Haiti Zwei Frauen lebend aus den Trümmern gerettet

Ihre Rettung grenzt an ein Wunder: Zwei Frauen konnten eine Woche nach dem Beben in Haiti lebend gerettet werden. Eine 25-Jährige wurde unter den Trümmern eines Supermarktes gefunden, eine ältere Dame beim Bischofssitz. Die Chancen zu überleben schwinden jedoch. Bis Dienstag wurden mindestens 72.000 Tote gefunden.


Fotostrecke

5  Bilder
Das Wunder von Haiti: "Als ob Gott meine Hand drücken würde"
Port-au-Prince - "Niemand hatte geglaubt, dass sie noch lebt", sagte eine Retterin erstaunt. 72 Stunden. Das ist die entscheidende Zahl, danach sinkt schlagartig die Wahrscheinlichkeit, Überlebende nach einem Erdbeben zu finden. Diese 72 Stunden sind nach der Katastrophe in Haiti längst verstrichen. Trotzdem konnten Helfer eine alte Dame am Dienstag, sieben Tage nach dem Beben, aus den Trümmern retten. Der sichtlich bewegte mexikanische Retter Javier Vazquez sagte: "Es fühlte sich an, als ob Gott selbst meine Hand drücken würde."

Er zog Ena Zizi aus den Resten der einstigen Residenz des Erzbischofs in der Hauptstadt Port-au-Prince, nach ersten Angaben ist sie 69 oder 79 Jahre alt. Zizi ist nach Aussage der Ärzte dehydriert, sie hat einen ausgerenkten Oberschenkel und ein gebrochenes Bein. "Ich bin okay, sozusagen", rief sie, als sie auf einer Trage weggebracht wurde. Dann stimmte die tiefgläubige Katholikin Lobgesänge an. "Ich habe niemals aufgegeben. Wir haben dafür gebetet, dass das passiert", sagte ihr Sohn, der in den USA wohnt, dem Fernsehsender CNN, nachdem er erfahren hatte, dass seine Mutter lebt.

Unter den Trümmern seien noch mehr Überlebende, sagten Helfer. Die Rettungskräfte hätten sogar mit ihnen sprechen können. Unklar ist, wie die Menschen so lange überleben konnten. Die Helfer fanden auch die Leiche des Erzbischofs Joseph Serge Miot. Der Geistliche saß in einem Stuhl, offenbar war er in seinem Arbeitszimmer von dem Beben überrascht worden.

Auch eine junge Frau konnte gerettet werden. Sie lag unter den Trümmern eines Supermarktes in Port-au-Prince. Die 25-Jährige sei bei Bewusstsein, und es gehe ihr den Umständen entsprechend gut, sagte ein Helfer. Bis Dienstag hatten 52 Rettungsteams mit 1820 Helfern und 175 Hunden nach Uno-Angaben insgesamt rund 90 Menschen lebend gerettet.

Mehr Soldaten, mehr Helfer

Bis zu 200.000 Menschen sollen bei dem verheerenden Erdbeben vor einer Woche getötet worden sein. Nach Angaben des haitianischen Ministerpräsidenten Jean-Max Bellerive wurden bis Dienstag mindestens 72.000 Tote geborgen. Diese Zahl berücksichtige nicht die von ihren Angehörigen bestatteten Opfer oder die von den Uno-Friedenstruppen aufgesammelten Leichen, berichtet CNN. In Port-au-Prince allein könnten bis zu 150.000 Menschen ums Leben gekommen sein, hieß es dem Sender zufolge.

Die internationale Staatengemeinschaft hat ihre Hilfsanstrengungen massiv verstärkt. Die Vereinten Nationen stocken ihr Kontingent in dem Karibikstaat um 3500 Blauhelmsoldaten und Polizisten auf insgesamt mehr als 12.500 auf. Auch die USA haben ihre Militärpräsenz erhöht.

Die Welternährungsorganisation will fünf "humanitäre Korridore" einrichten, um auf dem Luft-, Land- und Seeweg Nahrungsmittel zu bringen. Binnen einer Woche sollen die Lebensmittel eine Million Menschen erreichen. Allein Mexiko will 750 Tonnen Hilfsgüter auf dem Seeweg transportieren. Ein Engpass bei der Versorgung bleibt der Flughafen von Port-au-Prince, wo nicht alle Hilfsflüge landen können.

Es mangelt an allem: Nahrung, Trinkwasser, Unterkünften

Die Belegschaft der Vereinten Nationen gedachte in New York ihrer toten und noch vermissten Kollegen. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon verbeugte sich symbolisch vor den Opfern und Vermissten. Die Weltorganisation fürchtet, durch die Naturkatastrophe in dem Karibikstaat mehr Mitarbeiter verloren zu haben als je zuvor in ihrer Geschichte. Zu den Opfern gehören der Leiter der Uno-Mission in Haiti, Hédi Annabi, und seine zwei engsten Mitarbeiter. Bisher wurden etwa 50 Angehörige der Vereinten Nationen tot aus den Trümmern geborgen. Weitere 500 werden noch vermisst.

In dem verwüsteten Port-au-Prince und Umgebung herrschten am Dienstag weiter furchtbare Zustände. Viele Menschen haben seit Tagen weder Nahrung noch Trinkwasser. Teils schwer Verletzte warten noch immer auf erste medizinische Hilfe.

Am Dienstag wurde die Situation der Zehntausenden Obdachlosen auf den Straßen von Port-au-Prince durch Regen zusätzlich erschwert. Die befahrbaren Straßen in der Hauptstadt waren oft hoffnungslos verstopft mit Fahrzeugen und Flüchtlingen.

Katastrophale Lage in der Umgebung von Port-au-Prince

Katastrophal nannten Helfer auch die Situation in der Umgebung der Hauptstadt. So sind in dem etwa 50.000 Einwohner zählenden Ort Léogâne, rund 30 Kilometer westlich von Port-au-Prince, rund 90 Prozent der Gebäude zerstört.

Trotz vereinzelter Meldungen über Plünderungen und Schießereien beschrieb der amtierende Chef der Uno-Mission in Haiti, Edmond Mulet, die Lage in einer Videokonferenz aus Port-au-Prince insgesamt als ruhig und nicht gewalttätig. "Die allgemeine Lage ist stabil, die Situation ist unter Kontrolle", sagte er. Natürlich gebe es Vorfälle, es gebe Schießereien und Raub. "Aber das gab es vor dem Erdbeben auch."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte am Abend in der ZDF-Spendengala, die Bundesregierung werde sich auf "lange Frist für Haiti verantwortlich fühlen" und um den Wiederaufbau kümmern. "Wir müssen jetzt ja aufpassen, dass nicht eines Tages das Elend wieder aus den Schlagzeilen verschwindet und der Wiederaufbau in Haiti trotzdem noch nicht geschafft ist." Sie kündigte zudem eine Aufstockung der deutschen Soforthilfen für das Uno-Welternährungsprogramm um 2,5 auf 10 Millionen Euro an.

Die Spendengala "Wir wollen helfen - Ein Herz für Kinder" brachte bis zum Ende der Sendung am Dienstagabend mehr als 17,8 Millionen Euro für die Erdbebenopfer ein.

Interaktive Grafik
SPIEGEL ONLINE

Desaster in Port-au-Prince: Der Klick aufs Bild startet die interaktive Grafik

kgp/dpa/apn/AFP



insgesamt 1801 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Palmstroem, 16.01.2010
1. Die Frage kommt zu spät
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Die Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Brand-Redner 16.01.2010
2. Genau
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Wirtschaftliche Not gebiert nun mal keine politische Stabilität. Wer diese haben will, ohne jene zuvor abzuschaffen, verhält sich so ignorant und lächerlich wie ein Baumeister, der das Dach vor den Fundamenten aufsetzen will. Aber in der Politik scheint ja alles möglich. - Gestern las ich, Deutschland wolle Haiti 1,5 Millionen Euro Spenden bzw. Spendengüter zukommen lassen: Was für eine Wahnsinnssumme - das ist ja fast mehr, als im Bundestag jährlich für neue Schreibgarnituren ausgegeben wird, nicht wahr? - Ist das noch Dummheit oder schon Zynismus?
forumgehts? 16.01.2010
3.
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Nein, denn wenn ich richtig informiert bin, haben sich bisher nicht einmal die Chinesen für dieses Gebiet interessiert. Und das heisst, dass da nun wirklich nichts zu machen und/oder zu holen ist.
archelys, 16.01.2010
4. Brunnenkinder
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Es liegen schon viele Kinder im Brunnen, Herr Palmstroem, und Sie staunen nur. Nun aber sind drei "Präsidenten" im Einsatz. Vielleicht bohren die auf Haiti wieder einen Brunnen, dieses Mal in Schrägbohrung nach Kuba. Da müssen wir wieder sehr aufpassen, dass kein Kind reinfällt...
Rainer Helmbrecht 16.01.2010
5. Titel verweigert!
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Eins hätten die USA auf jeden Fall machen können, sie hätten nicht durch Dumpingpreise die Agrarwirtschaft dieses und vieler anderer armen Länder kaputt mache brauchen. Europa ist da auch nicht besser, die durch Subventionierte Produkte die Märkte und die heimischen Produkte kaputt machen und Bauern zu arbeitlslosen Stadtbewohnern verkommen lassen. Selbstlose Hilfe ist eine große Tat, aber durch unreelle Marktmacht, andere ländliche Strukturen zu zerstören ist eine Sauerei. So wie das leer fischen vor den Küsten armer Länder. Wie groß die Schuld ist kann ich nicht beurteilen, aber dass wir Schuld auf uns geladen haben, ist unzweifelhaft. MfG. Rainer
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.