Folgen des Corona-Ausbruchs in Gütersloh Der Lockdown, zweiter Teil

Massentests, Polizeikontrollen, massive Einschränkungen: Im Kreis Gütersloh flammt nach dem Ausbruch beim Fleischfabrikanten Tönnies die Coronakrise wieder auf. Was das bedeutet, politisch und praktisch.
Bundeswehr unterstützt Quarantäne: In Verl wurde eine gesamte Wohnsiedlung von ausländischen Mitarbeitern des Fleischbetriebs Tönnies in Quarantäne geschickt.

Bundeswehr unterstützt Quarantäne: In Verl wurde eine gesamte Wohnsiedlung von ausländischen Mitarbeitern des Fleischbetriebs Tönnies in Quarantäne geschickt.

Foto: Noah Wedel/ imago images/Noah Wedel

Mangelnde Kooperation, Eigenmächtigkeit, fehlende Daten: Nach dem massiven Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies hat Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) den Branchenriesen scharf kritisiert - und bis zum 30. Juni einen Lockdown für den Kreis Gütersloh verhängt.

Laut Laschet gelten damit für die Bewohner des Kreises Gütersloh dieselben Regeln wie während der Kontaktverbote im März. Man werde Anordnungen notfalls auch mit Zwang durchsetzen.

Der Corona-Ausbruch in dem Schlachthof ist das bisher größte einzelne Infektionsgeschehen in Deutschland. Mehr als 1550 Tönnies-Mitarbeiter wurden positiv auf das Virus getestet, außerhalb des Firmenumfelds sind es derzeit 24 Personen im Kreis Gütersloh, wo etwa 365.000 Menschen leben. Auch für den Kreis Warendorf kündigte das Land Einschränkungen an.

Rund 7000 Tönnies-Mitarbeiter stehen mitsamt ihren Familien seit einigen Tagen unter Quarantäne. Das Zentrum des Corona-Ausbruchs bei Tönnies liegt Laschet zufolge in der Fleischzerteilung. In dieser Abteilung gebe es die meisten Infizierten.

Rheda-Wiedenbrück: Ein Soldat der Bundeswehr vor dem Gebäude der Fleischfabrik Tönnies

Rheda-Wiedenbrück: Ein Soldat der Bundeswehr vor dem Gebäude der Fleischfabrik Tönnies

Foto: David Inderlied/ DPA

Mit Prognosen tut sich der Ministerpräsident schwer. Blieben die Zahlen der Infizierten außerhalb der Schlachthof-Belegschaft niedrig, könne es bald eine Rückkehr zur Normalität geben. Aber auch eine Verlängerung des Lockdowns sei denkbar. Der CDU-Politiker betonte, es gelte kein Ausreiseverbot. Er appellierte aber an die Bürger, "jetzt nicht aus dem Kreis heraus in andere Kreise zu fahren".

Was ab jetzt im Kreis Gütersloh verboten ist

  • Es gelten Kontaktbeschränkungen wie im März: Im öffentlichen Raum dürfen sich nur Personen des eigenen Haushaltes oder zwei Personen unterschiedlicher Haushalte treffen.

  • Ab diesem Mittwoch ist es verboten, öffentlich Sport in geschlossenen Räumen zu treiben. Fitnessstudios und Schwimmbäder bleiben ebenso geschlossen wie Kinos und Bars. Das Grillen im Freien ist wieder verboten. Es dürfen keine Konzerte und sonstige Veranstaltungen stattfinden. Ausstellungen und Museen müssen wieder schließen. Schulen und Kitas im Landkreis Gütersloh waren bereits am 17. Juni geschlossen worden.

  • Das Unternehmen Tönnies darf derzeit kein Fleisch mehr produzieren. Die Quarantänemaßnahme für Mitarbeiter und Werksverträgler der Firma wird engmaschig kontrolliert. Mobile Teams werden von der Polizei sowie Dolmetschern für Polnisch, Rumänisch und Bulgarisch begleitet.

Im Kreis Gütersloh sollen die Tests in der Bevölkerung massiv ausgeweitet werden. Die Polizei soll mobile Testteams begleiten. Die Landesregierung hat bereits drei Einsatzhundertschaften in den Kreis Gütersloh entsandt. Die Polizisten sollten die Quarantäne der Mitarbeiter von Tönnies kontrollieren. Anordnungen müssten notfalls auch mit Zwang durchgesetzt werden, hieß es. Es werde zusätzliche humanitäre Maßnahmen zur Unterstützung Betroffener geben.

Der lokale Lockdown - ein epidemiologisches Mittel mit großer Wirkkraft

Rund 365.000 Menschen leben nun also wieder im Lockdown, während der Rest Deutschlands zunehmend zur Normalität zurückkehrt. Ein lokaler Lockdown gilt als probates Mittel, die Pandemie unter Kontrolle halten, bis ein Impfstoff entwickelt ist. Dadurch werden Orte, in denen es kaum Neuinfektionen mit Sars-CoV-2 gibt, nicht durch massive Einschränkungen in eine wirtschaftliche und soziale Krise gestürzt.

Dass ein Lockdown prinzipiell gegen die Ausbreitung des Virus hilft, hat sich in den vergangenen Monaten gezeigt: "Wir haben gesehen, dass die Maßnahmen in Deutschland am Anfang der Pandemie sehr gut funktioniert haben", sagte RKI-Chef Lothar Wieler. Es sei also möglich, die Neuinfektionen mit Sars-CoV-2 niedrig zu halten, selbst ohne Impfstoff. "Ganz verschwinden wird das Virus aber nicht aus Deutschland."

Ein bekanntes Beispiel dafür, welche Rolle Hotspots bei der Verbreitung von Sars-CoV-2 haben, ist der österreichische Skiort Ischgl, auf den auch zahlreiche Infektionsketten in Deutschland zurückgehen . Touristen hatten sich in Ischgl angesteckt und anschließend das Virus in ihre Heimatorte eingeschleppt und dort verbreitet.

Die Frage ist nun, ob die Maßnahmen in Gütersloh rechtzeitig kommen - oder ob die Mitarbeiter von Tönnies das Virus ohne es zu wissen bereits weiterverbreitet haben. Eine bedeutende Rolle spielen dabei auch die Gesundheitsämter, denn sie verfolgen die Kontakte nach und informieren Betroffene.

Warum Schlachthöfe der ideale Ort für das Coronavirus sind

In der Debatte über die Ursachen des schweren Ausbruchs bei Tönnies wollte sich RKI-Chef Wieler nicht festlegen. Als mögliche Gründe werden derzeit die beengten Wohnverhältnisse bei vielen aus Osteuropa stammenden Beschäftigten und die Arbeit in gekühlten Betriebsräumen diskutiert.

Erste Studien deuten darauf hin, dass Fleischbetriebe der ideale Ort für das Coronavirus sind. So kann sich der Erreger offenbar in kalter Umgebung deutlich länger halten. Außerdem steigt in den heruntergekühlten Hallen die Gefahr für eine Übertragung durch sogenannte Aerosole - winzige Tröpfchen, die sich möglicherweise sogar über Stunden in der Luft halten und infektiöse Viren enthalten können. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU): rechtzeitig auf Corona-Ausbruch bei Tönnies reagiert?

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU): rechtzeitig auf Corona-Ausbruch bei Tönnies reagiert?

Foto: Federico Gambarini/ DPA

Heikle Situation für Laschet

Für Armin Laschet war der regionale Lockdown für den Kreis Gütersloh die einzige Antwort auf die explodierenden Infektionszahlen. Die Frage ist nur: Zieht der Ministerpräsident die Notbremse noch rechtzeitig? Ob das Virus von Gütersloh aus nicht längst weitergetragen und damit das Infektionsgeschehen erneut angeheizt wurde, wird wohl erst in ein, zwei Wochen feststehen.

Für Laschet ist die Situation heikel: Als sich die Corona-Kurve in Deutschland abflachte, hatte sich der CDU-Vize an die Spitze der Lockerungsbewegung gestellt. Nun fiel es ihm merklich schwer, hart durchzugreifen und sich beim Wahlvolk mit neuen Beschränkungen, die dieses längst überwunden glaubte, unbeliebt zu machen.

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Dazu noch seine unbedachte Schuldzuweisung an "Rumänen und Bulgaren", die das Virus überhaupt erst nach Ostwestfalen eingeschleppt hätten - Laschet machte in den vergangenen Tagen nicht immer eine glückliche Figur. Je nachdem, wie die Sache ausgeht, könnte das zum Problem für ihn werden: Schließlich möchte der 59-Jährige CDU-Chef und wohl auch Kanzler werden.

Angst vor Stigmatisierung

Der NRW-Ministerpräsident warnte im Rahmen der neuen Anti-Corona-Maßnahmen davor, Menschen aus dem Kreis Gütersloh unter Pauschalverdacht zu stellen. Man dürfe die Bewohner des Kreises "nicht stigmatisieren", sagte Laschet. Am Montag hatten die Behörden auf der Urlaubsinsel Usedom 14 Menschen aus Corona-Risiko-Gebieten aufgefordert, vorzeitig abzureisen. Auch ein Ehepaar aus Gütersloh sollte die Insel verlassen. Sie müssten sich unverzüglich bei ihrem heimischen Gesundheitsamt melden, sagte ein Sprecher des Kreises Vorpommern-Greifswald.

Mit Material von dpa, Reuters und AFP
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