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Güstrow Out of Mecklenburg

Ortstermin: Bürgermeisterwahl in Güstrow - und der Wähler flieht.
aus DER SPIEGEL 18/2001

Breitschultrig wie sein Hund kommt der Junge daher, trägt oben Glatze, unten Stiefel, und er redet nicht viel. Es ist früher Nachmittag, das Tier musste mal raus, und die Freundin, blass und dunkelhaarig, wuchtet den Kinderwagen über das zerklüftete Pflaster von Güstrow und folgt ergeben zwei Schritte hinter Mann und Hund. »Ja, mein erstes Kind«, sagt sie, aber dann sagt sie nichts mehr, denn Glatze blickt streng zurück.

Nein, sie gehen nicht wählen. Was soll der Scheiß?

Er tätschelt den Rottweiler, sie tätschelt das Baby, dann ziehen sie weiter, am Bürgerhaus vorbei, Wahlbezirk 104. Dort drin sitzt Regine Schneider als Wahlvorstand und wartet, dass endlich jemand kommt. Es ist Sonntag, der 22. April, und die Bürger von Güstrow dürfen zum ersten Mal direkt ihren Bürgermeister und ihren Landrat wählen, aber kaum jemand hat Lust.

Frau Schneider seufzt. Sie ist ein entschlossener Charakter und im Hauptberuf zuständig für das Stadtmarketing, und dem Marketing der Stadt wäre es zuträglich, wenn die Bürger sich bei ihr drängeln würden. Stattdessen trinkt sie Kaffee mit ihren vier Wahlhelferinnen und hat Zeit, Geschichten zu erzählen.

Darüber, wer jetzt schon wieder die Stadt verlassen hat. Das schöne Güstrow. Das doch fast mal beinahe Landeshauptstadt geworden wäre, das ein Renaissance-Schloss hat und ein Barlach-Museum und einen Dom mit einem Engel von Ernst Barlach, und Expo-Außenstelle war es auch.

Trotzdem. Zwei 16-Jährige sind gerade ab nach Bayern, der eine lernt Koch, der andere hat auch schon einen Job. Oder diese Auszubildende kürzlich in der Stadtverwaltung. Die war richtig gut. Aber die ist in den Westen, nach Bremen, glaubt Frau Schneider, denn da kriegt sie nicht nur die ostüblichen 88,5 Prozent, sondern die vollen 100 Prozent Gehalt.

Verliert eben ihre Leute diese Stadt, die jungen, flexiblen, weltoffenen zuerst. Fast 42 000 waren es vor der Wende. Jetzt sind es noch knapp 34 000, und jeder Fünfte ist als arbeitslos registriert. Ist eben Mecklenburg-Vorpommern, das fast nichts zu bieten hat außer Landschaft; ist diese Gegend, in der die Prognose Helmut Kohls eine neue, ungeplante Bedeutung bekommt: Die Menschen gehen, die Landschaft blüht.

Aber es gibt nicht nur die äußere Emigration, es gibt auch die innere, und die wird sehr deutlich an einem solchen Tag. Es ist 14 Uhr vorbei, und in Güstrow haben bisher nur 27,75 Prozent ihre Stimme abgegeben. Weil das Wetter schön ist? Weil keiner weiß, was ein Landrat macht?

Es gibt noch andere Gründe, lehrbuchhafte, abzudrucken im Kapitel »Politikverdrossenheit«. »Schilda«, sagt ein Güstrower Bürger, der sich auskennt in seiner Stadt. »Wir sind noch nicht Schilda, aber auf dem Weg dorthin sind wir schon ganz gut.« Detlef Moll ist ein ironisch blickender Mensch von 45, dessen Visitenkarte ihn als »1. Stadtrat« ausweist, also Stellvertreter des Bürgermeisters, aber das streicht er durch. Auf Grund politischer Verwicklungen stimmt das nicht mehr.

Schilda, das heißt: Zur Wahl stellt sich ein amtierender Bürgermeister, Hans-Erich Höpner, 59, ehemals SPD, der sein Amt nicht ausüben darf. Mitte März haben ihn die Stadtvertreter vom Dienst suspendiert. Schuld sind große Pläne für Güstrow, die gingen schief. Die Stadtwerke - im Aufsichtsrat bis vor kurzem: Hans-Erich Höpner - hatten 1998 eine Kabelfirma gekauft. Man träumte von schönen Geschäften mit Kabelverlegung und Internet, zahlte einen zu hohen Preis. Der Bürgermeister habe versagt, monierten die Kritiker, aber das fiel ihnen erst im Wahlkampf ein. Und nun verstricken sich alle Parteien lieber in internen Querelen, als über die Zukunft der Stadt nachzudenken, nun wollen alle möglichen Leute Bürgermeister werden - ohne ihre Partei, gegen ihre Partei. Nur ein Einziger von sechs Kandidaten, der 36-jährige Torsten Renz, hat noch die Unterstützung seiner CDU.

Höpner hat sein SPD-Parteibuch hingeworfen und kandidiert als »Einzelbewerber«, weil er findet, dass er sich »nichts vorzuwerfen« habe. Auch wenn die Rostocker Staatsanwaltschaft jetzt gegen ihn ermittelt. »Untreue«, lautet der Verdacht. Und die Stadtvertretung, völlig zerstritten, konnte sich nicht einigen, ob der Mann noch tragbar sei oder nicht. Zwei Abwahlversuche scheiterten. Übrig blieb eine dreimonatige Suspendierung. Der Stellvertreter Detlef Moll führte eine Zeit lang die Geschäfte, aber nun hat der Rat auch ihn aus dem Amt gejagt und durch den Stellvertreter des Stellvertreters ersetzt.

Ob die Wähler das alles wissen? Begriffen haben? »Na ja«, sagt Moll, der sich jetzt nur doch »Dezernent« nennen darf, »ähem, ich glaube, nicht so ganz.«

Abends, am Wahltag, zieht noch einmal Glatze die Runde mit Jumbo, dem Rottweiler, hinter ihm hoppelt die Freundin mit dem Kind. Er schielt zum Bürgerhaus hin, aber wählen will er immer noch nicht, »wieso denn«, sagt er, »wo der Höpner sowieso gewinnt«.

Recht hat er. Fast jedenfalls. Gerade mal 45 Prozent der Bürger sind zur Wahl gegangen, 43,7 Prozent haben für Höpner gestimmt, etwa doppelt so viele wie für den Mann von der CDU. Am 6. Mai ist Stichwahl. Falls jemand im Wahllokal erscheint. BARBARA SUPP

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