Hamburger Terrorhelfer E-Mails aus dem Untergrund

Als mutmaßlicher Verbindungsmann zwischen Osama Bin Laden und den Terrorpiloten des 11. Septembers ist Said Bahaji einer der meistgesuchten Männer der Welt. Seiner in Hamburg lebenden Frau schreibt der Deutsch-Marokkaner regelmäßig E-Mails. Darin bekannte er sich kürzlich erstmals zur Qaida.


Fahndungsfotos von Said Bahaji: Stolz auf al-Qaida
DPA

Fahndungsfotos von Said Bahaji: Stolz auf al-Qaida

Hamburg - Wie das "Hamburger Abendblatt" heute berichtet, geht es in den Mails sowohl um banale Alltagssorgen als auch um die Weltpolitik. In seinen insgesamt 14 Mails an seine Ehefrau, die dem "Abendblatt" eigenen Angaben zufolge in Kopie vorliegen, klagt der mutmaßliche Terrorist unter anderem über so simple Dinge wie Verdauungsbeschwerden und wie sehr er die Kochkünste seiner Frau vermisse. Diese weist Bahaji laut "Abendblatt" an, dem gemeinsamen Sohn jeden Tag eine Tasse mit heißem Honig zu trinken gebe; Honig sei ja auch ein wunderbares Schönheitsmittel.

Doch auch über die Anschläge des 11. Septembers kommuniziert das Ehepaar, wie die Hamburger Zeitung berichtet. So versicherte Bahaji seiner Frau noch Anfang 2004, nichts mit den Anschlägen von New York und Washington zu tun zu haben. Obwohl er mit dem Todespiloten Mohammed Atta gut bekannt war, behauptet er, es habe nie eine Hamburger Terrorzelle gegeben. Dass er kurz vor dem 11. September 2001 aus Deutschland ausgereist sei, sei reiner Zufall gewesen. Als ihm seine Frau daraufhin vorschlägt, sich als Unschuldiger der Polizei zu stellen, lehnt Bahaji jedoch ab: Er fürchte eine öffentliche Demütigung und die mögliche Einlieferung in das berüchtigte US-Gefangenenlager von Guantanamo, schreibt das "Abendblatt".

Fahnder halten den 29-jährigen Bahaji, der im niedersächsischen Haselünne geboren ist, dagegen für eine der Schlüsselfiguren der Attentate vom 11. September. Inzwischen gilt als sicher, dass Bahaji als Verbindungsmann zwischen Osama Bin Laden und den Hamburger Todespiloten fungierte. Obwohl sie den E-Mail-Verkehr zwischen Said Bahaji und seiner Frau überwachen, haben die Ermittler bislang noch keinen Hinweis auf den Aufenthaltsort des Gesuchten. Er wird aber in Pakistan vermutet.

In seinen Mails behauptet Said Bahaji zunächst, die Anschläge von 2001 seien eine große Verschwörung der Amerikaner, Muslime hätten eine solche Tat niemals begehen können. Die meisten seiner Botschaften begönnen mit einem Glaubensbekenntnis zum Islam, schreibt die Hamburger Tageszeitung.

Doch in den Mails, die Bahaji Anfang 2005 schickt, ändert sich plötzlich der Tonfall. Nun gibt er zu verstehen, dass es wohl kein Komplott der USA gegeben habe. Stattdessen habe Bin Laden nur ein Versprechen erfüllt. In dieser Mail vom 13. Januar schreibt Bahaji laut Zeitungsbericht auch erstmals, wie stolz es ihn mache, zur Qaida zu gehören.

Seine 24 Jahre alte Frau reagiert anscheinend verstört auf diese Mitteilung. In einem Antwortschreiben fragt sie nach der Vereinbarkeit von Selbstmordanschlägen mit den Geboten des Korans. Und sie fragt, ob al-Qaida nicht möglicherweise bloß eine Sekte sei, die sich vom wahren Glauben entfernt habe. Ihr Mann habe schockiert reagiert, schreibt das "Abendblatt". Am 26. Januar schreibt er zurück, er brauche sich nicht zu verteidigen. Dann beklagt er, dass seine Frau ihm nicht glaube, anstatt ihm Freude zu bereiten. Die Ehefrau knickt ein: So habe sie das nicht gemeint, schreibt sie einen Tag später, sie wolle ihren Mann nicht schlecht machen. Aber sie sorge sich um ihn.

Mehrmals schreibt Bahajis Frau, wie schwer ihr das Leben als alleinerziehende Mutter in einem Land der Ungläubigen falle. Sie finde keine Arbeit, werde im Sozialamt nicht gut behandelt und habe Probleme, einen Kindergartenplatz für den Sohn zu finden. In anderen Mails teilt sie ihrem Mann mit, dass sie 1000 Euro Sozialhilfe plus 154 Euro Kindergeld bekomme. Ihr Mann reagiert wütend auf ihre Jobsuche: Arbeiten solle sie sich aus dem Kopf schlagen. Er schlägt ihr vor, in die Türkei überzusiedeln, das lehnt seine Frau jedoch bis zuletzt in einer Mail vom 27. Januar ab.



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