Havarie der "Costa Concordia" Die Stunde der Decksjungen

Als Weingläser durch die Kajüte fliegen, weiß Joachim Mayr, dass es mit der "Costa Concordia" zu Ende geht. Er rennt mit seiner Frau zu den Rettungsbooten, von der Besatzung keine Spur. Den Mayrs kommen die unsichtbaren Hände zu Hilfe: die Schiffskellner, Decksjungen, Putzfrauen.

Margit und Joachim Mayr aus Österreich: "Es war das totale Chaos"

Margit und Joachim Mayr aus Österreich: "Es war das totale Chaos"

Von Jochen Brenner


Als der Koloss schon Schlagseite hat, ruft Joachim Mayr seine Mutter an. "Unser Schiff geht unter", sagt er, "mach dir keine Sorgen." Dann verstaut er Pass, Schmuck, Handy und Autoschlüssel in seinen Taschen, stellt die Koffer in eine Ecke der Kajüte, hakt seine Frau unter und macht sich auf, die "Costa Concordia" zu verlassen. Auf welchem Weg, weiß er noch nicht. "Bleiben konnten wir nicht, das ahnte ich", sagt Mayr.

Mit seiner Frau Margit hatte er eine Woche auf dem Kreuzfahrtschiff gebucht, ihr Traum war es, übers Meer zu fahren. Nichts tun, die Sonne genießen, Eindrücke sammeln, sieben Tage weg vom Alltag.

Joachim Mayr ist Fußball-Fan, 39 Jahre alt, beim Halt in Barcelona kauft er Trikots für seine beiden Söhne, Schals, Wimpel. Die Sachen liegen jetzt gut verstaut in einem Koffer, der in einer Kajüte auf Deck sechs steht. "Die sehen wir nie wieder", sagt Mayr.

Er ist jetzt wieder zu Hause in Goldwörth bei Linz. Die Schwiegereltern sind gerade zu Besuch, immer wieder mal liegen sich Mütter, Väter und Kinder in den Armen. Sie weinen ein bisschen und lachen sich dann dafür aus, sie leben doch. "Man kann das schwer beschreiben", sagt Mayr, "es ist alles so unwirklich."

"Ich hab das Schlimmste befürchtet"

In Schwimmwesten gezwängt macht er sich in der Unglücksnacht mit seiner Frau auf den Weg nach draußen. "Es war ein völliges Chaos", sagt er. Die italienischen Durchsagen versteht er nicht, die deutschen kommen nur sehr selten. Dann spricht die Stimme aus dem Lautsprecher von einem "technischen Problem". Selbst Mayr, ein Mann der Berge, weiß in dem Moment, dass die "Costa Concordia" die Schieflage nicht einfach so überstehen wird. "Ich hab das Schlimmste befürchtet."

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"Costa Concordia": Kleinstadt auf dem Mittelmeer
Hinter jeder Ecke erwartet Mayr, auf die Besatzung zu stoßen, die Männer und Frauen in weiß. Sie, glaubt er, müssten doch für den Notfall gewappnet sein. Doch die Gänge sind leer. Die Regie der Rettung übernehmen ausgerechnet die, deren Gesichter Mayr und seine Frau eine Woche lang so gut wie nie gesehen haben. "Wenn die nicht gewesen wären, so ruhig, so besonnen und freundlich, ich weiß nicht, ob wir es rausgeschafft hätten", sagt Mayr. Niemand kennt das Schiff so gut wie die Putzfrauen, Decksjungen, Kellner.

Dem Ufer ganz nah

Die meisten von ihnen sind Philippiner, Thailänder, kommen aus Bangladesch. Sie verdienen wenig, schicken das meiste nach Hause und räumen den Dreck der 4000 Kreuzfahrer weg. In der Stunde der Katastrophe helfen sie den Mayrs ohne zu fragen - und vielen anderen Familien auch. "What is it?", fragt Mayr einen von ihnen. "Go to deck four", antwortet er.

Auf Deck vier sind die Rettungsboote, Hunderte wollen einen Platz erwischen, doch die Sache dauert. Es ist ein Koch, der die Passagiere einweist, Mayrs müssen einige Rettungsboote abwarten, ehe sie einsteigen können. Beim Herablassen des Schiffchens bleibt der Bug an einem Vorsprung hängen. Dann löst er sich und rutscht mit hoher Geschwindigkeit ins Wasser. "Da waren wir das erste Mal etwas erleichtert. Das Ufer war ja ganz nah."

Für die 150 Meter bis zum Hafen braucht das Rettungsboot eine halbe Ewigkeit. Der Mann am Steuer, ein Decksjunge oder Maschinist, bedient den Motor zum ersten Mal. Nach zwei Kollisionen mit der Bordwand tuckert Familie Mayr in den Hafen. Erst sieben Stunden später reichen Helfer ihnen Decken, führen sie in ein Zelt. Kameras filmen, Fotoapparate knipsen, dann geleitet man sie hinaus. "Und plötzlich waren wir allein", sagt Mayr. "Die Kameras waren aus und wir auf uns selbst gestellt."

Auf dem Schiff haben sie ein Ehepaar aus der Steiermark kennengelernt und einen Mann aus Wien. Zu fünft steigen sie schließlich ins Auto der Mayrs und machen sich auf die elfstündige Heimfahrt. "Was bleibt, ist ein Gefühl von Glück und Trauer in einem", sagt Joachim Mayr. Er wird bald vierzig. Eine Kreuzfahrt plant er nicht.

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