Hamburger Terror-Prozess "Ein Mann muss schießen können"

Der spektakulärste Terrorprozess des Jahres begann mit einer Überraschung: Der mutmaßliche Terror-Helfer Mounir al-Motassadeq gestand, in einem al-Qaida-Militärcamp in Afghanistan ausgebildet worden zu sein. Mit den Terroranschlägen vom 11. September will er nichts zu tun haben.

Von




Fotografieren lassen wollte sich der Angeklagte (l.) nicht, doch ein Gerichtszeichner fing die Stimmung vor dem Hamburger Oberlandesgericht auf Papier auf
REUTERS

Fotografieren lassen wollte sich der Angeklagte (l.) nicht, doch ein Gerichtszeichner fing die Stimmung vor dem Hamburger Oberlandesgericht auf Papier auf

Hamburg - Sieht so ein Top-Terrorist aus? Ein Mitschuldiger am Tod von tausenden Menschen? Freundlich lächelnd, klug und auskunftsfreudig gibt sich Mounir al Motassadeq vor Gericht. Zwar blass im Gesicht und mit dunklen Augenringen, aber keinesfalls nervös oder eingeschüchtert ob der Anklage, die auf eine monströse Schuld abzielt: Beihilfe zum Mord in über 3000 Fällen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Er spricht sehr gut deutsch und holt sich nur hin und wieder Hilfe von dem neben ihm sitzenden Dolmetscher. Die Ärmel seines grauen Hemdes hat er aufgekrempelt und sitzt sehr aufrecht auf der Anklagebank im Raum 237 des Hochsicherheitstraktes des Hamburger Strafjustizgebäudes.

Seine Position ist klar: Was sich nicht leugnen lässt, das räumt er ohne Umschweife ein. Aber der "Statthalter der Hamburger Terrorzelle", wie es die Bundesanwaltschaft formulierte, das Rädchen, ohne das der Anschlag in New York nicht funktioniert hätte, sei er nie gewesen.

Ja, er kannte Mohammed Atta und die übrigen Mitglieder der Hamburger Terrorzelle. Aber von deren extremistischen Überzeugungen will er nichts gewusst haben. Er habe Atta kennen gelernt als er Anfang 1996 in Hamburg auf Wohnungssuche war. Danach habe er ihn häufiger beim Beten getroffen und bei Essenseinladungen bei verschiedenen moslemischen Freunden.

Bei solchen Gelegenheiten sei auch über Politik und Religion geredet worden, sagt der schmächtige Mann mit dem schwarzen kurzgeschnittenen Bart. "Atta wusste viel über diese Themen." Seine Thesen seien aber nicht besonders auffällig gewesen und eine Entwicklung zur Radikalisierung nicht zu bemerken. "Natürlich hat Atta auch mal gesagt, dass man etwa das Palästinenserproblem mit Kampf lösen muss." Aber das seien Positionen, die in der arabischen Welt weit verbreitet seien - nichts Auffälliges also. Bis jetzt könne er nicht glauben, dass Atta eines der Flugzeuge ins World Trade Center geflogen hat. Über Selbstmordattentate sei nie gesprochen worden. "Und meine Meinung ist, dass man so was nie machen sollte." Gewalt, schiebt der 28-jährige Marokkaner noch hinterher, könne nie ein Problem lösen.

Per Zufall in Afghanistan

Großer Andrang von internationalen Beobachtern beim Terrorprozess in Hamburg
AP

Großer Andrang von internationalen Beobachtern beim Terrorprozess in Hamburg

Für Überraschung sorgte Motassadeq als er am späten Vormittag einräumte, in einem militärischen Ausbildungslager Osama bin Ladens in Afghanistan gewesen zu sein. Allerdings habe dieser Aufenthalt für ihn keinen politischen sondern einen religiösen Hintergrund gehabt. "Im Islam ist es erwünscht, dass ein Mann schießen, reiten und schwimmen kann." Für ihn habe nicht der Aufenthalt in Afghanistan im Vordergrund gestanden, sondern das Training an der Waffe. "Das Universum ist aus Zufall entstanden, mein Besuch in Afghanistan auch."

Als Mohammed Atta im Mai 2000 aus Afghanistan zurückgekehrt sei, habe er ihn einfach gefragt, ob man dort ein Militärtraining absolvieren könne. "Er hat gesagt: ja, das dauert einen Monat." Dass Atta eben diese Ausbildung gerade hinter sich hatte, habe er nicht gewusst, so Motassadeq. Und Atta habe ihm das auch bei dieser Gelegenheit nicht verraten, sondern nur erzählt, wie man in ein solches Lager kommt. Mit 5000 Mark von seinem Vater in der Tasche habe er sich dann im Sommer auf den Weg gemacht, um vor der Geburt seines ersten Kindes wieder zurück zu sein. Seiner russischen Frau in Hamburg und seiner Familie in Marokko habe er vorgelogen, nach Pakistan zu reisen.

Er flog nach Karatschi und weiter nach Quetta, wo er sich in der Taliban-Vertretung meldete, die ihm wie ein Krankenhaus erschien. "Da waren nur kranke Taliban." Dort musste er eine Woche warten, bis er per Taxi an die afghanische Grenze gebracht wurde.

Mit dem Taxi ins al-Qaida-Camp

Jenseits des Grenzübergangs ging es mit dem nächsten Taxi weiter - in ein Gästehaus der Taliban am Stadtrand von Kandahar. "Ein kleiner Mann sammelte meinen Pass ein und fragte: Was willst du machen?" Drei bis vier Wochen Grundausbildung, habe er geantwortet. Wieder habe er eine Woche warten müssen, bis er schließlich in das Militärlager gebracht wurde. Hunderte Männer seien dort zur Ausbildung gewesen, sagt der Angeklagte. Er selbst sei mit sieben anderen in einem Zelt untergebracht worden.

Drei Wochen lang habe er jeden Morgen Sport getrieben: "Laufen und Aerobic." Tagsüber habe er schießen mit der Kalaschnikow in Theorie und Praxis gelernt. "Die Munition wurde uns zugeteilt, wir bekamen vielleicht drei oder vier Schuss am Tag." Politischen oder religiösen Unterricht habe es nicht gegeben.

Vor Gericht: Mounir al-Motassadeq
DPA

Vor Gericht: Mounir al-Motassadeq

Dass das Lager Bin Laden unterstand, will er erst dort erfahren haben. "Wessen Camp das ist, hat mich vorher nicht interessiert. Ich war nur am Training interessiert." Er räumt ein, dass er Bin Laden gern mal reden gehört hätte, wenn der denn damals dort gewesen wäre.

Nach drei Wochen Aufenthalt packte er seine Sachen und machte sich auf den Rückweg. "Ich hatte keine Lust mehr." Geld habe niemand von ihm haben wollen, er habe auch keine Gegenleistungen versprechen müssen und seinen Pass ohne Probleme zurückerhalten.

Jetzt sollen die Beweise kommen

In den elf Monaten seit seiner Verhaftung hatte Motassadeq stets geleugnet, in Afghanistan gewesen zu sein. Er hatte behauptet, sich in Pakistan Moscheen angesehen zu haben. Warum? "Was hätten Sie denn gesagt, wenn Sie jemand kurz nach dem 11. September gefragt hätte, ob Sie in einem Militärlager in Afghanistan waren", fragt der Anwalt des Marokkaners, Hartmut Jacobi, zurück.

Ab Mittwoch wird Motassadeq mit Beweisen und Zeugen konfrontiert. Die Bundesanwälte sind sich sicher, dass sie genügend Material gesammelt haben, um ihm aktive Hilfe bei den Attentatsvorbereitungen der Terror-Piloten nachzuweisen. Der Prozess ist bis in den Januar hinein terminiert.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.