Haiti Weitere US-Soldaten landen im Katastrophengebiet

Sie sollen für die Sicherheit der Helfer sorgen und Plünderungen verhindern: In Haitis zerstörter Hauptstadt sind weitere US-Soldaten eingetroffen. Fallschirmjäger übernahmen die Kontrolle über den Präsidentenpalast und ein Krankenhaus in Port-au-Prince.


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Einsatz in Haiti: Helfer in der Hölle
Port-au-Prince - Eine Woche nach dem vernichtenden Erdbeben in Haiti wird das ganze Ausmaß der Katastrophe immer deutlicher. Zwar arbeiten Helfer rund um die Uhr bis zur völligen Erschöpfung. Doch in den Trümmern des Karibikstaates sind ihre Möglichkeiten begrenzt. Oft müssen Menschen mitten auf der Straße behandelt werden. Viele Opfer haben lebensbedrohliche Infektionen und können sich nur mit letzter Kraft in die inzwischen eingerichteten, aber völlig überfüllten Notfallzentren schleppen.

Nach wie vor wird unter den Trümmern nach Überlebenden gesucht. Zu den Vermissten zählen auch 5500 Amerikaner. Das berichtet der TV-Sender MSNBC unter Berufung auf das US-Außenministerium. In Haiti leben etwa 45.000 US-Bürger. Deren Angehörige in den USA fordern die Armee seit Tagen zur verstärkten Suche nach Überlebenden auf.

Tatsächlich landeten am Dienstag weitere amerikanische Truppen in dem Katastrophengebiet. In einer spektakulären Aktion übernahmen sie die Kontrolle über den Präsidentenpalast sowie ein Krankenhaus in Port-au-Prince. Als die Fallschirmjäger vor dem Palast aus ihren Hubschraubern sprangen, brandete bei den Haitianern Jubel auf. Schon zuvor war ein US-Amphibienschiff südwestlich der Hauptstadt mit mehr als 2200 Marineinfanteristen eingetroffen. Sie sollen mit Uno-Blauhelmsoldaten zusammenarbeiten.

Auch die Vereinten Nationen wollen bald Verstärkung schicken: Wie von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon angekündigt, hat der Sicherheitsrat einstimmig die Entsendung weiterer 3500 Blauhelmsoldaten beschlossen. Sie sollen den Aufbau unterstützen, Hilfskonvois eskortieren und die Routen für Lebensmittellieferungen sichern.

Abwurf von Hilfsgütern vorerst eingestellt

Das scheint bei der momentanen Lage in Port-au-Prince dringend geboten: Seit dem schweren Erdbeben herrschen größtenteils anarchische Verhältnisse. Immer wieder kommt es zu Plünderungen von Geschäften und Privathäusern.

Aus diesem Grund hat die US-Luftwaffe den Abwurf von Hilfsgütern bis mindestens Mittwoch ausgesetzt. Zunächst müsse gewartet werden, bis genügend Bodentruppen im Einsatz seien, um die Abwurfstellen zu schützen, sagte der Vizechef des US-Militäreinsatzes in Haiti, Daniel Allyn. Zuvor waren acht Kilometer vom Flughafen entfernt erstmals aus einem Flugzeug 14.500 Lebensmittelpakete und 15.000 Liter Trinkwasser abgeworfen worden. "Beim Eintreffen der Hilfe müssen wir Chaos vermeiden", sagte der US-General.

Dagegen bemühte sich der Chef der Uno-Mission auf Haiti, Edmond Mulet, eine weniger heikle Sicherheitslage zu beschreiben. "Die allgemeine Lage ist stabil, die Situation ist unter Kontrolle", sagte Mulet. "Ja, es hat so etwas wie Plünderungen gegeben. Aber das waren Menschen, die Nahrungsmittel aus zusammengestürzten Supermärkten genommen haben. Das halte ich angesichts der Situation für verständlich", so Mulet.

"Die Häftlinge bereiten der Polizei sorgen"

Ein Problem sei allerdings, dass durch das Erdbeben das Gefängnis zerstört wurde: "Einige Häftlinge kamen ums Leben, aber einige der schlimmsten Verbrecher und Bandenchefs konnten fliehen. Das bereitet der Polizei Sorgen."

Die Hilfsarbeiten laufen laut Mulets Worten von Tag zu Tag besser. "Ein Problem ist nach wie vor der Flughafen, der mit nur einer Landebahn der Flaschenhals ist", so Mulet. Sehr viel komme zwar über die Dominikanische Republik ins Land, aber auch das sei begrenzt.

In dieser Situation versuchen die Helfer ihre Güter auf anderen Wegen nach Port-au-Prince zu bekommen. Das Welternährungsprogramm will in den kommenden Wochen fünf große "humanitäre Korridore" angelegen, über die Lebensmittel und andere Hilfsgüter über Luft-, Land- und Seewege nach Haiti gebracht werden. Insgesamt seien bislang 250.000 Essensrationen und über 20.000 Zelte an die zahlreichen Obdachlosen verteilt worden.

EU-Ratspräsident fordert "bessere Mittel zur Krisenreaktion"

Laut Angaben des Technischen Hilfswerks (THW) läuft die in der Nähe des Flughafens von Port-au-Prince eingerichtete Anlage zur Aufbereitung von Trinkwasser seit Montag mit voller Leistung. Eine zweite Anlage soll noch am Dienstag in Betrieb gehen. Damit könne das THW mindestens 30.000 Menschen am Tag mit Trinkwasser versorgen.

Insgesamt wurden laut einer Uno-Rechnung bislang Hilfszusagen in Höhe von insgesamt 1,2 Milliarden Dollar gegeben. Trotz der weltweiten Anteilnahme gibt es jedoch bereits Forderungen nach einem effektiveren Krisenmanagement. In der EU müsse über "bessere Mittel zur Krisenreaktion" nachgedacht werden, sagte EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy nach einem Gespräch mit dem britischen Premierminister Gordon Brown. Im Moment müssten sich jedoch alle Anstrengungen darauf richten, der haitianischen Bevölkerung zu Hilfe zu kommen.

hut/dpa/apn/AFP

insgesamt 1801 Beiträge
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Seite 1
Palmstroem, 16.01.2010
1. Die Frage kommt zu spät
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Die Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Brand-Redner 16.01.2010
2. Genau
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Wirtschaftliche Not gebiert nun mal keine politische Stabilität. Wer diese haben will, ohne jene zuvor abzuschaffen, verhält sich so ignorant und lächerlich wie ein Baumeister, der das Dach vor den Fundamenten aufsetzen will. Aber in der Politik scheint ja alles möglich. - Gestern las ich, Deutschland wolle Haiti 1,5 Millionen Euro Spenden bzw. Spendengüter zukommen lassen: Was für eine Wahnsinnssumme - das ist ja fast mehr, als im Bundestag jährlich für neue Schreibgarnituren ausgegeben wird, nicht wahr? - Ist das noch Dummheit oder schon Zynismus?
forumgehts? 16.01.2010
3.
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Nein, denn wenn ich richtig informiert bin, haben sich bisher nicht einmal die Chinesen für dieses Gebiet interessiert. Und das heisst, dass da nun wirklich nichts zu machen und/oder zu holen ist.
archelys, 16.01.2010
4. Brunnenkinder
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Es liegen schon viele Kinder im Brunnen, Herr Palmstroem, und Sie staunen nur. Nun aber sind drei "Präsidenten" im Einsatz. Vielleicht bohren die auf Haiti wieder einen Brunnen, dieses Mal in Schrägbohrung nach Kuba. Da müssen wir wieder sehr aufpassen, dass kein Kind reinfällt...
Rainer Helmbrecht 16.01.2010
5. Titel verweigert!
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Eins hätten die USA auf jeden Fall machen können, sie hätten nicht durch Dumpingpreise die Agrarwirtschaft dieses und vieler anderer armen Länder kaputt mache brauchen. Europa ist da auch nicht besser, die durch Subventionierte Produkte die Märkte und die heimischen Produkte kaputt machen und Bauern zu arbeitlslosen Stadtbewohnern verkommen lassen. Selbstlose Hilfe ist eine große Tat, aber durch unreelle Marktmacht, andere ländliche Strukturen zu zerstören ist eine Sauerei. So wie das leer fischen vor den Küsten armer Länder. Wie groß die Schuld ist kann ich nicht beurteilen, aber dass wir Schuld auf uns geladen haben, ist unzweifelhaft. MfG. Rainer
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