Zur Ausgabe
Artikel 30 / 96
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Gesellschaft Hauptstadt der Bewegung

Ortstermin: In München sind Touristen dem Führer auf der Spur.
aus DER SPIEGEL 17/2009

Drei Menschen stehen nebeneinander auf dem Münchner Marienplatz, zwei davon können einem leid tun. Der Mann mit der Brille und die Spanierin. Jeff Cox, dem dritten, dem geht es bestens.

Die drei sind Stadtführer. Es ist Ostern, die Sonne scheint auf die neogotische Fassade des Neuen Rathauses, viele Touristen sind in der Stadt. Ideale Bedingungen. Cox und die anderen beiden warten auf Kunden. Jeder bietet eine andere Tour an. Stadtführungen haben sich individualisiert, sie sind typgerecht, zielgruppenorientiert wie Wintermäntel und Klingeltöne. Auf dem Schild der Spanierin steht: »El centro en español!« Der Mann mit der Brille hält eine Tafel mit den Worten »Altstadt zu Fuß« hoch. Die Touristen laufen vorbei. Weder bei der Spanierin noch beim Brillenträger bleibt jemand stehen. Nicht ein Kunde. Kein Spanier, kein Fußgänger.

Jeff Cox hat kein Schild. Nur einen blauen Ordner mit Folien. Er hält den Ordner nicht mal hoch. Man muss herantreten, um zu lesen, was Cox anbietet. »Third Reich Tour. Munich Walk Tours in English«. Third Reich, das »Dritte Reich« in München. Hitler, Göring, die Gestapo, die SS. Hitler in der Stadt, in der alles begann, der Hauptstadt der Bewegung. Das Guido-Knopp-Paket mit München-Schwerpunkt. Cox ist zufrieden. 18 Touristen stehen vor ihm. Engländer, Amerikaner, eine indische Familie. Jeder hat zwölf Euro gezahlt. Was Stadtführungen angeht, ist auf Hitler Verlass. Nazis gehen immer.

»Wer weiß, wie Hitlers Name auch hätte lauten können?«

Cox spricht klares, schönes Englisch. Er wäre ein guter Geschichtslehrer geworden, ein angenehmer Londoner, der nicht doziert, sondern zu begeistern versucht. Seit fast zehn Jahren arbeitet er als Stadtführer. Gerade hat er etwas über Hitlers Jahre in Linz erzählt, die Zeit in Wien. Cox wird die Gruppe später zum Hofbräuhaus bringen, wo Hitler mehrere Reden hielt. Dann zur Ecke Brienner- und Türkenstraße. Da hatte die Gestapo ihr Hauptquartier. Am Königsplatz, ehemals Aufmarschort der NSDAP, endet die Tour.

»Wer weiß es? Wie hätte er fast geheißen, der Adolf Hitler?«

»Schicklgruber, sein Vater hieß Alois Schicklgruber, änderte seinen Namen.«

Alan Stark hat sieben Adolf-Hitler-Biografien gelesen. Er hört Cox aufmerksam zu, auch wenn er das meiste schon weiß. Stark ist ein blonder Kalifornier, der in der Freizeit gern Laufschuhe trägt und sich für deutsche Geschichte interessiert. Wenn Stark deutsche Geschichte sagt, meint er eigentlich Adolf Hitler. Sechs Tage wird Stark in Deutschland sein. Zieht man Hin- und Rückflug ab, sind es eigentlich nur vier. Er und seine Frau mussten sich also auf das Wesentliche konzentrieren. Erster Tag: Nürnberg, Reichsparteitagsgelände. Zweiter Tag: Berchtesgaden, Obersalzberg. Dritter Tag: München, Third Reich Tour. Höhepunkt an Tag vier: Bayreuth. »Parsifal«, gut fünf Stunden Wagner.

»Ich bin wirklich kein Nazi«, sagt Stark. »Ich interessiere mich nur für Deutschland.«

Vermutlich macht Stark viele Deutsche traurig. Aber Touristen, die nach München, Berlin oder Heidelberg kommen, haben nun mal ziemlich klare Vorstellungen von diesem Land. Gastronomisch Bier, historisch Hitler. Es ist vielleicht nur ein Missverständnis, dass die Deutschen glauben, die Welt sehe sie nun anders. Nach 60 Jahren Bundesrepublik, nach der Weltmeisterschaft 2006, dem Jahr, in dem sich der Deutsche schwarz-rot-goldene Haarteile auf den Kopf zog, Fähnchen schwenkte und die Welt zu Freunden einlud. Das Ende der Nazi-Geschichte, der Beginn des sympathisch bunten Perückenpatriotismus.

Cox hat die Gruppe ins Hofbräuhaus geführt. Einige Kellner stehen zwischen den Tischen des Festsaals. Sie kennen das schon. Die Hitler-Führungen sind jeden Tag hier. »Genau da, rechts, da stand Adolf Hitler«, sagt Cox. Die Gruppe fotografiert einen Biertisch. »Hier stellte Hitler das erste Parteiprogramm der NSDAP vor.« Stark geht durch die Tischreihen und fotografiert. Er wird viele Biertischfotos mit nach San Francisco bringen. Die Starks werden ihren Freunden ein Deutschland zeigen, in dem die meisten Deutschen nicht leben. Die Welt ändert sich, ein Schwarzer ist der mächtigste Amerikaner, ein Weißer der beste Rapper, ein Brite der berühmteste Koch. Deutschland bleibt das Land der Adolf-Hitler-Biertische.

»In England wird im Unterricht Deutschland fast nur zwischen 1933 und 1945 behandelt«, sagt Cox. Er versucht bei seiner Führung etwas gegen das Bild zu tun. Deutschland verändere sich, sagt Cox. Er erwähnt den Widerstand der Geschwister Scholl und dass sich einige Münchner weigerten, »Grüß Gott« durch »Heil Hitler« zu ersetzen. Aber spannend finden seine Zuhörer eher die Passagen, in denen er beschreibt, wo die SS gegründet wurde und wo Hitler sein Bier trank. Die Touristen sind wegen der Nazis gekommen, nicht wegen des neuen Deutschland.

Gegen halb eins ist die Führung vorbei. Drei Amerikanerinnen kommen auf Cox zu und fragen nach einem Frühstückscafé. Cox schlägt Schwabing vor. »Wo ist Schwabing?«- »Das ist einfach«, sagt Cox, »ihr lauft hier geradeaus, bis zur großen Ampel. Dann am Gestapo-Hauptquartier links.« JUAN MORENO

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 30 / 96
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.