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Umstrittene Gurus in Indien Erlöser in Wrestling-Kostümen

Ihre Anhänger sind folgsam, ihr Einfluss gewaltig. Manche indische Gurus scheffeln Millionen - und nehmen es mit der Ehrlichkeit nicht so genau. Immer wieder geraten selbsternannte Heilige mit dem Gesetz in Konflikt.

In seinem ersten Spielfilm vollbringt Gurmeet Ram Rahim Singh Ji Insa wahre Wunder, das lässt schon die Vorschau erahnen: Darin spaltet der korpulente Inder mit bloßer Hand Baumstämme, wandelt durch die Luft, legt halsbrecherische Manöver auf einem Motorrad hin und schaltet nebenbei Dutzende Angreifer aus.

"The Messenger of God" ("Bote Gottes") heißt der Bollywood-Streifen. Der Titel scheint durchaus ernst gemeint. Denn Darsteller Rahim ist hauptberuflich kein Schauspieler, sondern religiöser Führer. Ein Guru, wie es viele in Indien gibt.

Mitte Januar sollte die Vorpremiere auf einer Open-Air-Leinwand im indischen Gurgaon steigen, 350.000 Menschen kamen laut "Indian Express" - doch wenige Minuten vor Beginn wurde die Vorführung abgesagt.

Vorausgegangen war ein Zank mit den Ämtern: Die oberste indische Zensurbehörde hatte den Film ursprünglich nicht freigegeben, weil man religiöse Unruhen befürchtete. Eine Beschwerdekammer hob die Entscheidung in letzter Sekunde auf. Die Chefin der Zensurbehörde, Leela Samson, trat kurz darauf wohl auch wegen dieses Vorfalls zurück und klagte über politische Einflussnahme.

Dass der Film dann doch nicht gezeigt wurde, hängt vielleicht mit dieser Vorgeschichte zusammen. In Gurgaon wurden vorsorglich 60 Menschen festgenommen, um Handgreiflichkeiten zwischen Anhängern und Kritikern Rahims zu vermeiden.

Ausgestattet mit übernatürlichen Kräften?

Der Fall zeigt, wie viel Einfluss Gurus in Indien haben können. Viele von Rahims Anhängern werden die Action-Szenen und den Mummenschanz - der Star tritt durchweg goldbehängt und in Wrestling-Kostümen auf - ernst nehmen. Sie glauben ihrem Guru, wenn der in Interviews behauptet, dass es nicht Stunts sind, die im Film zu sehen sind, sondern echte Wunder.

Angeblich bis zu 50 Millionen Anhänger weltweit soll Rahim nach Angaben seiner Organisation Dera Sacha Sauda (DSS) haben. Viele von ihnen werden den Film sehen wollen - als Beweis, dass ihr Guru mit übernatürlichen Kräften ausgestattet ist. Sie werden ein Kinoticket kaufen und den selbsternannten Heiligen so noch reicher machen. Schätzungen indischer Medien zufolge hat Rahim mit DSS ein Vermögen von umgerechnet rund 40 Millionen Euro angehäuft.

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Gurus in Indien: Wenn Glaube reich macht

Foto: SAM PANTHAKY/ AFP

Gurus sind in Indien oft ungeheuer populär - und manche von ihnen nutzen die spirituelle Führerschaft schamlos aus. Die Methoden folgen einem ähnlichen Muster: Es gibt das Versprechen auf Erleuchtung und Erlösung, eine kräftige Prise Personenkult und eine Fassade aus guten Werken, mit denen die Anführer Spendenaufrufe rechtfertigen. So können die Organisationen Kranken- oder Waisenhäuser betreiben, Schulen bauen und Brunnen finanzieren - allerdings wird darauf oft nur ein Teil der Spenden verwendet. Fürstliche Anwesen und Flotten teuerster Automobile gehören für einige von Indiens spirituellen Führern dazu.

Der Glaube ist in Indien eine Wachstumsbranche. Berechnungen zufolge nehmen die Abertausenden Prediger, Gurus, Ashram- und Tempel-Betreiber jedes Jahr mehr als 25 Milliarden Euro ein - so schätzt zumindest der Unternehmer Krishnan Ganesh, der selbst mit dem boomenden Devotionalien-Handel OnlinePrasad im Internet Millionen macht. Radhika Ghai Aggarwal, die die indische Verkaufsplattform shopclues.com betreibt, sagt, dass sich das Geschäft mit religiösem Zubehör über ihre Seite allein im vergangenen Jahr versiebenfacht habe.

Mit welchen Tricks Geld gemacht wird, kann man im Sai-Baba-Tempel in Neu-Delhi beobachten. Sai Baba von Shirdi (1836-1918), der ein Mensch gewordener Gott gewesen sein soll, ist bis heute einer der beliebtesten Heiligen Indiens.

Vor allem donnerstags besuchen seine Anhänger die Tempel, die zu seinen Ehren errichtet wurden. Sie kaufen auf dem Markt am Heiligtum Blumen und Puffreis, Tempeldiener nehmen die Opfergaben entgegen - und schaffen sie dann heimlich zurück an die Verkaufsstände, wo sie wieder und wieder verhökert werden.

Wie ein riesiges Sparschwein

Im Tempel sitzt die Statue Sai Babas auf einem riesigen Marmorpodest, das innen hohl ist. Durch Schlitze befüllen die Anhänger den Sockel wie ein riesiges Sparschwein mit Rupien-Noten.

Jeder fünfte Inder lebt in bitterer Armut, viele hungern, viele sind verzweifelt. Sie sind bereit, Mittelsmännern mit angeblich gutem Draht zu den Göttern für ein bisschen Fürsprache ihre letzte Rupie zu geben - leichte Beute für spirituelle Scharlatane. "Die Ärmsten der Armen werden skrupellos abgezockt", sagt Prabir Ghosh, Präsident des Verbands für Wissenschaft und Rationalismus in Indien.

Dass die Regierung nicht einschreitet, hält der in Kalkutta ansässige Autor für einen Skandal. "Die Prediger und die Politiker stecken unter einer Decke. Ein Guru kann Millionen Wähler mobilisieren und manipulieren. Jeder Politiker weiß, dass diese 'Heiligen' Betrüger sind, aber keiner von ihnen würde es wagen, das zu sagen", so Ghosh.

Guru Asaram Bapu sitzt derzeit im Gefängnis

Manche Gottesmänner scheinen irgendwann zu glauben, dass sie über dem Gesetz stehen. Selbst gegen einige prominente laufen oder liefen Prozesse und Ermittlungen, meist geht es um sexuelle Übergriffe, nicht selten auch um Morde an Kritikern oder Rivalen. Der schwerreiche Asaram Bapu etwa sitzt derzeit wegen des Verdachts der Vergewaltigung eines 16-jährigen Mädchens in Untersuchungshaft. Als Guru Baba Rampal 2014 im Zusammenhang mit einem Mordfall festgenommen werden sollte, lieferten sich seine Anhänger Straßenschlachten mit der Polizei.

Auch Rahim steht unter Verdacht. Seit kurzem ermittelt die Bundespolizei CBI gegen den 47-Jährigen mit den Rockstar-Allüren: Ihm wird vorgeworfen, 400 Anhänger in seinem Ashram dazu genötigt zu haben, sich kastrieren zu lassen.  Der Guru soll den Männern weisgemacht haben, dass sie nur so Gott näher kommen könnten, teilten die Ermittler mit.

Sollte Rahim für schuldig befunden werden, könnte er schon bald hinter Gittern sitzen, statt auf einem Motorrad den Actionhelden zu geben.

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