Heftige Unwetter Sturmtief "Kirsten" fegt durch Deutschland

"Kirsten" hinterlässt ihre Spuren: Starke Böen mit Windgeschwindigkeiten bis zu 140 Kilometern pro Stunde führten zu zahlreichen Verkehrsunfällen. Lastwagen kippten um, Autos wurden von der Straße geweht, sogar ein ICE musste stoppen.


Hamburg - Nach dem verheerenden Orkantief "Emma" sorgt nun "Kirsten" in Deutschland für Sturmschäden und Verletzte. Zahlreiche Fahrzeuge wurden von Windstößen erfasst und von der Fahrbahn gedrückt. Betroffen von den schweren Sturmböen um hundert Stundenkilometer und vereinzelt orkanartigen Böen sind vor allem der Nordwesten und die höheren Lagen der Mittelgebirge.

Auf der A 7 bei Flensburg geriet am Morgen ein 40-Tonnen-Lkw mit Dieselladung bei einem plötzlichen Unwetter ins Schleudern, prallte gegen die Mittelleitplanke und blockierte die Fahrbahn. Die Autobahn musste für mehrere Stunden gesperrt werden, verletzt wurde aber niemand. In Nordrhein-Westfalen bei Bad Wünnenberg wurde der Wagen eines 19-Jährigen von einer Windböe erfasst. Der junge Mann verlor die Kontrolle über das Fahrzeug, überschlug sich im angrenzenden Feld und wurde leicht verletzt.

Im Kreis Düren wurden bei drei Verkehrsunfällen wegen des Sturms ein 32-Jähriger und eine 45-jährige Frau verletzt. Nahe Legden im münsterländischen Kreis Borken stürzte nach Polizeiangaben ein mit Schweinefleisch beladener Lastwagen um. Offenbar forderte das Unwetter auch ein Todesopfer: Nach Angaben der Polizei geriet eine 20-Jährige vermutlich wegen starken Regens bei Nördlingen in Bayern auf die Gegenfahrbahn und prallte mit einem anderen Fahrzeug zusammen. Mehrere Strecken mussten wegen Unfällen und umgestürzter Bäume gesperrt werden.

Ebenfalls abgeriegelt sind die Rheinbrücken in Emmerich und Rees. Auf beiden Rheinquerungen hatten starke Windböen bereits Anhänger von Lastwagen umgekippt, teilte die Polizei in Kleve mit. Ein weiteres Befahren der Brücken stelle eine nicht absehbare Gefahr für die Verkehrsteilnehmer dar.

Auch der Zugverkehr ist betroffen: Wegen beschädigter Oberleitungen wurde nach Angaben eines Bahnsprechers der Verkehr zwischen Stolberg und Eschweiler bei Aachen gestoppt und auf der Strecke zwischen Rheydt und Baal. Ein Trampolin auf den Bahngleisen hat außerdem einen ICE auf dem Weg von Köln nach Wien gestoppt. Das Hüpfgerät mit einem Durchmesser von 3,60 Meter war in Alfter aus einem Garten auf die Schienen geschleudert worden. Trotz Schnellbremsung raste der Zug in das Trampolin und kam erst 300 Meter hinter dem Hindernis zum Stehen. Die Strecke wurde für eine Stunde gesperrt.

Im Süden haben die Katamaran-Bodenseefähren wegen des starken Windes ihren Verkehr eingestellt. Am ersten Märzwochenende mussten die Personenfähren bereits wegen des Tiefs "Emma" in den Häfen bleiben. Der gewaltige Sturm war mit bis zu 220 Stundenkilometern und teils schweren Gewittern durch Deutschland getobt. Die Bilanz des Unwetters: Zehn Menschen starben, eine Kirchturmspitze wurde abgerissen, Baukräne stürzten um, viele Dächer wurden abgedeckt. Gebäude und Autos wurden von umstürzenden Bäumen beschädigt, mehrere Bahnstrecken gesperrt, Dutzende Flüge abgesagt. Auf dem Hamburger Flughafen war es durch die starken Böen bei der Landung einer Lufthansa-Maschine beinahe zu einem Crash gekommen.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hatte heute für den Brocken im Harz die höchste Warnstufe ausgerufen. Die Meteorologen erwarten weiterhin Windgeschwindigkeiten von über 140 Kilometern pro Stunde, das entspricht Windstärke 12. Doch es gibt baldige Aussicht auf Wetterbesserung: Morgen soll es nach Vorhersage zwar bewölkt und regnerisch bleiben, der Sturm flaut aber ab. Oberhalb von 600 bis 900 Metern kann es schneien. Die Temperatur steigt auf Höchstwerte zwischen fünf und zehn Grad, im Bergland ist bereits bei vier Grad Schluss. Freitag soll es in ganz Deutschland regnen - mit Höchstwerten von rund 13 Grad.

dek/AP/dpa

Sturmschäden: Was Versicherer bezahlen
Haus
Gebäudeschäden, die etwa durch umgestürzte Bäume, Schornsteine oder Masten entstanden sind, ersetzt in der Regel die Wohngebäudeversicherung. Hat der Sturm das Dach abgedeckt oder Fensterscheiben eingeschlagen, sind Folgeschäden, z.B. durch eindringenden Regen ebenfalls versichert. Allerdings muss der Versicherte den Schaden möglichst weit begrenzen, etwa indem er eine Plane vor ein zerbrochenes Fenster klebt. Schäden durch Hochwasser oder Überschwemmungen sind dagegen nicht abgedeckt. Versicherungsschutz besteht nur dann, wenn der Kunde eine Zusatzversicherung gegen "Elementarschäden" abgeschlossen hat. Doch haben nur wenige Bürger eine solche Versicherung. Wer noch eine alte DDR-Police hat, die nach der Wende von der Allianz übernommen wurde, hat Glück: Darin sind Hochwasserschäden automatisch mitversichert.
Hausrat
Sturmschäden an der Wohnungseinrichtung werden von der Hausratversicherung abgedeckt. Nach Angaben von Verbraucherexperten gilt dies aber nur für Haushaltsgegenstände, die in einem Gebäude untergebracht waren, das ebenfalls vom Wind beschädigt wurde. Die Versicherung zahlt zum Beispiel, wenn ein Fenster zu Bruch geht und dabei eine Vase zerschlägt. Bruchschäden an Fenster- und Türscheiben einschließlich der Kosten für eine erforderliche Notverglasung dagegen deckt nur eine zusätzliche Glasversicherung ab, die meist zusammen mit der Hausratversicherung abgeschlossen werden kann.
Auto
Schleudert der Sturm Dachziegel, Äste oder Bäume auf ein parkendes Auto, ist in der Regel die Teil- oder Vollkasko des Autohalters in der Zahlungspflicht. Versichert ist nur der Zeitwert des Wagens, nicht der Neuwert. Bei einem durch Sturm bewirkten Fahrfehler steht nach Angaben von Verbraucherschützern nur die Vollkasko für den Schaden ein - vorausgesetzt, es liegt keine grobe Fahrlässigkeit vor.
Personenschäden
Bei Verletzungen, die Betroffene durch Unwetter erleiden, kommt die Krankenversicherung zum Zuge. Bei dauerhaften Schäden springt nach Angaben der Verbraucherschützer die private Unfallversicherung ein.
Nachweis der Schäden
Dass tatsächlich der Sturm die Schäden verursacht hat, müssen die Betroffenen zwar in der Regel nicht aufwendig nachweisen. Um Probleme mit der Versicherung von vornherein zu vermeiden, empfiehlt etwa die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz dennoch, unmittelbar nach dem Schadensfall eine vollständige Liste aller zerstörten oder beschädigten Gegenstände zu erstellen. Falls vorhanden, sollte die Liste durch Einkaufsbelege ergänzt werden. Andernfalls sollte aus dem Gedächtnis der Zeitpunkt der Anschaffung und der ungefähre Neupreis notiert werden. Ist ein Gebäude beschädigt, raten die Verbraucherschützer, detaillierte Foto- oder Filmaufnahmen zu machen und auch zusammen mit Nachbarn Protokolle über die Schäden zu verfassen.

Quelle: AFP



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