Häusliche Gewalt "Radikal den Kontakt abbrechen"

Seit zehn Jahren begleitet Hannah Kozak mit der Kamera ihre Mutter Rachel. Die wurde von ihrem Partner verprügelt - und ist seitdem ein Pflegefall. Die Tochter hat eine Botschaft für Frauen in gleicher Lage.

Hannah Kozak

Ein Interview von Jana Felgenhauer


1969 verließ Rachel Zarco ihren Mann und ihre fünf Kinder für einen neuen Partner. Der misshandelte sie mehr als fünf Jahre lang. Dann erlitt sie durch einen besonders harten Schlag eine Gehirnverletzung und wurde zum Pflegefall.

Heute ist Rachel Zarco 81 Jahre alt. In einem Fotobuch* will ihre Tochter, die Fotografin Hannah Kozak, von den tragischen Folgen häuslicher Gewalt und einem langen Weg der Versöhnung erzählen.

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Häusliche Gewalt: Ein Schlag zu viel

SPIEGEL: Frau Kozak, Sie waren neun Jahre alt, als Ihre Mutter Ihre Familie verließ. Danach erlebten Sie immer wieder, wie die Mutter von ihrem neuen Partner misshandelt wurde. Was geht da in einem Kind vor?

Kozak: Am Freitagabend holte sie mich oft zu sich in das Haus, in dem sie mit ihrem neuen Mann lebte. Sie hatte Angst, mit ihm allein zu sein, denn Freitag war die Nacht, in der er ausgehen und mehr als sonst trinken würde. Einmal waren wir beide im Wohnzimmer eingeschlafen, ich auf dem Sessel, sie auf dem Sofa. Ich wachte auf, weil ich die Haustür hörte.

SPIEGEL: Was passierte dann?

Kozak: Ich hörte ein lautes Klatschen. Er hatte meiner Mutter im Schlaf ins Gesicht geschlagen. Dann knipste er das Licht an und behauptete, er habe nur in die Hände geklatscht, um sie zu erschrecken. Da lernte ich zum ersten Mal, dass Erwachsene lügen.

SPIEGEL: Eines Tages misshandelte der neue Lebensgefährte Ihre Mutter so heftig, dass sie bleibende Schäden davontrug.

Kozak: Sie hatten einen Streit, weil mein Vater ihr einen Mantel vorbeigebracht hatte. Mein Vater verkaufte Ledermäntel und meine Mutter liebte es, sich schön zu kleiden. Der neue Mann wurde eifersüchtig und schlug zu. Er ließ sie einfach blutend auf dem Schlafzimmerboden liegen, die ganze Nacht. Am nächsten Morgen rief seine Schwester an und meine Mutter muss noch irgendwie abgenommen haben. Die Schwägerin rief die Ambulanz. Fünf Wochen verbrachte meine Mutter im Krankenhaus. An meinem vierzehnten Geburtstag wurde sie entlassen. Und war nicht mehr dieselbe.

SPIEGEL: Wie lautete die Diagnose?

Kozak: Ein Schlag auf den Kopf hatte zu einer Blutung im Gehirn geführt, die wiederum einen lebensbedrohlichen Schlaganfall ausgelöst hatte. Seitdem ist meine Mutter rechtsseitig gelähmt, kann nicht allein gehen, essen, sich anziehen oder waschen, und man muss genau hinhören, um sie zu verstehen.

SPIEGEL: Können Sie beschreiben, wie das Leben für Ihre Familie danach weiterging?

Kozak: Ich und meine Geschwister blieben bei meinem Vater, der sich sieben weitere Jahre um meine Mutter kümmerte. Meine Oma mütterlicherseits zog aus Guatemala zu uns, um uns zu helfen. Dann heiratete mein Vater erneut und meine Mutter lebte eine Weile mit ihm und seiner neuen Frau zusammen. Als das meinem Vater zu viel wurde, kam meine Mutter in ein Pflegeheim. Der Mann, der ihr das angetan hatte, ließ sich scheiden.

SPIEGEL: Kam er ins Gefängnis?

Kozak: Nein, juristisch wurde er nie belangt. Mein Vater beauftragte zwar einen Anwalt, aber meine Mutter unterschrieb die Papiere nicht. Sie wollte meinen Stiefvater nicht anzeigen, auch wenn er ihr so viel Schmerz zugefügt hatte.

SPIEGEL: Hat diese Tat Ihre eigene Sicht auf Männer verändert?

Kozak: Nein, mein Blick auf Männer und Frauen ist der gleiche geblieben: Einige sind gut, andere verhalten sich sehr schlecht. Aber die ganze Sache hat eine ziemlich unabhängige Frau aus mir gemacht, die sich niemals, wie meine Mutter, kontrollieren lassen wird.

SPIEGEL: Waren Sie als Teenager bei all dem Leid auch wütend auf ihre Mutter, weil sie damals gegangen war?

Kozak: Ich brauchte Jahrzehnte, um ihr zu verzeihen. Als Erwachsene brach ich den Kontakt zu ihr ganz ab, da ich die Situation nur schwer ertragen konnte. Sie so zu sehen, machte mich depressiv - gleichzeitig fühlte ich mich schuldig, wenn ich sie nicht im Heim besuchte.

SPIEGEL: Erst im Jahr 2009 suchten Sie wieder den Kontakt zu ihr und begannen, sie mit der Kamera zu porträtieren. Was war der Anlass?

Kozak: Ich habe 25 Jahre lang als Stuntfrau gearbeitet und mir bei einem Job beide Beine gebrochen, als ich aus einem Hubschrauber auf das höchste Gebäude in Los Angeles sprang. Nun lag ich also alleine in meinem Bett, weinte und konnte nicht laufen. Ich war bereits siebenundvierzig Jahre alt und mir wurde klar: Ich muss die Beziehung zu meiner Mutter heilen.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich Ihr wieder angenähert?

Kozak: Es war schwer für mich, denn da lag eine Frau im Bett, die mir völlig fremd war. Am Anfang begleiteten mich deshalb ein Freund oder meine Schwester bei den Besuchen. Dann begann ich sie zu fotografieren, was die nötige Distanz zwischen uns herstellte.

SPIEGEL: Fühlten Sie sich manchmal unwohl, Ihre Mutter in ihrer Hilflosigkeit zu fotografieren? Weiß sie von dem Projekt?

Kozak: Ich habe die Fotos ursprünglich für mich gemacht, mir wurde aber schnell klar, dass ich die Bilder mit anderen teilen wollte. Meine Mutter liebt es, fotografiert zu werden und ich gebe ihr mit der Art, wie ich sie zeige, etwas Würde zurück. Sie weiß, dass ich immer eine Kamera dabei habe. Ich habe ihr einen Entwurf des Fotobuchs gezeigt und sie wirkte glücklich darüber, dass ich ihr zu Ehren ein solches Projekt plane.

SPIEGEL: Bekommt sie ihre Umgebung bewusst mit?

Kozak: Ja, natürlich. Als mein Vater 2012 starb, sagte sie zu mir: "Alles ist schiefgegangen". Das war für mich der Beweis dafür, dass sie durchaus versteht, was um sie herum passiert. Sie hat gute und schlechte Tage, so wie andere auch.

SPIEGEL: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Mutter als junge, gesunde Frau?

Kozak: Sie war immer eine freundliche und mitfühlende Frau. An eine Szene kann ich mich besonders gut erinnern. Ich war damals in der 5. Klasse, wir hatten eine Schulveranstaltung. Meine Mutter betrat das Klassenzimmer. Sie hatte lange dunkle Haare und trug ein orangefarbenes Kleid. Ich erinnere mich, wie ich strahlte und dachte: "Das ist meine Mutter und sie kommt meinetwegen." Orange ist seitdem meine Lieblingsfarbe.

SPIEGEL: Was ist das Ziel Ihres Projektes?

Kozak: Das eine Thema ist die komplexe Mutter-Tochter-Beziehung. Ich möchte zeigen, dass es möglich ist, einem Elternteil zu verzeihen, auch wenn die Situation ausweglos erscheint - wenn ich es geschafft habe, kann es jeder. Das andere Thema ist die häusliche Gewalt. Ich möchte Menschen aufrütteln: Geht, bevor es zu spät ist! Denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Situation eskaliert. Man sollte niemals hoffen, dass sich jemand ändert, sondern radikal den Kontakt abbrechen.

SPIEGEL: Wie geht es Ihrer Mutter heute?

Kozak: 35 Jahre lang musste sie sich in einem Pflegeheim mit zwei anderen Frauen ein Mehrbettzimmer teilen. Für sie als stille, introvertierte Person war das schwer auszuhalten. Außerdem war sie ja erst 41 Jahre alt und lebte nun in einem Altersheim. Sie zog sich total zurück, verfiel in eine Art Dauermeditation. Ihr Gesundheitszustand verbesserte sich enorm, als ich sie vor vier Jahren aus der ersten Einrichtung in die zweite verlegte. Sie hat nun mehr Privatsphäre, sieht gelassener aus. "Das hast du wunderbar gemacht", sagte sie zu mir. Meine Mutter scheint trotz allem nicht verbittert zu sein, ist freundlich, versucht, an Aktivitäten teilzunehmen. Ich gehe oft mit ihr draußen im Garten im Rollstuhl spazieren. Eine Therapeutin fragte sie einmal, wie sie ihr Leben betrachtet. Sie antwortete: "Ich habe gelernt, all die Veränderungen zu akzeptieren."

*Um ihr Fotobuch zu finanzieren, hat Hannah Kozak eine Crowdfunding-Kampagne über Kickstarter.comgestartet (bis 21.10.2019).

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