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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Häuschen im Grünen

Warum ein Mann in Kroatien auf einem Kirschbaum wohnt
aus DER SPIEGEL 6/2007

An einem sonnigen Tag im Juni landet Stevan Graovac auf dem Flughafen von Belgrad, im Gepäck eine schwarze Reisetasche. Er will zurück zu seinem Haus, so schnell wie möglich, er hat eine Vorahnung.

Stevan Graovac, 59, zerfurchte Hände, graue Bartstoppel, ist seit 1993 auf der Flucht. Damals besaß er in Smilcic nahe der Adriastadt Zadar in Kroatien ein eineinhalb Stockwerke hohes Haus mit Terrasse, Garten und einem Keller für die Trauben, die Kirschen und die Feigen. Im Hof sprudelte eine Quelle, sie lieferte das Trinkwasser. Er hätte der glücklichste Hauseigentümer von Smilcic sein können. Sein Vater schenkte ihm dazu Obstwiesen. Graovac hätte auch der glücklichste Obstbauer sein können.

Doch dann bombte sich der Krieg in seinen Garten, die Kroaten rückten gegen die Serben vor. Stevan Graovac, ein Serbe in Kroatien, auf einmal der unglücklichste aller Hausbesitzer und Obstbauern, musste sein Eigentum verlassen. Er flüchtete mit seiner Frau und den drei Kindern ins Nachbardorf, dann weiter nach Serbien und schließlich ins amerikanische West Springfield, Massachusetts.

Er hätte dort eine neue Zukunft bauen können. Vielleicht wäre er in den USA ein glücklicher Hausbesitzer geworden.

Jetzt, im Sommer 2004, fährt ihn ein Cousin von Belgrad nach Smilcic. Als er an seinem Haus ankommt, glaubt er erst nicht, was er sieht. Das Haus müsste verlassen sein. Aber auf der Wäscheleine hängen Socken. Männersocken.

Im Hof steht ein Kerl, der nicht grüßt und mit großer Ruhe so tut, als wohnte er hier schon immer.

Der Mann, das erfährt Stevan Graovac erst später, ist ebenfalls Flüchtling. Er stammt aus Bosnien, floh vor den Serben nach Kroatien, nach Smilcic. Dort nahm er sich das erste leerstehende Gebäude.

Stevan Graovac, der Serbe, blickt dem Besetzer, dem Bosnier, in die Augen. Er versucht ruhig zu klingen, als er sagt: Gib mir mein Haus zurück. Der Mann verschränkt die Arme vor der Brust. Er ist kräftig, er ist ein »baustelac«, ein Bauarbeiter. Die Luft ist warm an diesem Tag, 28 Grad, keine Wolken.

Eine Weile stehen sie sich im Hof gegenüber, die beiden Flüchtlinge, der eine ohne Haus, der andere ohne Heimat, und schweigen.

Nach 20 Minuten schleicht Stevan Graovac davon. Was hätte er tun sollen, den baustelac aus dem Haus prügeln?

Der Hausherr ohne Haus geht die nächsten Schritte durch: Er wird die Polizei rufen und vor Gericht ziehen. Er überlegt. Wie lange dauert es, bis ich in mein Haus kann? Ich brauche eine Unterkunft, wenigstens vorübergehend.

Dann fällt ihm die Obstwiese ein.

Noch am selben Tag geht er zur Müllhalde von Smilcic, er findet den alten Fahrersitz eines Busses, Holzbretter, eine Matratze aus Schaumstoff, Blech, zwei graue Filzlappen. Er trägt alles zum Obstacker, seinem Grund und Boden, weit weg vom baustelac.

Er klettert auf einen der Kirschbäume, vernagelt Bretter zwischen den Ästen zu einer ebenen Fläche, wirft die Matratze darauf und breitet einen Filzlappen wie das Dach eines Zeltes darüber. Das Schlafzimmer ist fertig. Den Sessel setzt er auf den Ackerboden neben dem Baum; einen Wurzelstrunk und eine Holzplatte fügt er zu einem Tisch zusammen, ein paar Bretter zu einer Bank, der zweite Filzlappen dient als Dach. Das Wohnzimmer ist auch fertig.

Es ist nur eine Baumhütte aus Brettern und Filz, aber sie gehört ihm. Ab sofort ist er, Stevan Graovac, wieder der Besitzer eines Hauses.

Den ganzen Sommer schläft er zwischen den Zweigen des Kirschbaums, schält sich morgens wie ein verpuppter Schmetterling aus dem Schlafsack, steigt die sieben Leitersprossen hinab, zupft Unkraut zwischen den Rebstöcken und gräbt den klebrigen Boden um. Wenn es dunkel wird, zündet er die Kerze an, die auf dem Tisch steht, und setzt sich ins Wohnzimmer, also auf den Busfahrersitz.

Von den umgerechnet 60 Euro Sozialhilfe, die ihm der kroatische Staat im Monat zahlt, kauft er Weinrebensetzlinge. Einem Bauern hilft er beim Bäumeschneiden, dafür bekommt er einen Tag lang dessen Pflug. Er ist auch ein sehr zufriedener Obstbauer.

Ende Oktober wird es zu kalt auf dem Baum, er zieht in eine der Kriegsruinen. Wenn es regnet, wird sein Bett nass, weil eine Granate ins Dach ein Loch gerissen hat. Anfang April kehrt er in sein Baumhaus zurück.

Er hätte noch lange auf dem Kirschbaum leben können. Dann aber findet ihn ein Mitarbeiter des Serbischen Demokratischen Forums SDF, das serbischen Flüchtlingen hilft. Der SDF-Mitarbeiter erkennt, dass der Mann auf dem Baum eine traurige Geschichte ist und eine nützliche zugleich; die Geschichte eines Serben, der nach seiner Rückkehr um sein Haus kämpfen muss. Stevan Graovac könnte zum Politikum werden, zum Symbol für die Serben und ihre Probleme in Kroatien.

Kurz darauf druckt die größte Zeitung Kroatiens ein Foto von ihm, es kommt Bewegung in das Gerichtsverfahren. Es sieht so aus, als hätte das Symbol Graovac bessere Chancen auf sein Eigentum als der Obstbauer und Hausbesitzer Graovac.

Er hockt auf seinem Sessel, den Blick auf die Felder, zufrieden. Wenn es gut läuft, kann Stevan Graovac, der Baumbewohner, noch vor dem Frühling in sein Haus zurück, nach zwölf Jahren Flucht. Er werde aber, sagt er nach einer Weile, auch künftig im Sommer auf dem Kirschbaum übernachten. CHRISTOPH SCHEUERMANN

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