Zur Ausgabe
Artikel 29 / 111
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Klüger werden mit: Gunnar Heinsohn

Der 60-jährige Völkermordforscher über Ursachen von Terrorismus
aus DER SPIEGEL 40/2004

SPIEGEL: In Ihrem Buch »Söhne und Weltmacht« sagen Sie, der Terror in der islamischen Welt sei die logische Konsequenz aus dem dortigen Überschuss an jungen Männern. Warum halten Sie die für so gefährlich?

Heinsohn: In der arabischen Welt haben Familien in der Regel drei Söhne. Einen Erben und zwei weitere, die im Grunde keinen Platz in der Gesellschaft haben. Der Anteil an jungen Leuten ist überproportional hoch - man nennt das Youth Bulge. Die Zweitsöhne finden keinen Job und keine richtige Aufgabe. Weltweit wächst so eine Armee von 700 Millionen frustrierten Männern heran, die einen Weg finden müssen, ihre Unzufriedenheit zu kanalisieren. Für viele von ihnen wird der bewaffnete Kampf eine Option.

SPIEGEL: Liegt die Hauptgefahr nicht eher in der Armut?

Heinsohn: Wir dürfen nicht den Fehler machen, den Sieg über den Hunger mit einem Sieg über den Krieg zu verwechseln. Die Attentäter vom 11. September waren junge Menschen, die aus relativ wohlhabenden Familien kamen. Um Brot wird gebettelt, getötet wird für Status und Macht. Gerade wenn die Grundbedürfnisse der jungen Männer gesichert sind, suchen sie viel eher nach Anerkennung - und finden die bei ideologischen Organisationen wie al-Qaida. Das ist keine Frage einer bestimmten Kultur oder Religion. Entscheidend ist die übermäßig hohe Zahl an Jugendlichen, die an die Spitze kommen wollen, aber nicht können.

SPIEGEL: Heißt das im Umkehrschluss, wenn die Geburtenrate in den arabischen Ländern zurückgeht, gibt es weniger Terroristen?

Heinsohn: Wir werden noch mindestens 20 Jahre lang mit diesem Problem beschäftigt sein, denn die Bevölkerungsbombe geht gerade jetzt hoch. Es gibt allerdings keine zweite, da die Geburtenrate in allen Youth-Bulge-Ländern zurückgeht. Damit besteht also Anlass zum Optimismus.

Zur Ausgabe
Artikel 29 / 111
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel