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Haarige Invasion in Kalifornien Bär im Pool

In der kalifornischen Stadt Monrovia sind Bären eine wahre Landplage: In beispiellosen Massen fallen die Tiere in Wohngebiete ein, wühlen im Müll, ernten Obstbäume ab und planschen in Pools. Nun schlagen die gebeutelten Einwohner zurück - mit Pfefferspray.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Im Poolwasser schwimmen Stöckchen und Beeren, auf dem Boden des Beckens und am Rand liegt Sand. Es waren mal wieder Bären da. Das Städtchen Monrovia liegt im San Gabriel Valley, etwa 25 Kilometer nordöstlich von Los Angeles im US-Bundesstaat Kalifornien. Um die 38.000-Einwohner-Stadt herum liegen Berge und Wälder - ideale Bedingungen für Schwarzbären. Und die machen längst nicht mehr Halt am Waldrand, sondern suchen mit Vorliebe in Mülleimern, Gärten und auf Veranden nach Futter. Im Frühjahr und Sommer melden sich jeden Tag besorgte Anwohner bei der Polizei in Monrovia, die Bären in Wohngegenden gesichtet haben. Keine andere Gemeinde in Kalifornien hat so sehr mit diesem Zivilisationsproblem zu kämpfen wie Monrovia.


Die Nähe von Menschen zu suchen ist für Bären die einfachste Art, an Futter zu kommen. Die zotteligen Vierbeiner mopsen Kuchen von Fensterbrettern, brechen in Garagen ein, kippen Mülltonnen um und fressen Obstbäume in den Gärten leer. Haushaltsabfälle sind viel kalorienreicher als die Nahrung, die Bären in ihrem natürlichen Lebensraum finden würden. So vertilgen die Tiere Pizza, Obst, Hamburger und Süßigkeiten.

Wissenschaftler schlagen Alarm: Die Tiere werden immer dicker, früher geschlechtsreif und bekommen mehr Junge. Nach Angaben der Behörden hat sich die Anzahl der Schwarzbären in Kalifornien in der vergangenen 20 Jahren verachtfacht, mehr als 33.000 sind es inzwischen. Und auch in anderen US-Bundesstaaten sind die Bärenpopulationen sprunghaft angestiegen. Gleichzeitig wachsen die Städte, und neue Siedlungen entstehen in den Gebieten, in denen die Bären einst für sich waren.

Mit den neuen Häusern haben auch die Swimmingpools Einzug in das Leben der Wildtiere gehalten. Für Pools haben die Tiere eine nicht zu bremsende Vorliebe. In der Stadt Porter Ranch im Umland von Los Angeles konnte eine Frau im vorigen Mai gerade noch ihre Kinder aus dem Schwimmbecken im Garten fischen, bevor ein 63 Kilo schwerer Schwarzbär darin Platz nahm. "Mein Hund begann sehr laut zu bellen, und ich wollte nachsehen, was los ist: Und ich sah einen Bären in meinem Garten", erzählte die schockierte Frau einem Fernsehsender. Das Tier polterte gegen Türen und Fenster und sprang schließlich in den Pool. Mitarbeiter der Wildtierbehörde mussten anrücken und das Weibchen betäuben. Der Bär wurde fortgeschafft und in den Bergen wieder ausgesetzt.

"Ein ganz schöner Brocken"

In Monrovia hat es ein badefreudiger Bär gar zu lokaler Berühmtheit gebracht. Das auf den Namen "Samson" getaufte Tier machte es sich in den Neunzigern beinahe jeden Tag im Whirlpool von Gary Potter oder einem der Nachbarn gemütlich. Zunächst sei "Samson" nur an heißen Sommertagen zum Baden gekommen, später sei sein Besuch zur Routine geworden, sagte Potter der "Los Angeles Times". "Er war ein ganz schöner Brocken, und er saß einfach im Pool herum", erinnert sich Potter. Nach dem Bad sei "Samson" für gewöhnlich auf Futtersuche gegangen, habe im Müll gewühlt und Avocados von den Bäumen gefressen. Andere Artgenossen machten es ihm nach, so dass ungebetene haarige Gäste im Pool im bärengeplagten Monrovia zum Alltag gehören.

Die Gemeindeoberen versuchen nun, mit einem Anti-Bären-Programm gegenzusteuern. "Füttern verboten!" ist die oberste Regel. Doch weil die findigen Vierbeiner der Einfachheit halber nicht darauf warten, gefüttert zu werden, sondern sich auch mit Abfällen zufrieden geben, greifen die Bewohner von Monrovia zum Äußersten: Pfefferspray in den Mülltonnen. Schnüffelt ein Bär an dem höllisch scharfen Spray oder frisst es gar, dürfte ihm der Appetit auf Essensreste vergehen, zumindest vorerst, hofft der Chef der Stadtverwaltung, Scott Ochoa. Bürgermeister Rob Hammond sagte der "Los Angeles Times", er sei stolz darauf, dass die Bürger von Monrovia gelernt hätten, mit den Bären zusammenzuleben. Verletzt wurde hier bislang niemand, und wenn es Todesopfer gibt, dann auf Seiten der Tiere, die mitunter überfahren werden oder beim Versuch, sie einzufangen, umkommen.

Dass Bären die Scheu vor den Menschen verloren haben, ist ein Problem, das immer wieder in den zahlreichen Nationalparks der USA auftritt. Überall warnen Schilder davor, den Tieren zu nahe zu kommen. Flugblätter informieren über Verhaltensmaßregeln für allzu naturromantische Stadtmenschen. "Keep wildlife wild", die Bitte, Wildtiere nicht an Menschen zu gewöhnen oder zu füttern, ist allerorten zu sehen. Es gibt bärensichere Schließfächer und Mülleimer mit speziellen Schließmechanismen, die die Tiere nicht öffnen können. Dennoch kommt es immer wieder zu tödlichen Begegnungen zwischen Mensch und Bär.

Samson, dem badenden Bär aus Monrovia, wurde die Nähe zum Menschen schließlich zum Verhängnis: Er fraß eine Plastiktüte und erkrankte kurz darauf. Tierfänger verfrachteten das zahnlose und von menschlicher Zuwendung völlig abhängige Tier in einen Zoo, wo es vor einigen Jahren starb. Der Bär rührte die Bewohner der Stadt: Sie sammelten Geld, setzten Samson ein Denkmal und verpassten ihm den Spitznamen "Whirlpool-Bär".

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