würden ständig feucht gehalten. Ein Schaubild der Berliner Morgenpost zeigt die genaue Anlage des Sprengplatzes.

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Der Grunewald ist mit rund 3000 Hektar Berlins größtes Naherholungsgebiet. 1915 kaufte die Stadt den Wald ausdrücklich als Freizeitfläche für die stetig wachsende Bevölkerung. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es hier fast kahl, der Wald abgeholzt für Reparationen oder zum Heizen. Ab 1950 wurde wieder aufgeforstet.

Der Sprengplatz ist nicht die einzige ungewöhnliche Nutzung des Grunewalds. Im Barssee wurde gegen Kriegsende Munition entsorgt und erst Mitte der Achtzigerjahre geräumt. Zu Mauerzeiten unterhielten die US-Truppen eine Abhörstation auf dem Teufelsberg, dazu in Avus-Nähe einen Schießstand und ein Munitionsdepot. Nach dem Abzug der Alliierten wurde das Munitionsdepot geräumt, die Bunker wurden mit Sand bedeckt, um so eine künstliche Binnendüne entstehen zu lassen. Einer der Bunker wurde zu einem Winterquartier für Fledermäuse ausgebaut.

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Womöglich wird auch der Sprengplatz nach den Explosionen Geschichte sein. Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey stellte den Standort bereits infrage: »Wir müssen uns darüber Gedanken machen, wie wir in Zukunft mit diesem Sprengplatz umgehen und ob auf Berliner Stadtgebiet ein solcher Ort der richtige ist«, sagte die SPD-Politikerin nach einem Besuch im Grunewald.

Auch Berlins CDU-Landeschef Kai Wegner forderte Konsequenzen. »So ein Sprengplatz gehört nicht in ein Naherholungsgebiet«, sagte Wegner in der rbb-»Abendschau« am Donnerstag. Er forderte Verhandlungen mit dem Land Brandenburg, um zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen.

mgo
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