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»Gut gegen mangelndes Selbstwertgefühl«

Drogenexperten streiten: Wie gefährlich ist Alkohol für Jugendliche? Der Griff zur Flasche ist schon bei 13jährigen alltäglich. Alkoholismus greift an westdeutschen Schulen um sich - sagen die einen. Schüler trinken weniger denn je - sagen die andern. Neuerdings glauben Wissenschaftler sogar, mäßiger Alkoholkonsum könne sich auf die Entwicklung von manchen Jugendlichen positiv auswirken. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Nach Ansicht des Sozialtherapeuten Werner Heger geht es mit der Welt in einer Hinsicht steil bergab. »Besonders erschreckend und bedenklich« findet der Leiter der Psychosozialen Beratungs- und Behandlungsstelle beim Münchner »Blauen Kreuz«, »daß im letzten Jahr vor allem immer mehr Kinder und Jugendliche immer früher und regelmäßiger Alkohol konsumieren«.

Alarm schlägt auch der Hamburger Elternbund. Immer häufiger, so der Verband, brächen Jugendliche nach Alkoholgenuß in der Schule zusammen. Zunehmend tränken sogar Lehrer gemeinsam mit ihren Schülern.

Solche Warnungen finden ein lautes Echo in den Medien. Der Schüler-Suff sei, so die »Süddeutsche Zeitung«, zum »gesundheitspolitischen Problem« geworden. Die Alkoholgefährdung Jugendlicher habe, meldet die »Frankfurter Rundschau deutlich zugenommen«.

Genau das aber ist unter Fachleuten umstritten. In einem jetzt erschienenen Sammelband über »Drogengefährdete Schüler« zeichnen Experten ein ungleich differenzierteres Bild vom Jugendalkoholismus, als es bislang üblich war. _(Karlheinz Kollehn, Norbert H. Weber ) _((Hrsg.): »Der drogengefährdete Schüler. ) _(Perspektiven einer schülerorientierten ) _(Drogen- und Suchtprävention«. Schwann ) _(Verlag, Düsseldorf; 256 Seiten; 28 Mark. )

Für »nicht eindeutig« - was im wissenschaftlichen Sprachgebrauch auch heißen kann: völlig falsch - hält der Soziologe Richard Müller, Leiter der Forschungsabteilung der Schweizerischen Fachstelle für Alkoholprobleme in Lausanne, in dem Sammelband alle derzeitigen Berichte »über eine neuerliche Zunahme des Konsums alkoholischer Getränke bei Kindern und Jugendlichen«.

Aus Untersuchungen der westdeutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung folgert der Lausanner Forscher, daß der Alkoholkonsum Jugendlicher seit Beginn der siebziger Jahre deutlich abgenommen habe. So ging in Bayern die Zahl der regelmäßigen Alkoholkonsumenten bei den 12- bis 24jährigen innerhalb von sechs Jahren von 54 auf 37 Prozent zurück.

Ähnliches - »Tendenz leicht abnehmend« - berichten die Wissenschaftler Hans Hoffmeister und Hannelore Lopez in einer Studie des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie des Bundesgesundheitsamtes. Wilhelm Feuerlein, Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, führt den Abwärts-Trend bei Jugendlichen unter anderem darauf zurück, »daß in den letzten Jahren ein Rückgang im Konsum alkoholischer Getränke zu verzeichnen ist«.

Gegenüber der Zeit um die Jahrhundertwende jedenfalls, da gibt es keinen Zweifel, hat die Lage sich verbessert. An Hand von drei historischen Untersuchungen zeigt der Sammelband, daß Alkoholkonsum unter Schülern heute unvergleichlich harmloser ist als einstmals. Typisch der Bericht eines Kölner Lehrers aus dem Jahre 1902: _____« Durch auffallende Schläfrigkeit und geistige Trägheit » _____« meiner Schulneulinge veranlaßt, stellte ich kürzlich » _____« montags Nachforschungen unter den 6jährigen Knaben an: » _____« Von den 54 Schülern waren 19 am Sonntag vorher im » _____« Wirtshaus gewesen; 20 » _(Oben: in einem Hamburger Park; ) _(unten: Zeichnung von Heinrich Zille. ) _____« hatten Wein, 24 Bier, 29 Schnaps getrunken; 8 hatten » _____« sich erbrechen müssen. »

Wieviel Alkohol Jugendliche nun wirklich zu sich nehmen, haben das Umfrageinstitut »Infratest«, eine Projektgruppe der Freien Universität (FU) Berlin sowie das Bundesgesundheitsamt (BGA) durch großangelegte Umfragen zu ermitteln versucht. Letzten Monat publizierte das BGA Teilergebnisse aus zwei noch laufenden Untersuchungen an 2300 Schülern aus Bremen und Berlin. Resultate: *___Regelmäßig zur Flasche greifen unter den 13- und ____14jährigen (7. und 8. Klasse) 13 Prozent der Mädchen ____und 16 Prozent der Jungen, in der 9. Klasse schon 18 ____und 22 Prozent (BGA-Studie). Als Gelegenheitstrinker ____bezeichnen sich 39 Prozent der 15- bis 17jährigen ____(Infratest), als regelmäßige Trinker 32 Prozent der ____Zehntkläßler. Das Einstiegsalter liegt bei 11,4 Jahren ____(FU-Studie). *___Akut alkoholgefährdet (mehr als fünf Gläser Bier pro ____Trinkgelegenheit) waren in den befragten 10. Klassen ____4,8 Prozent der Gymnasiasten und 17,8 Prozent der ____Hauptschüler; 5,2 Prozent dieser Schüler greifen ____regelmäßig auch zu Spirituosen. Mehr als jeder fünfte ____Zehntkläßler war bereits einmal oder mehrmals so stark ____betrunken, daß er sich nicht mehr an alles erinnern ____konnte (FU-Studie). *___Etwa ein Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 24 ____trinken heute nach den BGA-Erkenntnissen so viel ____Alkohol, »daß bei weiterbestehendem Dauerkonsum ____vermutlich Alkoholismus auftreten wird. Weitere fünf ____Prozent der Jugendlichen haben einen regelmäßigen ____Konsum, der schon im jüngeren Erwachsenenalter zu ____Abhängigkeit führen dürfte.

Vor allem solche Risiken haben den Bundestag 1984 veranlaßt, das Jugendschutzgesetz zu verschärfen. Seit April letzten Jahres dürfen öffentliche Verkaufsstellen beispielsweise keinerlei alkoholische Getränke mehr an Jugendliche unter 16 abgeben. Wer dagegen verstößt, kann mit einem Bußgeld bis zu 30000 Mark bestraft werden.

So umstritten die Frage ist, ob der Jugendalkoholismus zu- oder abnimmt - auch die Autoren des Sammelbandes mögen nicht schlicht Entwarnung signalisieren. Forscher Feuerlein weist darauf hin, daß »sich der Verbrauch von Alkohol bei jungen Menschen polarisiert«. Soll heißen: »Es gibt mehr, die gar nicht trinken; es gibt aber auch eine kleine Gruppe, die sehr viel trinkt« - was in den Durchschnittszahlen kaum zum Ausdruck komme.

Aus den Vieltrinkern aber rekrutiert sich der Nachwuchs der großen Gruppe von Alkohol-Opfern: Zwei Millionen Bundesbürger sind nach Ansicht der Fachleute alkoholabhängig, 4,5 Millionen alkoholgefährdet. Rund 18000 Bundesbürger sterben jährlich an alkoholbedingter Leberzirrhose. Bei 50000 Verkehrs- und 200000 Arbeitsunfällen pro Jahr, bei 70 Prozent der Scheidungen und einem Drittel aller Selbstmorde ist ebenfalls Alkohol im Spiel.

Solche Zahlen sind wohl auch die Ursache dafür, daß der Jugendalkoholismus - aus pädagogischen Gründen - als rasant wachsendes Problem dargestellt wird. Der Schweizer Richard Müller sieht in solchen Übertreibungen nicht zuletzt »ein Mittel der Erwachsenengesellschaft, Jugendliche zu disziplinieren": Die Schüler übernähmen damit die Rolle des Sündenbocks für den exzessiven Alkoholkonsum Erwachsener.

Der Kölner Soziologe Karl-Heinz Reuband dagegen glaubt, der Eindruck von steigendem Jugendalkoholismus beruhe ganz einfach »auf den steigenden Zahlen polizeilich aufgegriffener alkoholisierter Jugendlicher«. In Wirklichkeit habe sich lediglich »der Toleranzspielraum

der Polizeiorgane gegenüber alkoholisierten Jugendlichen verändert.

Zudem, schreibt Reuband, beruhe die unterschiedliche Wertung auf Begriffsverwirrung. So bestehe beispielsweise unter Fachleuten »kein Konsens darüber, was als exzessiver oder mißbräuchlicher Konsum zu bezeichnen ist«.

Als undramatisch beurteilt so ein Teil der Experten den Kontakt von Schülern mit Alkohol. Der Münchner Psychiater Feuerlein vertritt sogar die Ansicht. Jugendliche müßten »schon in jüngeren Jahren... allmählich an den Alkohol herangeführt werden«. Der Schweizer Richard Müller meint, der Umgang mit der in Mitteleuropa seit Jahrtausenden gebräuchlichen Droge sei »Teil des normalen Sozialisationsprozesses«.

Selbst wenn Schuler zu viel trinken, sei das häufig »ein vorübergehendes Phänomen - nämlich dann, wenn es einer »Ablehnung der Erwachsenen« entspringe, »die den Jugendlichen in seiner Kindheitsrolle behalten möchten«. Akzeptabel sei der Griff zur Pulle auch, wenn er mal helfe, in der »Gruppe der Gleichaltrigen ... mangelndes Selbstwertgefühl zu kompensieren«.

Unter solchen Umständen könne das Trinken vorübergehend sogar eine positive Rolle in der Persönlichkeitsentwicklung spielen. Allerdings, so Müller: »Wenn es Jugendlichen nicht gelingt, Selbstwertgefühle aufzubauen, kann sich die Neigung zur Abweichung zu einer dauernden Verhaltensdisposition verfestigen.«

Karlheinz Kollehn, Norbert H. Weber (Hrsg.): »Der drogengefährdeteSchüler. Perspektiven einer schülerorientierten Drogen- undSuchtprävention«. Schwann Verlag, Düsseldorf; 256 Seiten; 28 Mark.Oben: in einem Hamburger Park;unten: Zeichnung von Heinrich Zille.Durch auffallende Schläfrigkeit und geistige Trägheit meinerSchulneulinge veranlaßt, stellte ich kürzlich montagsNachforschungen unter den 6jährigen Knaben an: Von den 54 Schülernwaren 19 am Sonntag vorher im Wirtshaus gewesen; 20

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