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Rauschgift »HANF FÜR DEN SIEG«

Seit einem halben Jahrhundert wird Marihuana geächtet und tabuisiert - weil Kiffer auf härtere Drogen umsteigen könnten. Doch diese Diskussion ist einseitig, wie eine neue Studie belegt: Die Pflanze hat einen nahezu universellen Nutzen, ihre Legalisierung könnte der Landwirtschaft ebenso nützen wie der malträtierten Umwelt.
aus DER SPIEGEL 38/1993

Dieses weite Land Amerika, fast 3000 Meilen von Küste zu Küste; diese endlosen Prärien, Äcker und Autobahnen! Jack Herer, 53, sieht heute schon vor sich, wie er in naher Zukunft im Biomobil durch ein blühendes Ökotopia reisen wird.

Stunde um Stunde, Tag für Tag werden Felder von ozeanischen Ausmaßen seinen Weg säumen. Pflanzen, so hoch wie drei Männer, werden ihre Stengel und die üppigen Büschel ihrer siebenlappigen Blätter im Wind wiegen. Und aus dem Autoradio wird der melodische Reggae des jamaikanischen Rastamannes Peter Tosh plätschern.

Noch Ende der achtziger Jahre lagen in den USA 35 Millionen Hektar als landwirtschaftliche Reserve brach. Nun, zur Jahrtausendwende, umspannt ein Grüngürtel die Nation, und die ökologische Vernunft regiert. Der »ertragreichste nachwachsende Rohstoff des Planeten« (Herer) wird endlich in großem Stile kultiviert.

Die Rede ist von Hanf (lateinisch: Cannabis sativa, umgangssprachlich: Marihuana), der wegen ihrer berauschenden Wirkung vor allem in der westlichen Welt geächteten Feldpflanze - und Herer, Buchautor und oberster Lobbyist der kalifornischen Organisation Help End Marijuana Prohibition (Hemp), wird nicht müde zu erklären, daß dieses Grünzeugs nicht bloß dazu gut ist, es zu trocknen und in Joints zu stopfen.

Der erste Entwurf der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung wurde auf Hanfpapier verfaßt. Rembrandt, van Gogh und Gainsborough malten auf Hanfleinwänden. Aus Hanf wurden Farben und Lacke hergestellt. Englands Königin Victoria inhalierte Hanfharze bei Menstruationsbeschwerden.

Eine solche Vielzweckpflanze, behauptet der Idealist Herer tapfer, sei ein Allheilmittel für die Umwelt und die rezessionsgeplagte Wirtschaft. Die industrielle Verwendung des Naturstoffs könne »die Luftqualität verbessern«, sein Anbau »den vorhandenen Reichtum auch auf ländliche Gebiete umverteilen« und sogar, ein beinahe revolutionärer Gedanke, »den Kapitalismus auf die Probe stellen«.

Legalisierung - das klingt immer noch nach dem Wunschdenken spinnerter Kiffer, die von unbegrenzter Verfügbarkeit des Marihuanas träumen und ihm aus eigensüchtigen Motiven eine phantastische Vielzahl von Gebrauchswerten andichten.

Tatsache jedoch ist: Die Debatte um die internationale Hanfprohibition muß neu geführt werden - möglichst ohne Emotionen und Vorurteile. Denn Herer und unabhängige Wissenschaftler aus aller Welt legen Fakten über den Nutzen des Cannabis vor, die nicht mit einem subjektiven Interesse am milden Dusel abgetan werden können. Die berauschende Wirkung, hervorgerufen durch die Substanz Tetrahydrocannabinol (THC), spielt in dieser Diskussion nur eine Nebenrolle.

In dem nächste Woche erscheinenden Buch »Hanf - die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Cannabis Marihuana« zeichnet Herer die Geschichte des Hanfs und seiner Diskriminierung nach, die auf unternehmerischem Kalkül beruht. Der Berliner Wissenschaftsjournalist Mathias Bröckers, 39, erweiterte den Text um die deutsche Perspektive, und das renommierte Kölner Katalyse-Institut für angewandte Umweltforschung prüfte die Behauptungen von der scheinbar universellen Rohstoffquelle in einer Studie**.

Das Druckwerk ist selbst sinnfälliges Beispiel für eine von unzähligen Verwendungsmöglichkeiten der Pflanze: Es wurde als erstes seit gut einem Jahrhundert wieder vollständig auf Hanfpapier gedruckt (wie vor einem halben Jahrtausend die Gutenberg-Bibel). Und es erweitert den eindimensional geführten Streit über die gesellschaftlichen Folgen einer Freigabe von Dope um ökonomische und ökologische Gesichtspunkte.

Hanf ist für die Papiergewinnung effizienter als Holz und enthält, anders als Bäume, nicht das Gift Lignin, welches die Gewässer belastet. Der Textilrohstoff Hanf ist haltbarer als Baumwolle; Hanfprodukte sind außerdem eine wirkungsvolle Alternative zu vielen chemischen Arzneimitteln.

Schließlich ist die Pflanze weitgehend schädlingsresistent und schnellwüchsig, und von der Saat bis zur Ernte vergehen, auch im kühlen Mitteleuropa, nur etwa hundert Tage - eine ideale Zwischenfrucht.

Kann eine solche Pflanze sündig sein? Sie kann, wie Herer und Bröckers nachweisen, zumindest nachhaltig dämonisiert werden.

In den dreißiger Jahren prophezeite die US-Zeitschrift Popular Mechanics dem Hanf als erstem Agrarprodukt eine »Milliarden Dollar«-Karriere. Endlich waren Konservierungsmethoden für die zellstoffreichen Stengel sowie mechanische Schälmaschinen entwickelt worden, welche die Fasern effizient vom Halm trennen konnten.

Dies rief den Papier- und Zeitungskonzern Hearst und den Chemiegiganten Du Pont auf den Plan; beide fürchteten die Konkurrenz des billigen Rohstoffs, der Holz wie Erdöl teilweise ersetzen kann. Nun marschierten sie in die Offensive.

Hearsts Boulevardblätter führten eine Diffamierungskampagne gegen faule, Marihuana rauchende Mexikaner und behaupteten großmäulig, daß kiffende Neger sich zu den Klängen von Jazzmusik an weißen Frauen vergingen. Und der als oberster Drogenbekämpfer installierte Harry Anslinger, ein Verwandter des Du-Pont-Finanziers Andrew Mellon, verkündete ex cathedra: Marihuana sei die Droge, die in der Geschichte der Menschen am meisten Gewalt erzeugt habe.

Im Finanzministerium wurden bald darauf prohibitive Steuergesetze gegen Hanf durchgepaukt. Von 1937 an war der Anbau ganz verboten.

Zwar ließ die U.S. Army während des Zweiten Weltkriegs einen Werbefilm »Hemp for Victory« (Hanf für den Sieg) produzieren, der die Vorzüge der Pflanze für die Kriegswirtschaft pries. Zwar stellte Henry Ford 1941 ein Auto mit Hanffaserkarosserie vor, das Hanfdiesel als Treibstoff verwendete. Doch der Film verschwand nach Kriegsende im Giftschrank, und der erste Umweltwagen blieb ein Prototyp. ** Mathias Bröckers (Hrsg.), Jack Herer: »Hanf - _(die Wiederentdeckung der Nutzpflanze ) _(Cannabis Marihuana«. Zweitausendeins, ) _(Frankfurt; 464 Seiten; 30 Mark. * ) _(Kommunardin Uschi Obermaier (1969). )

Zu Zeiten der McCarthy-Ära 1948 entdeckte Drogenjäger Anslinger sogar eine völlig neue Eigenschaft der Mörderdroge Hanf, die den Kongreß ohne weiteres zur Verlängerung des Verbotes bewog: Marihuana mache pazifistisch und sei deshalb ein treffliches Mittel für Kommunisten, die wehrhafte amerikanische Demokratie zu schwächen.

Solche Schauergeschichten wurden weltweit verbreitet und geglaubt. Mit moralischen Argumenten hat die Anti-Hanf-Koalition ihre wirtschaftlichen Interessen bis heute durchgesetzt. Zusätzlicher Druck auf das Ausland bewirkte, daß die Hanfproduktion in weiten Teilen der Welt eingestellt wurde.

Noch 1942 betrug die deutsche Anbaufläche 21 000 Hektar; 1960 war sie auf Null gesunken. In der Bundesrepublik unterliegt die Pflanze seit 1971 dem Betäubungsmittelgesetz, seit 1982 sogar mit Stumpf und Stiel, und ihr Anbau ist unter Strafe gestellt.

Dabei sind die Vorzüge der bis Mitte des 19. Jahrhunderts global meistverbreiteten Kulturpflanze seit der Antike dokumentiert.

Phönizier verarbeiteten sie zu Segeln und Seilen, Chinesen verspannen sie zu Kleidungsstücken, Amerikaner preßten aus ihren Samen Lampenöl. Aus Hanf gewannen Katholiken Weihrauch, Protestanten Nahrungsmittel mit besonders hohem Anteil ungesättigter Fettsäuren und Muslime Tierfutter.

Mehr als ein Jahrhundert bevor der Bayer Edmund Stoiber den Cannabis-Fans vorwarf, sie nähmen »in verantwortungsloser Weise den Tod von Tausenden junger Menschen in Kauf« (SPIEGEL 10/1992), nähte der Exil-Bayer Levi Strauss aus Hanf die erste Jeans, und die Bauern in seiner Heimat rauchten nach Feierabend regelmäßig Knaster - der deswegen so hieß, weil die Cannabissamen im Pfeifenkopf knasternd explodierten.

Dennoch wird Marihuana in den westlichen Alkoholgesellschaften ausgerechnet wegen seines Nebeneffektes als mildes, nicht suchterregendes Rauschmittel tabuisiert. Der behauptete Umsteigeeffekt auf harte Drogen ist allerdings wissenschaftlich umstritten - und konsequenterweise, so polemisieren die Befürworter einer Freigabe, müsse dann auch nach den Einstiegsdrogen für Kiffer gefragt werden: Zigaretten, Gummibärchen, Muttermilch?

Eine Gesetzesreform sei überfällig, meint Autor Bröckers - »nicht nur als Abrüstungsmaßnahme in einem längst verlorenen Drogenkrieg, sondern auch als Friedensinitiative in jenem Krieg gegen die Natur, den wir mit Kettensägen, fossilen Brennstoffen und chemischem Giftmüll täglich weiter anheizen«.

Das Kölner Katalyse-Institut liefert ihm Argumentationshilfe: Um das Abholzen der Wälder zu begrenzen, komme man »kaum umhin, andere Faserlieferanten zu finden«. Der Ertrag von Hanf liege »pro Hektar und Jahr deutlich über Baumplantagen oder Wäldern«, auch seien die Papiergestehungskosten »bei einjährigen Pflanzen niedriger als bei Holz«.

Im kulinarischen Diskurs empfehle sich Marihuana »insbesondere als hochwertiges kaltgepreßtes Speiseöl« - eine »höchst interessante Option«, wie die Forscher meinen.

Auch für Beschichtungen, Wärmedämmung oder Anstriche sei das anspruchslose Kraut gut geeignet, es sei »pharmakologisch wirksam« gegen Asthma, grünen Star, Brechreiz und in der Behandlung von Epilepsie den chemischen Alternativen »mindestens ebenbürtig«. Baut man die Pflanzen in dichtem Abstand an, verringert sich außerdem ihr THC-Gehalt - eine böse Kunde für Freizeitkonsumenten.

Als Bioenergie, zum Beispiel Heizöl, scheint der Einsatz von Cannabis sativa den Kölnern allerdings »kaum sinnvoll": Er ist derzeit unrentabel und die Pflanze wegen ihrer sonstigen Vorzüge für eine solche Nutzung »eigentlich zu schade«.

Inzwischen unternimmt auch die Gegenseite erste zaghafte Versuche, die positiven Eigenschaften der Wunderstengel zu untersuchen. Das französische Hanfinstitut Comite du Chanvre startete im November 1992 mit EG-Geldern ein Programm, um zum Beispiel den Einsatz von Fasern in Brems- und Kupplungsbelägen zu testen.

Solche Initiativen sind ganz im Sinne von Buchautor Bröckers: »Es gibt viel zu tun - pflanzen wir es an!« Y

** Mathias Bröckers (Hrsg.), Jack Herer: »Hanf - dieWiederentdeckung der Nutzpflanze Cannabis Marihuana«.Zweitausendeins, Frankfurt; 464 Seiten; 30 Mark. * Kommunardin UschiObermaier (1969).

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