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Haiti Helfer fürchten Aufstand der Verzweifelten

Für die Rettungskräfte in Haiti wird die Lage gefährlich. Die Wut der Menschen und die Anarchie in der Hauptstadt Port-au-Prince nehmen zu, weil Wasser- und Nahrungsmitteltransporte nur langsam die Überlebenden erreichen. Die Hilfsorganisationen warnen vor Überfällen und Plünderungen.

Port-au-Prince - Am dritten Tag nach dem Erdbeben hat sich die ohnehin schon prekäre Sicherheitslage in Haiti weiter verschärft. Erschöpfung, Trauer, aber auch Wut und Enttäuschung über die nur langsam anlaufenden Hilfsmaßnahmen haben Beobachtern zufolge die Aggressivität in der Bevölkerung merklich steigen lassen.

Ein Sprecher des brasilianischen Militärs empfahl Hilfskonvois eindringlich, nur bewacht durch Haiti zu fahren, um Plünderungen vorzubeugen. "Unglücklicherweise werden die Menschen langsam wütend und ungeduldig", sagte David Wimhurst von den Uno-Friedenstruppen, "wir alle merken, dass die Situation sich verschärft. Ich glaube, die Stimmung könnte sich aufheizen."

Jetzt wollen Mitarbeiter des Welternährungsprogramms (WFP) 200 Feldküchen in der Hauptstadt aufbauen, vor allem in Vierteln, wo es besonders viele Obdachlose gibt. Jede dieser Anlaufstellen soll täglich Mahlzeiten für etwa 500 Menschen bereitstellen. "Die Zerstörung ist so groß, dass es keine leichte Aufgabe ist, mit all den Vorräten von A nach B zu kommen", sagte WFP-Sprecherin Emilia Casella in Genf.

Nur wenige internationale Helfer sind derzeit in den verwüsteten Straßen von Port-au-Prince zu sehen - und das hat seine Gründe. Dominikaner, Franzosen und Mitarbeiter von US-Organisationen stehen bei der Bergung von Opfern und der Verteilung von Nahrungsmitteln vor riesigen logistischen Hindernissen. Doch vor allem erschweren bewaffnete Banden und Plünderer ihre Arbeit. "Das größte Problem ist der Mangel an Sicherheit", bestätigte Delfin Antonio Rodriguez, Chef des Zivilschutzes der Dominikanischen Republik.

So gravierend seien die Sicherheitsbedenken, dass Helfer aus dem Nachbarland im Ostteil der Karibikinsel Hispaniola inzwischen an bestimmten Orten nicht mehr arbeiten könnten. "Es gibt Plünderungen und bewaffnete Menschen, weil Haiti ein sehr armes Land ist und die Menschen verzweifelt sind", beschreibt Rodriguez die Situation.

Weil die wichtigsten Krankenhäuser zerstört oder beschädigt sind, müssten die Helfer Feldlazarette unter freiem Himmel aufbauen. Doch das will derzeit niemand riskieren: "Wenn wir ein Lazarett in der Nacht aufbauten, wäre es am nächsten Morgen nicht mehr da", befürchtet Rodriguez. Sein Stellvertreter José Cavallo bemängelt die fehlende Koordination der Hilfseinsätze mit den örtlichen Behörden. Es mangele an Ansprechpartnern. "Hilfe trifft ein, aber sie kann nicht verteilt werden", sagt Rodriguez.

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Wut in Haiti: "Wir brauchen Essen, die Menschen leiden"

Foto: CARLOS BARRIA/ REUTERS

Ein weiteres Problem: Die Anweisungen für die Helfer sind offenbar sehr strikt. Weil die Rettungskräfte unbewaffnet sein müssten, würden sie aus Angst vor gewaltsamen Übergriffen nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr arbeiten. Das dominikanische Team wird zwar von bolivianischen Soldaten der Uno-Blauhelmmission in Haiti (Minustah) geschützt.

Seit 2004 versuchen die Vereinten Nationen, die prekäre Lage in Haiti zu stabilisieren. Die rund 11.000 Soldaten, Polizisten und zivilen Mitarbeiter der Minustah sollen für Sicherheit sorgen und die Regierung des Landes etwa bei der Entwicklung demokratischer Strukturen unterstützen. Die internationale Friedenstruppe versucht nun zu verhindern, dass geplündert wird. Doch auch die Soldaten der Minustah sind unbewaffnet - was viele in der gegebenen Situation als Manko ansehen. "Manchmal wäre es besser", Waffen zu haben", sagt einer von ihnen.

An einigen Stellen von Port-au-Prince ist es bereits zur Auseinandersetzungen um Wasser und Lebensmittel gekommen. Ein Helfer namens Fevil Dubien berichtete, in einem Viertel im Norden der Hauptstadt hätten die Leute massiv um Trinkwasser gekämpft, das er aus einem Lastwagen heraus verteilt habe. Eine Gruppe von etwa 50 Haitianern soll Mitarbeiter einer internationalen Agentur um Lebensmittel angegangen sein. "Wir hörten Lärm an der Tür, Klopfen und dann versuchten sie reinzukommen", erzählte Projektmanager Liony Batista. "Was ist los?", hätten die Eindringlinge gefragt. "Gebt ihr uns etwas zu essen?" Glücklicherweise sei die Situation nicht eskaliert und die Männer nach dem Vorfall weitergezogen.

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Vorher-nachher-Bilder: Was das Beben in Haiti angerichtet hat

Foto: Frederic Dupoux/ Getty Images

Der haitianische Botschafter in den USA, Raymond Joseph, bekundete auf CNN Verständnis für die Verzweiflung seiner Landsleute angesichts der Katastrophe. Er gehe aber davon aus, dass die Menschen sich im Griff hätten, und nicht versuchen würden, von der unübersichtlichen Situation zu profitieren, so Joseph.

Sorgen macht den Sicherheitsleuten auch die totale Zerstörung des Hauptgefängnisses von Port-au-Prince, aus dem kurz nach dem Beben sämtliche Überlebende flüchteten. Ein Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes, das die Insassen vor der Katastrophe betreute, erklärte, einige Gefangene seien zu Tode gekommen. Die große Mehrheit, rund 4000 Männer, sei allerdings geflohen und streife nun durch die Straßen der Hauptstadt. "Sie haben offensichtlich die Situation ausgenutzt", sagte Marcal Izard.

In einem der ärmsten Staaten der Welt lebten die Menschen vor dem Beben von weniger als zwei Dollar am Tag. Noch immer kann fast die Hälfte der Bevölkerung weder schreiben noch lesen. In einer Gallup-Umfrage vom Dezember 2008 sagten 60 Prozent der befragten Haitianer, es habe im vergangenen Jahr Momente gegeben, in denen sie nicht genug Geld für Lebensmittel gehabt hätten. Mehr als die Hälfte erklärte, vorübergehend obdachlos gewesen zu sein.

Schon vor der Katastrophe gehörten Trinkwasser und Elektrizität in den armen Haushalten auf Haiti keineswegs zum Standard. Obwohl allein die USA Milliarden von Dollar in das Land investierten, blieb die Infrastruktur unterentwickelt. Korruption, Diebstahl und schwere Gewaltdelikte sind an der Tagesordnung, ganz zu schweigen von der instabilen politischen Lage. Umso schwieriger dürfte es in naher Zukunft sein, die großzügig fließenden Spenden auch tatsächlich dorthin zu transferieren wo sie gebraucht werden.

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Haiti: Inselstaat in der Erdbebenzone

Foto: DLR / DFD / ZKI
ala/dpa/AP/Reuters