Havarie der "Costa Concordia" Kreuzfahrtgesellschaft rückt von Kapitän ab

Es wird eng für Francesco Schettino. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung, nun geht auch die Kreuzfahrtgesellschaft auf Distanz. Die Entscheidungen des Kapitäns entsprachen offenbar nicht den Regeln des Unternehmens. Unterdessen wurde ein sechstes Todesopfer geborgen.


Giglio - Aus dem Wrack des havarierten Kreuzfahrtschiffes "Costa Concordia" ist ein sechstes Todesopfer geborgen worden - das berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Es handele sich um einen Passagier. Der Tote habe sich auf dem zweiten Deck befunden und eine Schwimmweste getragen.

Das Kreuzfahrtschiff war am Freitag mit mehr als 4000 Menschen an Bord vor der Insel Giglio auf einen Felsen aufgelaufen und leckgeschlagen.

Während Taucher und Rettungskräfte weiter nach Vermissten suchen, gerät der Kapitän des Unglücksschiffes immer stärker in die Kritik. Nun geht auch die in Genua ansässige Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere auf Distanz zu Francesco Schettino: "Es scheint, dass der Kommandant Beurteilungsfehler gemacht hat, die schwerste Folgen gehabt haben", teilte die Kreuzfahrtgesellschaft am Sonntagabend mit. Es sehe so aus, als seien die Entscheidungen des Kapitäns in der Notsituation nicht den üblichen Regeln von Costa Crociere gefolgt, gab das Unternehmen bekannt.

Unglückskapitän Schettino wurde am Samstag festgenommen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm fahrlässige Tötung, Verursachung eines Schiffbruchs und das Verlassen des Schiffs vor. Die "Costa Concordia" habe sich sehr ungeschickt" der Insel genähert, so die Ermittler. Der Kapitän soll zudem von Bord der "Costa Concordia" gegangen sein, obwohl die Evakuierung noch nicht abgeschlossen war. Schettino bestreitet das.

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Havarie: Die Horrorfahrt der "Costa Concordia"
Staatsanwalt Francesco Verusio sprach von einem "verwegenen Manöver" des Kapitäns. Fraglich bleibt vor allem, warum er das Schiff so nah an die Küste steuerte. Wollte er die Passagiere beeindrucken? Vor Touristen im Hafen schaulaufen?

Unverantwortliches Verhalten und unverzeihliche Fehler haben dem Kapitän am Montag jedenfalls die italienischen Medien vorgeworfen. "Der große Schiffbruch für einen kleinen Gefallen" titelt die Zeitung "Corriere della Sera" - und spielt damit auf das unfassbare Manöver des Kapitäns an. Wie der "Corriere" schreibt, soll er einen der Mitarbeiter extra auf die Brücke geholt haben, um ihm die Insel aus der Nähe zu zeigen: "Antonello, guck mal, wir liegen direkt vor deiner Insel", soll jemand zu dem Angestellten gesagt haben, der der einzige an Bord war, der auf Giglio geboren ist. "Achtung, wir sind ja total nah an der Küste", soll er geantwortet haben. Doch da war es schon zu spät.

Einzelheiten zum Hergang des Unglücks erhoffen sich die Ermittler von der Auswertung der Blackbox des Schiffes, die ähnlich wie in Flugzeugen Kommunikation auf der Brücke und Steuerbefehle aufzeichnet. In wenigen Tagen, sagte Staatsanwalt Verusio, wisse man ganz genau, welche Manöver der Kapitän vor und nach der Kollision durchgeführt habe.

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"Costa Condordia": Unterwasserfotos zeigen Zerstörung
16 Passagiere gelten noch immer als vermisst, darunter anscheinend auch sieben Deutsche. Laut Polizei werden ein Ehepaar, zwei Schwestern und ein Mann aus Hessen sowie zwei Frauen aus Baden-Württemberg gesucht.

"36-stündiger Alptraum"

Die Kreuzfahrtgesellschaft wies den Vorwurf einiger Passagiere zurück, bei der Evakuierung hätten nicht genügend Schwimmwesten zur Verfügung gestanden. Augenzeugen hatten von chaotischen Szenen während der Evakuierung des Schiffes berichtet. Die Reederei hob hingegen die Leistung der Besatzung hervor. Die Mannschaft habe "tapfer und zügig dabei geholfen, mehr als 4000 Personen in einer sehr schwierigen Situation in Sicherheit zu bringen", hieß es.

Am Sonntag waren ein Touristenpaar und ein Crewmitglied gerettet worden. Der an den Beinen verletzte Offizier Marrico Giampetroni hatte in einem teilweise gefluteten Bereich des Schiffes ausgeharrt. "Ich habe einen 36-stündigen Alptraum durchlebt", sagte er nach seiner Rettung.

Die Suche nach den Vermissten wird vor allem durch die extreme Schräglage des 290 Meter langen Schiffes sowie blockierte Türen und Treppenhäuser erschwert. "Wir hoffen weiter, Überlebende zu finden", sagte Küstenwacht-Kapitän Cosimo Nicastro dem Sender tgcom24.

Auch die Sorge vor möglichen Umweltbelastungen beschäftigt die Einsatzkräfte. Etwa 2400 Tonnen Dieselöl befinden sich in den Tanks des Schiffes. Spezialisten sind bereits auf der Insel, und der italienische Umweltminister Corrado Clini hat eine Gruppe von Fachleuten nach Livorno eingeladen, um das Problem zu erörtern.

Das zuständige Hafenamt in Livorno hat die Kreuzfahrtgesellschaft in einem Mahnschreiben aufgefordert, unter Berücksichtigung der noch laufenden Suchaktionen "das Schiff zu sichern und abzuschleppen". Offen ist, ob es etwa bei stürmischer See weiter abrutschen könnte.

hut/dpa/Reuters

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