Halleneinsturz in Bad Reichenhall "Keine Feuchtigkeitsspuren im Holz"

Der Verdacht, verfaultes Holz könnte zu dem Halleneinsturz von Bad Reichenhall geführt haben, hat sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bislang nicht erhärtet. Die Aufmerksamkeit der Ermittler richtet sich jetzt auf den für die Fugen verwendeten Leim.

Von Felix Kasten


Hamburg - Die Beobachtungen der von der Staatsanwaltschaft bestellten Gutachter weisen zunächst nicht auf verfaultes oder nasses Holz als Einsturzursache hin. Einer der beiden Experten, Anton Ruile, sagte SPIEGEL ONLINE: "Ich habe keine grob verfaulten Stellen gesehen."

Um die Einsturzursache zu untersuchen, hat die Staatsanwaltschaft Traunstein zwei Gutachter bestellt, die unabhängig voneinander Gutachten erstellen sollen. Ruile hatte im Auftrag des TÜV Süd an zwei Tagen die Trümmer an der Unglücksstelle in Augenschein genommen. In der vergangenen Woche hatten Ruile und der zweite Gutachter, der Münchner Experte Heinrich Kreuzinger, zunächst entschieden, welche Trümmerteile zur näheren Untersuchung in eine Bundeswehrkaserne transportiert werden sollten.

Allerdings erfolgten auch in der vergangenen Woche schon Feuchtigkeitsmessungen an den Holzteilen. Die Protokolle der Messpunkte erhalten die Gutachter laut Ruile aber erst in der nächsten Woche. Auch erst dann gehen ihnen die Baupläne der Halle und andere Unterlagen zu. Ruiles Fazit nach den ersten Eindrücken: "Feuchtigkeit kann eine Rolle gespielt haben, muss aber nicht."

Bei den Spekulationen um die Unglücksursache war bisher vor allem diskutiert worden, ob das Holz nachgegeben habe. Laut Zeugenaussagen hatte es schon länger vom Dach der Eishalle getropft. Möglich erschien, dass Wasser zum Faulen der innen hohlen Kastenträger geführt haben könnte und so deren Tragfähigkeit vermindert habe. Ursache der Feuchtigkeit könnte Kondenswasser aber auch ein undichtes Dach sein.

Leim ungeeignet?

Auch ein weiterer Experte, der die Trümmer an der Unglückstelle in Augenschein nehmen konnte, bemerkte kein durchgefaultes Holz in der Trägerkonstruktion. Ingenieur Walthari Fuchs war nach dem Einbruch des Daches von der Kommune an den Unglücksort gebeten worden, um sicherzustellen, dass die Rettungsmannschaften nicht durch die einsturzgefährdeten Ruinen zu Schaden kommen. Bei dieser Gelegenheit konnte er die Träger in Augenschein nehmen. Auch er sagte SPIEGEL ONLINE, er habe "keine Feuchtigkeitsspuren" im Holz und auch "keine extreme Fäulnis innen" festgestellt.

Damit rückt ein mögliches Versagen der Leimfugen als Unglücksursache in den Fokus der Ermittlungen. Bei der hölzernen Dachkonstruktion sollen zwei unterschiedliche Leimarten eingesetzt worden sein: Harnstoffharzleim und Resorcinharzleim. Beide Klebstoffe wurden Anfang der siebziger Jahre in Deutschland benutzt und waren Dauerhaftigkeitstest ausgesetzt worden, bevor sie von der Materialprüfungsanstalt  an der Universität Stuttgart für den Einsatz freigegeben wurden.

Harnstoffharzleim soll auch im oberen Bereich der Dachträger eingesetzt worden sein. Eine aus heutiger Sicht kritische Wahl. Denn Harnstoffharzleim ist besonders für Innenräume geeignet, nicht aber für den Einsatz in Bereichen, in denen Feuchtigkeit auftreten kann.

Die meisten in den siebziger Jahren in Deutschland verbauten Leime stammen von BASF. Hier sieht man sich bisher nicht imstande Auskunft zu geben, ob die Dachträger in Bad Reichenhall mit BASF-Leimen verklebt wurden.

In der nächsten Woche soll die Untersuchung der am Unfallort sichergestellten Trümmer durch die beiden Gutachter beginnen.



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