Haitis Helden "Stirb still, wir wollen leben"

In Haiti gibt es Zehntausende Dramen von Leben und Tod. Eines handelt von Magalie Rigaud. Acht Stunden lang war sie nach dem Erdbeben unter Trümmern begraben, bevor sie und vier andere gerettet wurden. Magalie machte sich trotz schwerer Verletzungen sofort daran, anderen Verschütteten zu helfen.

Aus Port-au-Prince berichtet


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Hilfe für Haiti: "Das wird richtig gefährlich"
Sie war ein Opfer, das sich weigerte, Opfer zu bleiben, und schon in ihrer Höhle wurde sie zu einer Heldin Haitis. Acht Stunden lang war Magalie Rigaud verschüttet, sie rettete sich und ihre zwei Söhne und dann noch diese zwei Fremden, sie rettete alle, die mit ihr in der Höhle unter dem einstigen Caribbean Market gefangen waren.

Einen gebrochenen Schädelknochen habe sie, sagt Magalie Rigaud nun, und sie zeigt das Blut und die Krusten, dann die Prellungen, alles ist lila, die Arme, die Beine, der Rücken, der Hals. Aber jetzt, sagt sie, habe sie leider nicht viel Zeit, denn jetzt muss Magalie, die ein weißes Polohemd mit rotem Caritas-Logo trägt, das restliche Haiti retten.

Das tut ja sonst keiner, nicht wahr? Magalie lacht und sagt: "Doch, viele tun das. Es dauert nur einige Zeit, und Menschen sind ungeduldig."

Sechs Tage sind seit dem Erdbeben vergangen, und die Medien der Welt überschlagen sich mit Meldungen über ausbleibende Helfer. Über belgische Ärzte, die ein Krankenhaus verlassen, so dass nur ein CNN-Mann zurückbleibt, um Leben zu retten. Über Anzeichen des nahenden Bürgerkriegs, den Hass auf den Straßen. Die Medien der Welt melden all das, was immer geschrieben und gesendet wird in den so gruselig zähen Momenten nach einer Katastrophe.

All das ist selten falsch, es ist aber nie die ganze Wahrheit. Port-au Prince sieht in den Tagen nach dem Beben aus wie zwei Städte: Es gibt Märkte. Und es gibt Verwüstung. Die Helfer finden sich langsam zurecht, die Überlebenden beginnen langsam und vorsichtig mit den ersten Aufräumarbeiten. Aber immer noch liegen Leichen herum, neben den Krankenhäusern oder am Straßenrand.

"Den Wagen einfach abstellen und wegrennen"

Die deutschen Helfer waren am Wochenende nicht besonders optimistisch. Alexander Bühler von der Caritas stand mit seinen Kollegen im Stadtzentrum und wollte koordinieren, doch da gab es zunächst wenig abzustimmen: "Es kommen viel zu wenig Lieferungen an. Das wird hier bald einen Aufstand geben", sorgte sich Bühler. "1500 water bottles" stand auf einem Poster, auf dem in der Caritas-Zentrale die "Haben"-Liste geführt wird; auf dieser Liste landet all das, was bislang Port-au-Prince erreicht hat. 1500 Wasserflaschen sind kein guter Witz.

Ein paar Kilometer weiter, in einer Holzfabrik im Industriegebiet, lehnte Norbert Hase vom Deutschen Roten Kreuz an seinem Jeep, unrasiert und etwas bleich, gerade aus Lima eingetroffen. "Nein, es ist alles nicht gut", betont er. "Wenn wir erst einen Lastwagen mit Lebensmitteln haben, was machen wir dann damit?" Es sei risikoreich, die Waren einfach zu verteilen, wegen all der Menschen, die dann nichts bekämen. "Das wird richtig gefährlich. Im Prinzip müssten wir den Wagen einfach schnell irgendwo abstellen und wegrennen", so Hase.

"Bei den Verletzten ist das Problem, dass wir einen großen Teil werden aufgeben müssen", sagte Ralf Siepe, Notarzt von den Maltesern, schon während des Flugs nach Haiti, "all die, die offene Knochenbrüche haben, werden sterben, und wir können ihnen nur den Tod erleichtern." Denn es sind keine Krankenhäuser mehr da, und darum kann nicht operiert werden; und alles andere fehlt auch: Medikamente, Hygiene, Ärzte ohnehin. "Das Allerwichtigste ist jetzt Wasser", so Siepe, "das ist das erste Glied in der Kette, um Cholera und Typhus einzudämmen."

Ralf Siepe allerdings ist kein Pessimist, er war schon an vielen Orten im Einsatz, er sagte: "So ist das eben bei solchen Katastrophen."

Dass das Erdbeben ausgerechnet die Metropole traf mit ihren geschätzten 2,5 Millionen Einwohnern, wirkte wie ein gezielter Angriff. Der Tower des Flughafens fehlt, und der Hafen ist zerstört. Dass auch der Präsidentenpalast und nahezu alle Ministerien, dazu die Kathedrale und die meisten Kirchen, schließlich die Zentrale der Vereinten Nationen vernichtet wurden, hat etwas Zynisches, weil damit ausgerechnet jene, die die Rettungsmaßnahmen leiten müssten, von vornherein aus dem Spiel waren. Und da Haiti seit Jahrzehnten ein geprügeltes Land ist, sind auch die Straßen lausig.

Jetzt versucht die halbe Welt zu helfen. Die Anstrengungen der USA sind ernsthaft, und all die Menschen von World Food Programm, Caritas oder den Maltesern riskieren eine Menge, um in Haiti Leben zu retten. Es wird wirken, es wirkt immer, irgendwann.

"Was uns rettete, war die Tiernahrung"

Zu den Wahrheiten Haitis gehört auch, dass Geschichten wie die von Magalie Rigaud möglich sind. Magalie sitzt in der Ecke ihres Büros, jetzt hat sie Zeit und kann ihre Geschichte erzählen.

Sie stand mit ihren beiden Zwillingen, Marc-Edwin und Carl-Edwin, vor dem Katzenfutter im Caribbean Market, es war zwanzig vor fünf am vergangenen Dienstag, als sie bemerkte, dass es die gesuchte Marke nicht gab. Dann bemerkte sie, dass das Regal wackelte. Dann hörte sie den Lärm. Sie riss ihre Zwölfjährigen an sich, nahm sie in die Arme, schob sie zum Türbalken. Der erste, zweite und dritte Stock und schließlich das Dach des Caribbean Market stürzten auf sie ein.

Magalie sagt: "Was uns rettete, war die Tiernahrung. Diese dicken Säcke mit Hundefutter. Alles, was herunterkam, wurde aufgehalten. Wir kauerten auf dem Boden. Dann war es dunkel." Sie waren zu fünft in ihrer kleinen Höhle, die drei Rigauds und zwei Fremde. Einer hatte eine Taschenlampe. Einer fand ein paar Tüten Apfelsaft. "Wir sterben", sagte einer der Fremden. "Wenn du sterben willst, stirb still, aber nimm uns nicht die Moral. Wir wollen leben", sagte Magalie.

Sie verbot ihren Jungs zu sprechen, wegen der Anstrengung und wegen des Staubs. Sie sagte ihren Söhnen: "Wir werden leben." Sie sagte den Männern, dass sie gegen den Stein klopfen sollten. Und die Taschenlampe sollten sie nutzen, um durch Ritzen nach außen zu leuchten.

Gegen Mitternacht hörten sie Geräusche. Sie antworteten mit Klopfzeichen. Um zwei Uhr morgens waren sie frei, drei Jugendliche zogen die Fünf aus der Höhle heraus.

Magalie ist Logistikerin bei der Caritas. Sie weiß, dass am vergangenen Freitag zum letzten Mal Geräusche aus der Ruine des Supermarktes gehört wurden, seitdem ist es still. Aber sie sagt: "Wir werden dafür sorgen, dass es am Ende noch viel größere Geschichten als meine gibt."

insgesamt 1801 Beiträge
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Seite 1
Palmstroem, 16.01.2010
1. Die Frage kommt zu spät
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Die Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Brand-Redner 16.01.2010
2. Genau
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Wirtschaftliche Not gebiert nun mal keine politische Stabilität. Wer diese haben will, ohne jene zuvor abzuschaffen, verhält sich so ignorant und lächerlich wie ein Baumeister, der das Dach vor den Fundamenten aufsetzen will. Aber in der Politik scheint ja alles möglich. - Gestern las ich, Deutschland wolle Haiti 1,5 Millionen Euro Spenden bzw. Spendengüter zukommen lassen: Was für eine Wahnsinnssumme - das ist ja fast mehr, als im Bundestag jährlich für neue Schreibgarnituren ausgegeben wird, nicht wahr? - Ist das noch Dummheit oder schon Zynismus?
forumgehts? 16.01.2010
3.
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Nein, denn wenn ich richtig informiert bin, haben sich bisher nicht einmal die Chinesen für dieses Gebiet interessiert. Und das heisst, dass da nun wirklich nichts zu machen und/oder zu holen ist.
archelys, 16.01.2010
4. Brunnenkinder
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Es liegen schon viele Kinder im Brunnen, Herr Palmstroem, und Sie staunen nur. Nun aber sind drei "Präsidenten" im Einsatz. Vielleicht bohren die auf Haiti wieder einen Brunnen, dieses Mal in Schrägbohrung nach Kuba. Da müssen wir wieder sehr aufpassen, dass kein Kind reinfällt...
Rainer Helmbrecht 16.01.2010
5. Titel verweigert!
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Eins hätten die USA auf jeden Fall machen können, sie hätten nicht durch Dumpingpreise die Agrarwirtschaft dieses und vieler anderer armen Länder kaputt mache brauchen. Europa ist da auch nicht besser, die durch Subventionierte Produkte die Märkte und die heimischen Produkte kaputt machen und Bauern zu arbeitlslosen Stadtbewohnern verkommen lassen. Selbstlose Hilfe ist eine große Tat, aber durch unreelle Marktmacht, andere ländliche Strukturen zu zerstören ist eine Sauerei. So wie das leer fischen vor den Küsten armer Länder. Wie groß die Schuld ist kann ich nicht beurteilen, aber dass wir Schuld auf uns geladen haben, ist unzweifelhaft. MfG. Rainer
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