Haft Sie ließen ihr Pflegekind verhungern

Das Stuttgarter Landgericht hat den Hungertod des fünfjährigen Alexanders mit lebenslangen Freiheitsstrafen für seine Pflegeeltern geahndet. Das Kind wog bei seinem Tod soviel wie ein sechs Monate altes Baby.


Stuttgart - Mehrere Jahre hatten Alexander, sein ein Jahr älterer Bruder und ein heute zehnjähriger Junge in dem Haus der Familie verbracht. Als sie dort ankamen, waren sie körperlich kerngesund. Später - im Herbst 1997 - fühlten sich Ärzte bei ihrem Anblick an «KZ-Bilder» erinnert. Der Zehnjährige, der 1990 im Alter von einem Jahr ein Gewicht von 10,6 Kilogramm auf die Waage brachte, wog sieben Jahre später gerade 11,8 Kilogramm. Noch erschreckender klingen die Zahlen bei Alexander: Als Einjähriger kam er mit einem Gewicht von 10,2 Kilogramm in die Familie. An seinem Todestag, vier Jahre später, wog er drei Kilogramm weniger.

Keine Habgier, aber dennoch "niedrige Beweggründe" urteilte am Mittwoch die 9. Strafkammer und befand die angeklagten Pflegeeltern des Mordes sowie der Mißhandlung von Schutzbefohlenen für schuldig. Damit entsprachen die Richter dem Antrag des Staatsanwalts. Die 33jährige Kinderpflegerin und ihr 39jähriger Mann hatten den Mordvorwurf stets zurückgewiesen.

"Alexander hat die meiste Zeit seines Lebens Leid erfahren", sagte der Vorsitzende Richter Martin Krause in seiner Urteilsbegründung. Der Fünfjährige war Ende 1997 im Hause seiner Pflegeeltern in Weinstadt-Beutelsbach (Rems-Murr-Kreis) an den Folgen von Unterernährung gestorben. Die Pflegeeltern hatten den Zustand der Kinder vor Gericht mit angeblichen Eßstörungen erklärt. Die Richter zeigten sich jedoch davon überzeugt, daß sie die Jungen gezielt mangelhaft versorgt und trotz Lebensgefahr keinen Arzt aufgesucht haben.

Im Gegensatz zum Staatsanwalt gehen die Richter nicht von Habgier als Motiv aus. Das Pflegegeld - mehr als 3000 Mark im Monat - habe bei den Taten keine entscheidende Rolle gespielt. Vielmehr habe die Pflegemutter "ihren Haß" an den drei Pflegejungen ausgelassen und diese ständig mit Essens- und Liebesentzug bestraft, damit sie gehorchten. Ihr Ehemann habe seine Frau in diesem unterstützt. Ihre drei leiblichen Kinder haben die Angeklagten nach Auffassung der Richter immer gut behandelt. Doch auch sie sind heute Opfer der Tragödie. Sie lebten bisher bei den Großeltern, werden nun aber in Heimen oder Pflegefamilien untergebracht.



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