Havariertes Kreuzfahrtschiff Sturm droht "Concordia" in den Abgrund zu drücken

Unter Lebensgefahr tauchen die Retter ins Wrack der "Costa Concordia", suchen nach Überlebenden. Jetzt zieht vor der toskanischen Küste eine Schlechtwetterfront auf. Der Kreuzfahrtriese droht, von der Gewalt des Sturms in die Tiefe gedrückt zu werden.

Satellitenfoto der havarierten "Costa Concordia"
DigitalGlobe

Satellitenfoto der havarierten "Costa Concordia"


Giglio - Die Situation vor der italienischen Insel Giglio verschärft sich: Die havarierte "Costa Concordia" liegt nach der Kollision mit einem Felsen seit sechs Tagen im flacheren Wasser der tyrrhenischen Küste, am Rand eines bis zu 90 Meter tiefen Abgrunds. Einen Meter soll sie sich in den vergangenen Tagen bereits in diese Richtung bewegt haben - und jetzt zieht auch noch ein Sturm auf, der am Nachmittag auf die Küste treffen soll.

"Wenn sich das Wetter ändert, besteht die Gefahr, dass das Schiff absinkt", sorgte sich Umweltminister Corrado Clini am Mittwoch. Für Donnerstag sind Wellen von eineinhalb Metern Höhe vorausgesagt, am Freitag sollen sie bereits zweieinhalb Meter hoch sein. Die Hoffnung, noch Überlebende zu finden, ist auf ein Minimum reduziert.

"Das Unternehmen Costa hat am Dienstag einen Plan für ein Abpumpen der Dieseltanks vorgelegt", sagte Clini im Abgeordnetenhaus. Die Operation soll gegen Ende der Woche von der niederländischen Firma Smit durchgeführt werden. Es gelte, die Tanks mit etwa 2280 Kubikmetern Brennstoff und 42 Kubikmeter Schmieröl, insgesamt 2400 Tonnen Material, zu sichern, damit es nicht ins Meer sickert. Nicht nur die Zone rund um den Unglücksort, sondern die gesamte Küste sei von Umweltverschmutzung bedroht. Wie weit sich der Treibstoff im Notfall ausbreiten würde, hänge von der Strömung ab.

Der Umweltverband Legambiente sprach schon von bedeutenden Schäden für die Natur vor der toskanischen Insel Giglio als Folge der Lösungsmittel, Schmieröle, Lacke und Reinigungsmittel an Bord. Die Unglücksstelle liegt mitten im Pelagos-Meeresschutzgebiet, dem wichtigsten Walschutzgebiet im Mittelmeer.

"Jede Verlagerung bedeutet Gefahr"

Die Arbeiten würden mindestens zwei Wochen in Anspruch nehmen, so der Umweltminister. Schweröl ist dickflüssig und muss erst auf 45 bis 50 Grad erwärmt werden, bevor es abgepumpt werden kann. Mit den Arbeiten können die Experten erst beginnen, wenn die Suche nach Überlebenden eingestellt wurde. "La Stampa" berichtet, die Taucher gingen davon aus, dass in dem Teil des Wracks, in dem bereits fünf Leichen gefunden wurden, weitere Tote seien. Die Suche war am Dienstag abgebrochen worden, weil sich das Schiff bewegt hatte.

Am Donnerstag wurde die Suche nach Vermissten wieder aufgenommen. "Das Schiff liegt weiterhin in unsicherer Lage in einer Untiefe", erklärte ein Sprecher der Rettungsmannschaften, Luca Cari. Die Taucher müssten deshalb vorsichtig vorgehen. "Jede Verlagerung würde Gefahr bedeuten, und wir müssten die Operationen erneut einstellen."

Nach italienischen Angaben vom Mittwochabend wurden noch 21 Menschen vermisst. Eine als vermisst geltende Deutsche hat sich nach Angaben des Zivilschutzes der Provinz Grosseto vom Mittwoch inzwischen gemeldet. Unter den Passagieren, von denen jedes Lebenszeichen fehlt, sind auch zwölf Deutsche. Elf Tote wurden bislang geborgen.

Das 290 Meter lange Schiff mit mehr als 4200 Menschen an Bord hatte am Freitagabend nach der Kursänderung des Kapitäns einen Felsen vor der Insel Giglio gerammt und war leckgeschlagen. Das Schiff liegt derzeit in starker Schräglage vor der Insel.

Auf Versicherer kommen Schäden in Millionenhöhe zu - die genaue Ermittlung der finanziellen Folgen des Unglücks wird sich aber noch hinziehen. Der weltgrößte Rückversicherer Munich Re erwartet Belastungen im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Die genaue Schadenssumme lasse sich noch nicht beziffern. Auch die Hannover Rück kann die Schadenshöhe noch nicht benennen. Neben den Kosten für das zerstörte Schiff entstehen Belastungen aus Haftpflichtansprüchen der Passagiere und der Crew sowie aus der Bergung des Wracks.

Darüber hinaus können Kosten aus möglichen Umwelthaftpflichtansprüchen entstehen - etwa für den Fall, dass Öl oder Schiffsdiesel austritt. In Versicherungskreisen wird laut "Financial Times Deutschland" davon ausgegangen, dass der Schaden insgesamt eine halbe Milliarde Euro leicht überschreiten könne. Die "Costa Concordia" war 2006 für 450 Millionen Euro gebaut worden.

ala/dpa

insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
zimbor 19.01.2012
1. da wundert sich der Laie......
Zitat von sysopUnter Lebensgefahr tauchen die Retter ins Wrack der "Costa Concordia", suchen*nach Überlebenden. Jetzt zieht vor der toskanischen Küste eine Schlechtwetterfront auf. Der Kreuzfahrtriese droht, von der Gewalt des Sturms in den Meeresgrund gedrückt zu werden. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,809994,00.html
Wieso konnte mn das Schiff eigentlich nicht mit Stahltrossen am Ufer sichern? Ein Bergungsunternehmen ist doch vor Ort?
fred4712 19.01.2012
2. Habe mal ne Frage
Zitat von sysopUnter Lebensgefahr tauchen die Retter ins Wrack der "Costa Concordia", suchen*nach Überlebenden. Jetzt zieht vor der toskanischen Küste eine Schlechtwetterfront auf. Der Kreuzfahrtriese droht, von der Gewalt des Sturms in den Meeresgrund gedrückt zu werden. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,809994,00.html
Ich kenne mich in der Schifffahrt nicht aus, habe deshalb mal ne Frage. Warum ist es nicht möglich das Schiff mit Seilen oder ähnlichem zu fixieren? Klar, ist ein mächtiges Gewicht, aber können ja auch 100te von Stahlseilen sein.
DonCarlos 19.01.2012
3. Sicherungsmaßnahmen?
Zitat von sysopUnter Lebensgefahr tauchen die Retter ins Wrack der "Costa Concordia", suchen*nach Überlebenden. Jetzt zieht vor der toskanischen Küste eine Schlechtwetterfront auf. Der Kreuzfahrtriese droht, von der Gewalt des Sturms in den Meeresgrund gedrückt zu werden. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,809994,00.html
Das Schiff liegt jetzt seit dem 13. Januar dort an einer felsigen Küste. Wurden bisher keine Sicherungsmaßnahmen getroffen, die das Schiff vor einem weiteren Abrutschen sichern?
mauimeyer 19.01.2012
4. Mut
Zitat von sysopUnter Lebensgefahr tauchen die Retter ins Wrack der "Costa Concordia", suchen*nach Überlebenden. Jetzt zieht vor der toskanischen Küste eine Schlechtwetterfront auf. Der Kreuzfahrtriese droht, von der Gewalt des Sturms in den Meeresgrund gedrückt zu werden. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,809994,00.html
Ich bewundere den Mut derer, die da jetzt noch in das Wrack tauchen! Diese Männer (Frauen?) tragen dazu bei, mein Vorurteil über italienische Mentalität ins Positive zu korrigieren! Die Gründe für seemännisches Fehlhandeln sind oft ähnlich: Imponiergehabe. Bei der Titanic wollte der Käpitän der schnellste sein. Er war auf der kurzen, von Eisbergen gesäumten Route aus Angst vor der Konkurrenz der schnelle deutschen Ocean-Liner. Hier mal einem Freund schnell "Guten Tag" sagen, nach dem Motto: "Ich habe den größten"! Bei der Titanic lief dann wenigstens - soweit das möglich war - die Rettung einigermaßen ab! Zu mindest ist der Kapitän an Bord geblieben. Ich weiß aus der Luftfahrt, daß die Kriterien zur Auswahl der Piloten ungleich hart sind. Oft sind gute - ehemalige Kampfpiloten der Bundeswehr - nicht übernommen worden, weil sie zu "machomäßig" waren. Die Luftfahrt ist mit der konsequenten Ausrichtung auf Sicherheit gemessen an den Risiken bisher gut ge(flogen)! Trotzdem erfülle ich mir meinen kleinen Traum, und fahre mit dem Schiff über den Atlantik nach New York! Kauri
celsius234 19.01.2012
5. Wulff dankt
Zitat von sysopUnter Lebensgefahr tauchen die Retter ins Wrack der "Costa Concordia", suchen*nach Überlebenden. Jetzt zieht vor der toskanischen Küste eine Schlechtwetterfront auf. Der Kreuzfahrtriese droht, von der Gewalt des Sturms in den Meeresgrund gedrückt zu werden. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,809994,00.html
das Rauschen im medialen Katastrophen-/Angst-/Empörungs-Tourismus hat ein neues Opfer. Danke Kapitän. Sie haben zwar keine Urlauber, wohl aber unseren Präsidenten gerettet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.