Halberstadt Mysteriöser Tod im Feuer

Neun Menschen starben, als ein Feuer sämtliche Wohncontainer in einem Obdachlosenheim in Halberstadt zerstörte. Die Ermittler sind ratlos: Warum kamen so viele Bewohner um, obwohl es nur ein paar Schritte ins Freie waren?

Aus Halberstadt berichtet Jens Todt


Halberstadt - Es riecht nach geschmolzenem Kunststoff und Asche in der Wehrstedter Straße. Verbogene, rußgeschwärzte Metallplatten liegen vor dem tristen Containerkomplex mit der Hausnummer 25, in dem 15 Obdachlose die Nacht verbracht hatten. Nur sechs von ihnen sind noch am Leben.

Die Ruine des ausgebrannten Heims: Wieso konnten sich so wenige retten?
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Die Ruine des ausgebrannten Heims: Wieso konnten sich so wenige retten?

Bereitschaftspolizisten aus Magdeburg, die die Straßensperren absichern, reiben sich vor Kälte die Hände, ihr Atem bildet weiße Wolken in der Luft. Anwohner stehen vor dem flatternden rot-weißen Absperrband und starren auf das völlig ausgebrannte Gebäude. Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks und der Feuerwehr verstauen Schläuche,  Brandspezialisten des sachsen-anhaltinischen Landeskriminalamtes kratzen mit Metallspateln in der Asche - auf der Suche nach einer Erklärung für den rätselhaften Brand.

Um 5.30 Uhr heute Morgen ging ein Notruf bei der Polizei in Halberstadt ein. Ein Nachbar, der selbst einmal obdachlos gewesen sei und sich gelegentlich um die Bewohner des Heimes kümmere, habe das Feuer bemerkt, so Polizeisprecher Eckhard Timpe. Wenige Minuten später war die Feuerwehr vor Ort, es dauerte allerdings noch Stunden, bis die Einsatzkräfte den Brand unter Kontrolle hatten.

Als sie das Heim betraten, bot sich ihnen ein schreckliches Bild: Fast in jedem Zimmer lagen verkohlte menschliche Überreste, insgesamt neun Leichen wurden im Laufe des Tages geborgen. "Die Opfer wurden in stark verbranntem Zustand aufgefunden", sagt Timpe, "es war ein schlimmer Anblick für die Kollegen, die Identifizierung der Leichen war nicht auf Anhieb möglich."

Nur sechs Bewohner der Unterkunft konnten den Flammen entkommen, fünf mussten mit Schürfwunden und Verdacht auf Rauchvergiftung im Krankenhaus behandelt werden. Doch die Ärzte gaben rasch Entwarnung, kein Überlebender schwebte in Lebensgefahr. Zwei verletzte Heimbewohner konnten bereits am Mittag aus der Klinik entlassen werden.

Einer der Überlebenden erzählt sichtlich unter Schock, er habe versucht, einen Mitbewohner zu retten, aber der Rauch sei bereits überall gewesen. Über die Nationalität der Opfer hatte die Polizei am Nachmittag noch keine Gewissheit, "aber vermutlich waren sie alle deutscher Staatsangehörigkeit", so Timpe, "das geht zumindest aus dem Belegungsbuch des Heims hervor."

Anschlag ausgeschlossen

Am späten Abend gab die Polizei bekannt, dass ein Bewohner des Heims festgenommen worden sein. Der Mann habe erklärt, er sei nach einem Zechgelage mit einer brennenden Zigarette eingeschlafen.  Einen Anschlag auf das Obdachlosenheim hatten die Ermittler frühzeitig ausgeschlossen. Frühere Übergriffe auf das Heim seien der Polizei nicht bekannt. "Da gab es nichts", so Timpe, "keine Gewalt, und Brandsätze schon gar nicht."

Die 16 Container der Anlage sind rechteckig angeordnet, zwei Reihen mit jeweils acht Räumen stehen sich unmittelbar gegenüber. Geheizt wurden die Zimmer mit elektrischen Heizkörpern, einer in jedem Raum. Jedes der gut zehn Quadratmeter großen Zimmer  hatte ein Fenster, es gab somit keinen einzigen Ort in dem Gebäude, von dem aus es mehr als drei, vier Schritte bis ins Freie gewesen wären. Warum mussten dennoch neun Menschen sterben?

"Ich habe keine Erklärung für die hohe Zahl der Opfer", sagt Michael Haase, Dezernent der Stadtverwaltung, "das ist für mich unfassbar."

Das städtische Obdachlosenheim besteht seit 1996, im nächsten Jahr wäre die Betriebsgenehmigung ausgelaufen. Die Halberstädter Verwaltung überlegte, ob sie die Anlage für geschätzte Kosten von 50.000 Euro sanieren oder eine Alternative finden sollte.

"Wir haben über neue Konzepte nachgedacht", so Haase, "die Container waren schon recht verschlissen." Für die Überlebenden des Brandes wurden bereits am Nachmittag Übergangswohnungen gefunden. "Wir versorgen sie zudem mit Kleidung und Lebensmitteln", sagt Haase, "sie haben sich ja nur mit dem, was sie am Leib trugen, ins Freie gerettet."



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