Guantanamo Bay "Sie machten mich zum Tier"

Nach monatelanger Gefangenschaft haben die USA drei Afghanen und einen Pakistani aus Camp X Ray frei gelassen. Die Männer beschweren sich bitter über die Haftbedingungen in Guantanamo Bay auf Kuba. Die lange Isolationshaft habe sie zum Tier gemacht.


Entlassene Guantanamo-Gefangene: Muhammad Hagi Fiz (l.) und Jan Muhammad
AP

Entlassene Guantanamo-Gefangene: Muhammad Hagi Fiz (l.) und Jan Muhammad

Washington - Über Monate saßen die nun Freigelassenen auf dem US-Stützpunkt auf Kuba - offenbar ohne Grund. Pentagon-Sprecherin Victoria Clarke räumte ein, es habe sich herausgestellt, dass die Betreffenden keine Verbindung zum Terrorismus hätten und keine Gefahr für die USA darstellten.

Die drei Afghanen sagten, sie seien zwar nicht gefoltert oder gequält worden, doch beschwerten sich darüber, dass Gefangene tagelang in engen Zellen gehalten werden ohne jeden Kontakt zur Außenwelt. Doch die Aussicht, möglicherweise für immer in Isolationshaft bleiben zu müssen, habe sie zermürbt. Jan Muhammad, einer der drei Afghanen, sagte in einem Interview mit der "New York Times", elf Monate lang habe er keinerlei Kontakt zur Außenwelt gehabt. Ihm seien bis drei Tage vor seiner Entlassung keine Briefe von seiner Familie zugestellt worden. Er selbst habe einen Brief an seine Verwandten geschrieben, in dem er mitteilte: "Halb schon bin ich zu einem Tier gemacht worden, in einem Monat werde ich vollends ein Tier sein - dann werde ich zurückkommen."

Auf Guantanamo Bay befinden sich noch rund 600 Gefangene, die während des Afghanistan-Feldzugs der Anti-Terror-Allianz festgenommen wurden. Die nun Freigelassenen gaben an, darunter befänden sich Dutzende von einfachen Fußsoldaten der Taliban. Pentagon-Sprecherin Clarke kündigte weitere Freilassungen an, machte aber keine Zahlengaben. "Wir haben nicht den Wunsch, eine große Menge dieser Leute über einen langen Zeitraum in Guantanamo Bay festzuhalten", erklärte sie.

Zugleich bestätigte sie, dass am Montag, erstmals seit August, wieder eine neue Gruppe von Gefangenen in dem Lager auf dem US-Stützpunkt eingetroffen sei. Damit befinden sich nach den Worten der Sprecherin jetzt "ungefähr 625" mutmaßliche Mitglieder der Terror-Organisation al-Qaida oder der afghanischen Taliban in dem Gefängnis auf Kuba.

Die nun Freigelassenen kritisierten die amerikanischen Behörden: Bei den Festnahmen in Afghanistan verließen sich die US-Häscher zu sehr auf Informationen von angeblich verbündeten Warlords, die oft falsche Aussagen über missliebige Personen machten.

Zwei der drei Afghanen, die an afghanische Beamte übergeben wurden, sind mehr als 70 Jahre alt, der Pakistani wird auf über 50 geschätzt. Der 35-jährige Jan Muhammad hadert immer noch mit den Umständen seiner Gefangennahme. Er räumte ein, bei Kunduz auf Seiten der Taliban gekämpft zu haben, sagte aber, er habe keine Wahl gehabt. Taliban-Soldaten hätten ihn eingezogen.

Als er sich ergeben hatte, hätten Kämpfer des mit den Amerikanern alliierten Nordallianz-Generals Abdul Raschid Dostum ihn und neun weitere denunziert. Die Dostum-Leute hätten den Amerikanern gesagt, bei der Gruppe handele es sich um führende Taliban. Nach Angaben von Muhammad war aber nur einer der zehn ein Taliban. Unter den Festgenommenen habe sich auch ein 105-Jähriger und ein 90-Jähriger befunden.



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