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Eskalierte Großdemo Schwere Krawalle in Hamburg

Steine und Flaschen auf Polizisten, Schlagstöcke und Wasserwerfer gegen Demonstranten: Bei einer Kundgebung für den Erhalt des linken Kulturzentrums Rote Flora gibt es in Hamburg die heftigsten Ausschreitungen seit langem. Randalierer und Einsatzkräfte liefern sich Straßenschlachten.

Hamburg - Die Lage eskaliert schon kurz nach Beginn der Demonstration vor dem linken Kulturzentrum Rote Flora in Hamburg. Es dauert nicht einmal eine Minute, und schon regnen Böller und Rauchbomben auf Polizisten nieder, als Reaktion setzen die Beamten Wasserwerfer ein. Der Auftakt zu einem hochexplosiven Nachmittag in Hamburg.

Die Straße vor der Roten Flora ist mit Scherben übersät, Straßenschilder sind umgeknickt, Dutzende Steine aus dem Pflaster gerissen, Biertischgarnituren demoliert und die Scheiben eines Drogeriemarktes zerstört. Als die Polizei den Protestzug auflöst, ruft einer der Redner auf dem Demonstrationswagen der aufgebrachten Menge zu: "Das heute ist nicht das Ende, das ist erst der Anfang."

Die Stadt erlebt laut Beobachtern die schlimmsten Krawalle seit langem. Bis zum späten Abend zählte die Polizei 82 verletzte Beamte. 15 von ihnen mussten nach Angaben einer Sprecherin ihren Einsatz beenden. Ein Polizist aus Niedersachsen wurde durch einen Steinwurf so schwer verletzt, dass er bewusstlos ins Krankenhaus gebracht werden musste.

Auch Demonstranten wurden verletzt, Angaben zu der Zahl der Verletzten gab es zunächst nicht. Bis zum späten Abend gab es wegen des Verdachts auf Landfriedensbruch 16 Festnahmen, nahe der Reeperbahn seien zudem 120 Menschen vorläufig in Gewahrsam genommen worden.

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Eskalierte Großdemo: Krawalle in Hamburg

Foto: Axel Heimken/ dpa

Nach Einschätzung der Polizei waren unter den 7300 Demonstranten rund 4500 aus dem linksextremen Spektrum - viele davon gewaltbereit. Die Polizei hatte mit Ausschreitungen gerechnet und war mit einem Großaufgebot von mehr als 2000 Beamten aus mehreren Bundesländern im Einsatz.

Gleich mehrere Konfliktthemen standen im Mittelpunkt des Protests: Es ging um die Zukunft der Roten Flora, den Erhalt der Esso-Häuser, den allgemeinen Wohnungsmangel und die Lage der Lampedusa-Flüchtlinge. "Die Stadt gehört allen", lautete eines der Leitmotive.

"Das ist derart gewalttätig gewesen"

Als sich die ersten Demonstranten am frühen Nachmittag vor der Roten Flora versammelt hatten, war die Stimmung noch friedlich. Anwohner ließen Konfetti auf die Menge rieseln, Familien mit kleinen Kindern mischten sich unter die Protestierenden, es dröhnte Musik vom Demonstrationswagen.

Doch als sich dann kurz vor 15 Uhr vermummte Linksautonome im Schwarzen Block an der Spitze des Demonstrationszugs versammelten, kippte die Stimmung. Kurz danach herrschte Ausnahmezustand im gesamtem Schanzenviertel. Eine Augenzeugin beschrieb SPIEGEL ONLINE die Stimmung als "richtig aggressiv". Teilnehmer der Demo seien mit Straßenschildern und Farbbeuteln auf Polizisten losgegangen. Pflastersteine und Glasflaschen wurden auf Polizisten geworfen. Wer nicht die direkte Konfrontation suchte, rettete sich in Hauseingänge und Kneipen oder suchte das Weite.

Wegen der Krawalle löste die Polizei die Demonstration kurzfristig auf. "Es hat von Anfang an eine aggressive Grundstimmung geherrscht, wir sind massiv angegriffen worden", begründete Polizeisprecher Mirko Streiber den Schritt. "Das ist derart gewalttätig gewesen, das haben wir lange so nicht erlebt."

"Die Polizei hat übertrieben"

Seit Wochen wusste die Hamburger Polizei, dass an diesem vierten Adventssamstag ein Großeinsatz bevorstand. Was sich dann aber zwischen Schanzenviertel und Kiez abspielte, war auch für Hamburger Verhältnisse ungewöhnlich. Es habe keinerlei Rücksicht auf die Gesundheit von Polizisten und Unbeteiligten gegeben, sagt Polizeisprecher Mirko Streiber am Abend.

Doch es gibt auch Klagen über das Vorgehen der mehr als 2000 Beamten, die teilweise Pfefferspray einsetzten. "Die Polizei war sehr aggressiv und hat übertrieben", sagte einer der Demonstranten. "Das Auftreten der Polizei ist schon sehr krass. So unkontrolliert und nervös haben wir es nicht erwartet", äußerte sich ein anderer.

Nach der Auflösung der Demonstration zogen die Randalierer in Gruppen in Richtung Reeperbahn weiter und lieferten sich ein "Katz-und-Maus"-Spiel mit der Polizei. Auch dort kam es zu Auseinandersetzungen. Die Scheiben eines Büros der in Hamburg alleinregierenden SPD wurden eingeschlagen, mehrere Autos beschädigt und Müllcontainer angezündet. Laut "Hamburger Morgenpost" stürmten mehrere Krawallmacher in die zwangsevakuierten und einsturzgefährdeten Esso-Häuser.

Durch die Krawalle war auch der Nah- und Fernverkehr in Hamburg beeinträchtigt. Weil Demonstranten im Bereich des Schanzenviertels immer wieder auf die Gleise liefen, wurde eine S-Bahn-Strecke teilweise gesperrt. Fernzüge aus Hannover, Berlin, Bremen und Rostock endeten im Hamburger Hauptbahnhof und könnten nicht nach Altona weiterfahren, teilte die Bahn mit. Fernzüge aus dem Norden würden umgeleitet und endeten dafür in Harburg.

Am Abend hat die Polizei die Reeperbahn abgesperrt. Die Beamten forderten alle Anwesenden auf, den Kiez zu verlassen, da nicht für deren Sicherheit garantiert werden könne.

wit/dpa