Kritik an Klinikum in Hannover Behandlung von vermeintlichem Mafiaboss - Polizei-Einsatz kostet 900.000 Euro

Schwer bewaffnete Beamte bewachten einen vermeintlichen Mafiapaten in einer Klinik in Hannover. Das Haus wurde für die Behandlung kritisiert. Nun steht nach SPIEGEL-Informationen fest, was der Einsatz gekostet hat.
Einsatzkräfte in der der Medizinischen Hochschule Hannover (Archiv): "Wir haben ihn nicht hergeholt und ihm keinen roten Teppich ausgerollt"

Einsatzkräfte in der der Medizinischen Hochschule Hannover (Archiv): "Wir haben ihn nicht hergeholt und ihm keinen roten Teppich ausgerollt"

Foto: imago images

Der Einsatz der Polizei rund um die Behandlung von Igor K. aus Montenegro hat 900.000 Euro gekostet. Das erfuhr der SPIEGEL aus dem Innenausschuss des niedersächsischen Landtags, wo die Causa heute Thema ist. Demnach häuften die an dem Einsatz beteiligten Beamten 16.058 Personalstunden an.

Der Bund der Steuerzahler, Landtagsabgeordnete und auch Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) hatten die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) wegen der Behandlung des Privatpatienten öffentlich kritisiert. In der Sitzung gab Thümler bekannt, MHH-Vizepräsident Andreas Tecklenburg sei freigestellt worden. Thümler bemängelte, sowohl intern bei der MHH als auch in der Meldekette von der Klinik zu den Sicherheitsbehörden und der Landesregierung habe es Defizite gegeben.

Igor K. war Ende Januar in Montenegro durch neun Schüsse schwer verletzt worden. Er kam dort in ein Krankenhaus, die Ärzte stabilisierten ihn und behandelten einen Bauchschuss (lesen Sie hier  mehr darüber).

Für seine Knochen- und Gelenkverletzungen wurde der Familie die Unfallchirurgie in Hannover empfohlen, wie Igors Frau Suzana K. dem SPIEGEL sagte . Am 7. Februar kam das Paar in Hannover an. Die Operationen, bei denen ihrem Mann ein künstliches Kniegelenk eingesetzt wurde, sollen rund 90.000 Euro gekostet haben. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) sagte: "Wir haben ihn nicht hergeholt und ihm keinen roten Teppich ausgerollt."

Kein harmloser Zeitgenosse

Erste Medien berichteten kurz darauf von dem Patienten. Was in den Zeitungen stand, las sich verheerend. Die Mediziner behandelten demnach einen "Mafiaboss" mit 27 Kugeln im Körper, eingeflogen aus Montenegro und verwickelt in blutige Konflikte.

Doch ein "Mafiaboss" ist Igor K. wohl nur in den Schlagzeilen. Nach SPIEGEL-Recherchen ist der 34-Jährige zwar kein harmloser Zeitgenosse. Er sei aber weder vorbestraft, sagt sein Anwalt, noch saß er im Gefängnis.

Mehrere Medien verwechselten ihn offenbar mit einem Montenegriner gleichen Namens, der 2011 wegen Rauschgifthandel verurteilt wurde und in Haft war. "Wir haben in Montenegro drei Unternehmen, die es uns ermöglichen, die Behandlungskosten zu tragen und den Flug im nach Hannover gebuchten Learjet zu bezahlen", sagte Igors Frau Suzana K.

"Wir haben ihn nicht hergeholt und ihm keinen roten Teppich ausgerollt"

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD)

Doch ganz unbescholten ist Igor K. auch nicht. Die niedersächsischen Sicherheitsbehörden verorten den 34-Jährigen im Milieu der Organisierten Kriminalität, mit Verbindungen zum kriminellen Skaljari-Clan. Die Staatsanwaltschaft Hannover prüft nach einer Strafanzeige einen Anfangsverdacht auf Geldwäsche.

Anfangs wurde der Patient in Hannover von einzelnen Polizisten bewacht, hieß es in der Klinik. Nach ersten Medienberichten rückte eine Hundertschaft an und umstellte das Gebäude, jeder Besucher wurde kontrolliert. Das Überraschende: Das Paar aus Montenegro wollte gar nicht, dass die deutsche Polizei solchen Aufwand treibt. "Mein Mann und ich wollen keinen Polizeischutz und fühlen uns auch nicht bedroht", sagt Suzana K. dem SPIEGEL.

Die Verlegung platzte

In Hannover entwickelte sich die Causa K. zunehmend zur Posse. Die Polizei erwirkte beim Amtsgericht eine Anordnung auf "Gewahrsamnahme". Der Patient sollte aus Sicherheitsgründen ins Krankenhaus der JVA Lingen verlegt werden, wo man bereit sei, den Patienten aufzunehmen. Doch im Justizministerium wollte man davon nichts wissen. Die Verlegung von Igor K. platzte.

Ein paar Tage später versuchte es die Polizeiführung erneut. Aber diesmal entschied die zuständige Richterin gegen den Antrag. Schließlich erließ Innenminister Pistorius eine Ausweisungsverfügung gegen Igor K. Am vergangenen Freitag war der Besuch vorbei. Das Paar verließ das Land in einem Ambulanzflieger.

gud/jpz/dpa