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Gewalt gegen trans Menschen »Häme, Spott, Hass und Drohungen«

Die grüne Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer, 45, über Gewalt gegen trans Menschen
aus DER SPIEGEL 37/2022
Aus: DER SPIEGEL 37/2022

Die Jahrhundertkönigin

Sie hat 14 Frauen und Männer zum Premier ernannt. Niemand außer Ludwig XIV. saß in Europa länger auf dem Thron als Großbritanniens Queen Elizabeth II. Mit ihrem Tod nach 70 Jahren Regentschaft endet eine Epoche. Was für ein König wird ihr Sohn Charles III.?

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SPIEGEL: Frau Ganserer, in Münster starb ein trans Mann nach einer brutalen Attacke, in Bremen wurde eine trans Frau schwer verletzt. Sind Sie selbst auch schon angegriffen worden?

Ganserer: In zwei brenzligen Situationen hatte ich Glück, dass ich nicht allein unterwegs war. Freund:innen von mir
sind dazwischengegangen, sodass ich entkommen konnte.

SPIEGEL: Mit Ihnen und Nyke Slawik sitzen zum ersten Mal zwei trans Frauen im Bundestag. Welche Anfeindungen haben Sie persönlich erlebt?

Ganserer: Seit meinem Coming- out werde ich insbesondere in sozialen Medien mit Häme, Spott, Hass und sogar Drohun- gen überzogen. Mir wird permanent meine Geschlechtszugehörigkeit in Abrede gestellt. Das alles ist psychische Gewalt.

SPIEGEL: 2021 wurden deutlich mehr trans- und homophobe Straftaten registriert, darunter viele Körperverletzungen. Woher kommt der Hass?

Ganserer: In jüngster Zeit schüren vor allem rechtsgerichtete Kräfte Ängste vor transgeschlechtlichen Menschen. Und das funktioniert besonders gut, weil aufgrund mangelnder Aufklärung viel Unwissenheit existiert, Transgeschlechtlichkeit vielen Menschen fremd ist und trans Personen oft als solche erkennbar sind. Unwissenheit und mangelnde persönliche Begegnungen sind immer ein guter Nährboden für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Der Hass, der im Netz gesät wird, entlädt sich auf der Straße in realer Gewalt.

SPIEGEL: Der Queer-Beauftragte der Bundesregierung sagt, die Tat von Münster müsse aufrütteln. Wird das passieren?

Ganserer: Ich bin der Überzeugung, dass die Mehrheit der Menschen das Herz am rechten Fleck hat und solche grausamen Taten verabscheut. Ich hoffe, dass diese Mehrheit nicht zulas- sen wird, dass dieser Hass unsere Gesellschaft weiter vergiftet.

SPIEGEL: Was tut die Regierung für trans Menschen?

Ganserer: Unter der unionsgeführten Bundesregierung wurde die dringend notwendige Akzeptanzarbeit sträflich vernach- lässigt. Die Ampelkoalition wird transgeschlechtliche Menschen, die durch das Transsexuellengesetz in ihren Grundrech- ten verletzt wurden, entschädigen – mit dem Selbstbestimmungsgesetz, einem Nationalen Aktionsplan und den nötigen finanziellen Mitteln für Akzeptanzarbeit. Hasskriminalität werden wir konsequent ahnden, aber gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit werden wir nicht einfach per Parlamentsbeschluss aus der Welt schaffen. Für ein gutes, diskriminierungsfreies Miteinander müssen wir alle einstehen.

anr
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