Hamburger Terror-Prozess Das kleine Rädchen, ohne das nichts lief

Es ist der spektakulärste Prozess des Jahres. Heute hat vor dem Oberlandesgericht Hamburg der erste Prozess in Deutschland gegen einen Helfer der Terror-Zelle um Mohammed Atta begonnen. Interessant wird vor allem die erste ausführliche Aussage des Marokkaners Mounir al-Motassadeq, denn die Beweislage ist dürftig.

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Mounir al-Motassadeq lebte nach den September-Anschlägen zunächst unbehelligt in Hamburg
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Mounir al-Motassadeq lebte nach den September-Anschlägen zunächst unbehelligt in Hamburg

Hamburg - Es werden mehrere Rollwagen sein, die die Gerichtsdiener am Dienstagmorgen in den Saal 237 des Hamburger Oberlandesgerichts schieben müssen. Zwar umfasst die Anklageschrift gegen den 28-jährigen al-Motassadeq lediglich 89 Seiten - nicht viel für einen Mordprozess. Doch neben der Anklageschrift wegen "Beihilfe zum Mord in mindestens 3116 Fällen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung" haben die Ermittler auch 35 Seiten Anlagen und 87 Stehordner mit Beweismitteln gesammelt, um die Schuld des Angeklagten in den 37 anberaumten Prozesstagen zu beweisen.

Leicht wird es nicht im ersten deutschen Terror-Prozess wegen der tödlichen Flugzeug-Attacken des 11. Septembers. Gleichwohl sind sich die Fahnder des Generalbundesanwalts sicher, dass sie genug Beweise gegen al-Motassadeq zusammenhaben. Sie wollen belegen, dass der schmächtige junge Mann mit dem flaumigen Bart das "Rädchen" war, wie Generalbundesanwalt Kay Nehm es ausdrückt, ohne das der 11. September nicht hätte passieren können. Weiterhin wollen die staatlichen Ankläger, geführt von Bundesanwalt Walter Hemberger, nachweisen, dass der Marokkaner entgegen seiner eigenen Bekundungen sehr wohl von Beginn an bis zuletzt in die Attentatsvorbereitungen der Terror-Piloten eingeweiht war. Und mehr noch: Er soll sie gutgeheißen und über logistische Hilfe aktiv unterstützt haben.

Verhandelt wird im Hochsicherheitstrakt

Schon jetzt gleicht das Hamburger Gericht einem Hochsicherheitstrakt. Der Saal 237 wurde massiv ausgebaut und mit zusätzlichen Stahlwänden ausgestattet. Rund um den Sitz der Richter werden Polizisten mit Maschinenpistolen patrouillieren und jeden filzen, der sich nähert. Selbst die aus aller Welt anreisenden Journalisten werden scharf kontrolliert und dürfen nur mit einer Sondergenehmigung ins Gericht, um den Prozess zu verfolgen. Schon jetzt ist klar, dass nur ein Bruchteil aller Reporter und interessierter Geheimdienstler Platz finden werden.

Der Kopf der Terror-Zelle, Mohammed Atta, war ein enger Vetrauter von Motassadeq
AP

Der Kopf der Terror-Zelle, Mohammed Atta, war ein enger Vetrauter von Motassadeq

Die Ankläger werden mit Dokumenten und mehr als 160 Zeugen das Bild von sieben radikalen Muslimen zeichnen, die sich spätestens 1999 entschlossen haben sollen, die verheerenden Anschläge auf die USA auszuüben. Selbst der in Pakistan gefasste Ramsi Binalshibh steht auf der Zeugenliste der Ankläger, jedoch rechnet niemand ernsthaft damit, dass die USA den von den US-Behörden intensiv verhörten Jemeniten nach Hamburg reisen lassen werden. Trotzdem könnte er über schriftliche Aussagen zur Rolle Motassadeqs Details beitrage, so er denn will.

Erst in Hamburg wurde der Marokkaner radikal

Dessen in der Anklageschrift aufgeführter Lebenslauf liest sich zunächst wie der eines mustergültigen Studenten. Geboren im Jahr 1974 wuchs er in der Altstadt Marrakeschs auf. In der Schule war er zwar eher mäßig, trotzdem schaffte er einen abiturähnlichen Abschluss und reiste im Jahr 1993 nach Deutschland, um zu studieren. Er ging für einen Deutschkurs zum Staatlichen Studienkolleg nach Münster. In der Freizeit kickte er beim FC Gievenbeck in der Kreisliga, wo ihn die Mitspieler "Spargel" riefen. Nie zeigte sich der Mann mit dem leichten Pferdegrinsen, der nun als Massenmörder vor Gericht steht, auffällig.

Im Jahr 1996 jedoch wird die Geschichte des scheinbar unscheinbaren Fußballers spannend, denn jetzt schrieb er sich für Elektrotechnik an der Technischen Universität (TU) in Hamburg-Harburg ein. Hier lernte er schnell die kennen, die er laut Anklageschrift unterstützt haben soll: Den Ägypter Mohammed Atta, Marwan al-Schechhi, Ziad Jarrah, Ramzi Binalshibh und die anderen Attentäter und deren Helfer und freundete sich mit ihnen an. Schnell gehörte auch Motassadeq zu den regelmäßigen Gästen in der al-Kuds-Moschee im Hamburger Stadtteil St.Georg, wo er und die anderen beteten. Auch im so genannten Terror-Nest in der Marienstraße 54 war Motassadeq, der mit einer Russin verheiratet ist, häufiger Besucher und ein Fast-Mitbewohner.

Selbst Gummibärchen waren eine Sünde

An der TU Hamburg-Harburg studierte der Marokkaner mit den Todes-Piloten
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An der TU Hamburg-Harburg studierte der Marokkaner mit den Todes-Piloten

Die Gruppe um Atta bildete laut Anklageschrift schnell eine "konspirative" Gemeinschaft. Zeugen sagten aus, dass sich die Zelle gegen Fremde abschottete und die jungen Männer immer mehr durch radikale Sprüche über die Juden oder Amerika auffielen. Atta verbot den anderen westliche Vergnügungen wie Diskobesuche oder gar Poster mit nackten Mädchen. Selbst das Essen von Gummibärchen verbot der von seinen Anhängern "El Amir" gerufenen Atta wegen des Anteils von aus Schweinen hergestellter Gelatine.

Auch Mottassadeq radikalisierte sich in dieser Phase offenbar massiv: Das Taliban-Regime in Afghanistan sei Motassadeqs Modellstaat gewesen, behaupten die Ankläger und wollen es als bewiesen ansehen, dass Mottasadeq allein durch die enge Beziehung zu Atta und Co. von den Plänen der Todes-Piloten gewusst haben muss. Ein weiteres Indiz dieser These sei, dass Motassadeq damals AttasTestament bezeugte, in dem dieser die Rituale für seine Bestattung festlegte.

Dass allein die Nähe oder die Vertrautheit zu Atta und Co. als Beweis für die Mordanklage nicht reicht, ist auch den Anklägern klar. Doch bei den Ermittlungen fielen ihnen auch mehrere harte Beweise in die Hände. Denn der Marokkaner spielte nach Meinung der Ankläger in der Zeit, als die Terror-Piloten bereits in den USA zur Flugausbildung waren, den "Statthalter" der Zelle an der Elbe. So verwaltete Motassadeq beispielsweise das Girokonto von al-Schehhi mit einer Vollmacht und überwies 5000 Mark für die Flugausbildung. Laut Anklage beglich er auch Stromrechnungen, Miete und Nebenkosten für die Wohnung des jungen Manns aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ebenfalls registrierten die Ermittler, dass nach den Anschlägen in den USA vermutlich zwei untergetauchte Helfer der Attentäter bei Mottassadeq anriefen, der zu dieser Zeit unbehelligt in Hamburg weiter lebte.

Die Predigt von Osama Bin Laden

Zusätzlich wird der Marokkaner durch zwei Männer stark belastet: Zum einen berichtete der zeitweise zum Islam konvertierte Deutsche Shahid N., dass sich der junge Marokkaner immer tiefer in die Gruppe um Atta integriert hatte. Der zweite Zeuge brachte den Fahndern noch härtere Beweise gegen Mottassadeq. Bei ihm handelt es sich um den Kronzeugen Shadi A., einem Jordanier, den die Bundesanwaltschaft im Frühjahr 2002 als mutmaßliches Mitglied der "al-Tawhid"-Zelle festnehmen ließ. Wenn es stimmt, was Shadi A. sagt, war Motassadek ebenso wie die anderen Attentäter und auch Ramzi Binalschibh im Frühjahr 2000 in einem afghanischen Ausbildungslager bei Kandahar. Laut der Aussage nahm er an einem Gottesdienst in einem Lager teil, "als Bin Laden dort eine Predigt hielt".

Mit seiner Unterschrift beglaubigte Motassadeq das Testament von Atta

Mit seiner Unterschrift beglaubigte Motassadeq das Testament von Atta

Es sind viele Indizien, die die Ermittler zusammengetragen haben. trotzdem ist der Prozessausgang alles andere als sicher. Motassadeqs Hamburger Anwälte Hans Leistritz und Hartmut Jacobi erklärten bereits nach erster Durchsicht der Akten, dass die Anklage in vielen Punkten hergeleitet sei. Außerdem zeuge das Werk der Bundesanwälte in vielen Punkten "auf mangelnder Kenntnis des islamistischen Kulturkreises", da die "angebliche fundamentalistisch- extremistische Weltanschauung" in der "islamistischen Welt vorherrschend" und keineswegs besonders radikal sei. Mittlerweile gestand auch Generalbundesanwalt Kay Nehm ein, dass die in der Anklage aufgeführten Beweise einzeln gesehen nicht strafbar seien. Gleichwohl mache der Zusammenschluss der mutmaßlichen Terroristen und die Flugausbildung in den USA Aktionen wie die Überweisungen strafbar, so Nehm.

Geplante Flucht oder Pilgereise

Die Taktik der Anwälte wird es nun sein, die Anklage Schritt für Schritt anzuzweifeln und die hergestellten Zusammenhänge als unglaubwürdig darzustellen. Erfolg versprechend ist dies durchaus, denn in der Tat beschäftigt sich die Anklage zu einem großen Teil mit den Verbindungen der Terror-Piloten, mit angeblich musterhaftem Verhalten, das auch Motassadeq gezeigt habe. Ob dies aber für eine Mordanklage reicht, ist unter Experten umstritten. Nicht umsonst hatten die Fahnder lange gezögert, bis sie ihn im November 2001 festnahmen. Damals unterstellen sie Fluchtgefahr, da er für sich und seine Familie Flugtickets nach Marokko gekauft hatte. Auch dies bestreitet der Angeklagte vehement. Die Tickets seien für eine regelmäßig stattfindende Pilger-Reise bestimmt gewesen.

Mounir al-Motassadeq wird am Dienstag direkt aus der Untersuchungshaft durch einen Tunnel in den Gerichtssaal gebracht. Mit Spannung erwarten sowohl Ermittler als auch die Zuschauer die erste Aussage des Angeklagten, denn bisher hat er sich nie umfassend geäußert. Seine Anwälte kündigten schon jetzt an, dass er gleich zu Beginn ausführlich zu den Vorwürfen Stellung nehmen wird. "Er wird nicht zu den Schweigern gehören, sondern sich umfassend einlassen", so die Juristen, "und die angeblichen Beweise entkräften." Nicht nur die beteiligten Juristen wird das brennend interessieren. Auf den Zuhörerbänken werden sich die Geheimdienstler eifrig Notizen machen.



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