Hamburger Terror-Prozess Der merkwürdige Zeuge "N-941-H"

Der Prozess gegen Abdelghani Mzoudi wird immer skurriler. Nachdem ein ehemaliger Agent des iranischen Geheimdienstes als Zeuge auftauchte, geht es plötzlich um die Beteiligung Irans am 11. September, Warnungen an die USA und Kungeleien innerhalb der deutschen Justiz. Die Richter wollen den dubiosen Tippgeber nun selbst vernehmen.

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Hamburg - Abdelghani Mzoudi schien am Donnerstag noch abwesender zu sein als sonst. Mit geschlossenen Augen und gesenktem Kopf saß der Marokkaner die meiste Zeit im Gerichtssaal. Mehr und mehr scheint der mutmaßliche Helfer der Hamburger Terror-Zelle das Gefühl zu gewinnen, in dem Verfahren gehe es kaum noch um ihn.

Grund für die Aufregung war eine plötzlich aufgetauchte Aussage eines Mannes, der sich selber als ehemaliger Mitarbeiter des iranischen Geheimdienstes bei den deutschen Behörden andiente. Ganz nebenbei erwähnte er, dass er auch Kenntnisse über den Vorlauf der Attacken am 11. September kenne. Der Geheimdienst von Iran war seinen Aussagen zufolge an der Vorbreitung der Attacken maßgeblich beteiligt. Aus diesem Grunde seien mehrere Mitglieder der al-Qaida-Führung, darunter der Chef Planer Ayman al-Zawahiri und auch der Bin Laden-Sohn Saad, mehrmals in Teheran vorstellig geworden.

Schmiedete Teheran mit an dem Terrorplan?

Erstmals ist mit der Aussage einer der von US-Präsident George W. Bush als "Achse des Bösen" bezeichneten Staaten wieder im Fokus der 9/11-Schuldfrage. Dies könnte die Bemühungen Teherans um Entspannung empfindlich stören. Auch für die USA sind die Enthüllungen des Zeugen brisant. So berichtet er über eine konkrete Warnung an eine US-Botschaft vor den 9/11-Attacken, die nicht ernst genommen worden sei.

Stimmen die weiteren Aussagen des Mannes, der seit einigen Jahren in Deutschland unter dem Namen Hamid Reza Zakeri weilt und seit Oktober 2003 im Kontakt mit der Bundesanwaltschaft steht, sieht es auch für Mzoudi wieder schlechter aus. Aus seinen internen Kenntnissen aus den Kreisen des iranischen Dienstes wisse Zakeri, dass Mzoudi bei der Planung des 11. Septembers als Logistiker tätig war, da er sich mit Codes gut auskannte und deshalb die Kommunikation verschiedener Zellen-Mitglieder koordiniert habe.

Glaubt man den Aussagen des Zeugen, ist Mzoudi nach seiner Freilassung in höchster Gefahr. Stolz präsentierte Zakeri den Ermittlern des Bundeskriminalamtes eine E-Mail, die angeblich von einem seiner alten Kumpels beim iranischen Dienst stammen soll. Darin beschreibt der bisher unbekannte Verfasser, dass Mzoudi liquidiert werden soll, da er mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen arbeite. Wer jedoch den Mordauftrag erteilt habe - die al-Qaida oder Iran oder jemand sonst - bleibt wie vieles andere in der teils verschlüsselten E-Mail offen.

Zweifel an der Glaubwürdigkeit des geschwätzigen Spitzels

Viel mehr aber als die Aussagen Zakeris wurde am Donnerstag im Gericht dessen Glaubwürdigkeit diskutiert. Und so berichteten zunächst zwei junge Beamte des Bundeskriminalamtes, die den Mann am 19. Januar in Berlin vernommen hatten. Zur Glaubwürdigkeit wollten jedoch beide nichts sagen. Man müsse die Fakten aus der mehr als vierstündigen Befragung erst verifizieren und dies sei noch im Gange, erklärten die Beamten.

Lediglich einer der beiden ließ sich zu der Aussage hinreißen, man könne nicht alles ausschließen, was Zakeri gesagt habe. Das Gericht jedoch bezweifelte schnell die Aussagen, da der Zeuge mehrmals in seiner Vernehmung von Forderungen an die deutschen Strafverfolger spricht und dabei durchaus auch auf eine finanzielle Vergütung anspielt. Folglich stellten sich die Richter die Frage, ob sich der Mann durch seine spektakuläre Aussage nur eine goldene Nase verdienen will.

Diesem Verdacht jedoch widersprach Bundesanwalt Bruno Jost. Der auf Spionage-Fälle spezialisierte Jurist hatte Zakeri im Oktober 2003 zum ersten Mal getroffen und ihn über den Mykonos-Fall befragt. Bei diesen Ermittlungen dreht es sich um die Liquidierung von vier iranischen Oppositionellen im Jahr 1992 in Berlin, für die die deutsche Justiz den Staat Iran und dessen Geheimdienste verantwortlich macht. Im Zuge seiner Ermittlungen sei Zakeri über einen Mittelsmann als Zeuge aufgetaucht, berichtete Jost. Der Zeuge habe jedoch zu keiner Zeit Geld gefordert oder Bedingungen für seine Kooperation gestellt.

"Spezialkraft N-941-H"

Auch in der Frage der Glaubwürdigkeit stellte sich Jost erstaunlich deutlich gegen das Gericht. Bisher hätten sich alle Details aus den Aussagen Zakeris im Mykonos-Fall bestätigt und im Gegenzug sei dem Juristen bisher nicht ein einziger Widerspruch aufgefallen. Auch sein Dienstausweis mit der Bezeichnung "Spezialkraft N-941-H" spreche für seinen Aussagen: "Der Zeuge ist auf der bisherigen Basis im wesentlichen glaubwürdig", sagte Ankläger Jost.

Unangenehm wurde es für die Strafverfolger, als die Richter bei der Genese der neuen Aussage nachhakten. Denn die Fülle an Details gibt einen seltenen Einblick in die streng geheime Arbeit der Juristen aus Karlsruhe. Zeugen wie Zakeri sind normalerweise strenge Verschlusssachen, die nicht nach außen dringen sollen.

Noch unangenehmer aber war für Jost sein Eingeständnis, dass er seine Kollegen aus den 9/11-Verfahren bis zu dieser Woche nicht über den womöglich wichtigen Zeugen informiert hatte. Erst durch einen Beamten des BKA, der bei einer Vernehmung mit dabei war, sei das Hamburger Gericht informiert worden, so Jost. Ihm selber sei es nicht in den Sinn gekommen, die Infos über den 11. September an andere Strafverfolger weiterzugeben. Richter Klaus Rühle mochte dieser Version kaum Glauben schenken, doch selbst nach seiner Erinnerung an die Wahrheitspflicht blieb Jost dabei.

Kommt Zakeri oder kommt er nicht

Unzweifelhaft ist Zakeri in Sicherheitskreisen kein Unbekannter. Neben der CIA, die ihn nach seinen Angaben schon während seiner Dienstzeit im Iran nutzte, wurde er auch beim BND und beim französischen Geheimdienst vorstellig. Für das Gericht aber nutzt dies kaum für eine Einschätzung, denn freilich sagen die Dienste rein gar nichts über ihren Informanten.

Merkwürdig jedoch erscheint der Öffentlichkeitsdrang des Mannes. So gab er vor Monaten sowohl englischsprachigen als auch arabischen Medien mehrere Interviews. Doch während er gegenüber den arabischen Journalisten beteuerte, Iran habe mit dem 11. September nichts zu tun gehabt, änderte er seine Meinung im Sommer 2003. Plötzlich sagte er gegenüber der Fachzeitschrift "Insight", er selber sei in Details der Planung des Terror-Plots eingeweiht gewesen. Für die Verteidigung Mzoudis ist dies ein Argument, den Zeugen anzuzweifeln.

Richter Rühle will den ominösen Zeugen nun am kommenden Donnerstag selber befragen. Über den Staatsanwalt Jost soll Zakeri dieser Wunsch nun mitgeteilt werden. Ob der Mann allerdings nächste Woche erscheint ist fraglich. Schon von Beginn seiner Aussagen hat er sich Vertraulichkeit und Anonymität erbeten. Diese jedoch ist spätestens seit der Verhandlung am Donnerstag passé.



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