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Tauschen Gut fürs Geschäft

Eine Idee aus Kanada macht im rezessionsgeplagten England Furore: In mehr als 200 Kommunen bezahlen Bürger mit Zweitwährungen.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Der Planet war anders als die anderen: Er hatte keine Hauptstadt, die man unterwerfen konnte, und die Einheimischen gehorchten den bewaffneten Eindringlingen von der Erde nicht - ja, es gab nicht einmal Geld auf diesem Gestirn. Statt dessen tauschten die Bewohner »Obs« für Dienstleistungen oder Waren aus - Obligationen als Schuldscheine.

Eric Frank Russell hat diese geldlose Gesellschaft 1951 in seinem Science-fiction-Klassiker »And Then There Were None« beschrieben. In britischen Städten gehört Russells Fiktion inzwischen zur Wirklichkeit: Die »Local Exchange Trading Systems« (Lets, lokale Tauschhandelssysteme) haben ihre eigenen »Obs": In Totnes heißen sie »Acorns« (Eicheln), in Wiltshire »Links« (Bindeglieder), und in Stroud in den Cotswolds fungiert der »Stroud« als alternatives Geld. Die künstlichen Verrechnungseinheiten haben Konjunktur, seit die britische Wirtschaft auf Talfahrt ist. Waren es 1992 nur 35 Gemeinden, die organisierten Tauschhandel betrieben, sprang die Zahl der Orte mit Zweitwährungen in diesem Jahr auf mehr als 200.

Wer mit der Kunstwährung einkaufen will, muß zunächst der lokalen Lets-Organisation beitreten. Gegen eine Aufnahmegebühr von umgerechnet etwa 20 Mark wird er in eine Liste aufgenommen, aus der die Mitglieder erfahren, was er zu bieten hat. Der Eigeninitiative sind keine Grenzen gesetzt: Dienstleistungen wie Kinderhüten, Haareschneiden, Tapezieren und Chauffieren sind ebenso gefragt wie selbstgezogenes Biogemüse, hausgemachte Marmelade oder Töpferwaren. Neulinge erhalten ein Scheckbuch und die Angebotsliste, der Kredit ist unbegrenzt - sowohl was die Höhe als auch was die Dauer angeht.

Gegen Schnorrer, die nur nehmen ohne zu geben, ist das Let-System dennoch geschützt - durch soziale Kontrolle. Am Monatsende erhält jedes Mitglied nicht nur seinen eigenen Kontostand, sondern auch den der anderen Lets-Teilnehmer. »Wenn sehr viele Leute sehr hohe Defizite anhäuften, würde den anderen möglicherweise die Motivation genommen«, beschreibt Sandra Bruce, die das Projekt in Stroud mitentwickelt hat, den »schlimmsten Fall«. Bislang sind allerdings die Lets-Konten in allen Kommunen ziemlich ausgeglichen.

In Stroud haben mehr als 200 Leute vergangenes Jahr 36 000 Strouds umgesetzt. In Mills' Cafe, einem Schnellrestaurant in der Innenstadt, können Kunden die Hälfte der Rechnung mit Strouds bezahlen. Margaret Mills, die Besitzerin, zahlt zehn Prozent der Löhne ihrer Angestellten in Strouds.

Das Gemüse für ihr Restaurant kauft sie bei Helen Brent-Smith, einer Hobbygärtnerin, die ebenfalls zu 50 Prozent Strouds als Bezahlung annimmt. Brent-Smith wiederum begleicht mit den eingenommenen Strouds die Rechnung des Klavierlehrers oder kauft ein Geburtstagsgeschenk bei Sophie Hughes, der Töpferin.

»Das ist gut fürs Geschäft«, sagt die Töpferin, »weil die Leute oft andere Kunden mitbringen, die in Sterling zahlen.« Die Strouds gibt sie für Akupunktur, Fensterputzen oder Gartenarbeit aus. Der Arzt Andrew Boddam-Wetham, der sich für die Reparatur eines antiken Bilderrahmens tief in der Zweitwährung verschuldet hatte, verkaufte ein Viertel seines Autos für Strouds - den Rest ließ er sich in Pfund zahlen.

Die Idee für den systematischen Tauschhandel entstand vor neun Jahren in Kanada und hat sich inzwischen auch in Australien, Neuseeland und den USA verbreitet. Dort werden die Let-Systeme von Behörden unterstützt: Beamte verteilen auf den Arbeitsämtern Informationsbroschüren und bewilligen ab und zu Zuschüsse für die Tauschhändler.

Auch die Londoner Regierung, fordern die britischen Organisatoren, solle die Zweitwährungen fördern. Schließlich nähmen sie den Politikern einen Teil der Arbeit ab: Sie mildern in Gemeinden mit hoher Arbeitslosigkeit den ökonomischen Niedergang und tragen dazu bei, die Sozialkosten zu senken. Der Tauschhandel, argumentieren seine Befürworter, fördere überdies Selbstvertrauen und Gemeinsinn, versteckte Fertigkeiten und lokale Produkte. Außerdem sorge er dafür, daß defekte Geräte nicht gleich in der Mülltonne landen, sondern repariert werden.

Arbeitslose, die am stärksten vom Tauschhandel profitieren könnten, sind dem System gegenüber allerdings mißtrauisch. Sie fürchten, daß ihnen Sozialleistungen gestrichen würden, wenn sie andere Einkünfte hätten. Doch von Strouds, Acorns und Links allein kann niemand leben.

Zwar verkündete das Londoner Sozialministerium, daß Sachleistungen nicht meldepflichtig seien, solange sie nicht regelmäßig bezogen würden. Auch vom Finanzamt haben Lets-Händler nichts zu fürchten. Doch wer durch den Tauschhandel ein regelmäßiges Einkommen erzielt, muß es versteuern. Die Berechnung basiert dann auf der Annahme, daß ein Stroud einem Pfund Sterling entspricht.

»Es geht hier nicht um Schwarzmarkt oder um verdeckte Steuerhinterziehung«, betont Liz Shephard vom Warminster-Lets. »Sämtliche Transaktionen sind völlig offen.« Eine landesweite Ausdehnung der Systeme lehnt sie ab. »Um Gottes willen«, sagt sie, »dann wären wir wieder genau dort, wo wir jetzt sind: Der Reichtum würde dann von einem zentralen Machtblock abgeschöpft, und die kleinen Gemeinden hätten das Nachsehen. Statt dessen wollen wir Lets in jedem Dorf und in jedem Vorort - small is beautiful.«

Das fanden auch die Eroberer in Russells Science-fiction-Geschichte »And Then There Were None«. Den Offizieren, welche die Bewohner des Planeten vernehmen sollten, erschien deren System so vorteilhaft, daß die Hälfte von ihnen dort blieb. Y

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