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Rückgabe von Diebesgut: "Das war ein Jugendblödsinn"

Foto: Joso Mijic

Geschichte einer Jugendsünde Zwei Engel für Papa

Vor 48 Jahren stahl Johanna Röhrs Vater zwei Engelsfiguren aus einer Kapelle - nun schickte er sie samt Entschuldigungsbrief zurück. Bei der Antwort des Pfarrers wurde nicht nur unserer Autorin warm ums Herz.

Im Nachhinein frage ich mich, warum mir die beiden Engelsfiguren nicht schon früher aufgefallen sind.

Ganz oben auf unserem Wohnzimmerregal standen sie, die Goldfarbe auf den Flügeln schon rissig, die gelb glänzenden Haare leicht gewellt, den Blick friedlich gesenkt - auf uns herab.

Sie passten nicht zu meinem Vater, der lieber wegschmeißt als aufhebt und mit der Kirche nichts am Hut hat und haben will.

Die beiden Engelsfiguren ganz oben auf dem Wohnzimmerregal gehörten uns nicht, das weiß ich jetzt. 1969 nahm mein Papa sie aus einer kleinen Kapelle auf dem Land mit. Genauer gesagt: Er klaute sie und gab sie nicht zurück. Bis jetzt.

Mein Vater ist das beste Vorbild, das ich mir vorstellen kann. Witzig, authentisch, liebevoll. Ein Mensch, der anderen gern eine Freude macht. Der auch in Momenten Verständnis zeigt, in denen man sich nicht einmal mehr selbst versteht. Den man in tiefer Verzweiflung anruft, und nach zehn Minuten reden legt man beruhigt wieder auf. Einer, der immer alles im Griff hat und ehrlich ist. Auch, wenn er Fehler macht.

So erlebe ich meinen Papa - seit ich mich erinnern kann.

Was für ein Leben mein Vater vor meiner Geburt geführt hat, muss ich mir aus einzelnen Geschichten und vergilbten Fotoalben ableiten. So viel weiß ich: Er hat rebelliert. Gegen die Vorstellungen und Ansichten seiner gutbürgerlichen Eltern, gegen seinen fiesen Lateinlehrer, gegen kratzige Hemden - und gegen sonntägliche Kirchenausflüge. Er wurde früh getauft, aber sobald er es selbst bestimmen konnte, trat er aus der Kirche aus. Wie so viele seiner Generation.

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Rückgabe von Diebesgut: "Das war ein Jugendblödsinn"

Foto: Joso Mijic

Warum mein Papa mit 18 Jahren die beiden Engelsfiguren aus der Kapelle mitnahm, weiß er selbst nicht mehr so recht. Oder will es nicht wissen. "Das war ein Jugendblödsinn, Johanna." Eine Art Rebellion gegen die Kirche. Vielleicht waren die Figuren für ihn damals eine Beute, sicherlich verlieh ihm die Tat ein Gefühl der Macht über die Autoritären, gegen die er sich wehrte. Jahrelang lagen die beiden Figuren auf dem Speicher meiner Großeltern, bis zum Tod meiner Oma. Dann standen sie bei uns in der Wohnung.

Im Sommer wollte er mit meiner Mutter zu der kleinen Kapelle fahren, aus der er die beiden Engel vor fast einem halben Jahrhundert mitnahm. "Ich wollte sie einfach zurückstellen." Aber er fand die Kapelle nicht.

"Ich muss die Dinger jetzt wirklich loswerden"

Warum also die beiden Figuren nicht einfach weiter von oben auf uns herunter gucken lassen? Immerhin haben sie ihn die vergangenen Jahrzehnte begleitet. Und so ein Engel im Haus kann ja eigentlich nicht schaden. "Es hat mich jahrelang beschäftigt. Die beiden Engel starrten mich irgendwie an. Dann kam der Punkt, an dem ich wusste: Ich muss die Dinger jetzt wirklich loswerden."

Mein Papa packte die Engel in einen Karton und adressierte sie an den zuständigen Pfarrer. In das Paket legte er einen Brief. Der letzte Satz lautete: "Ich hoffe, die beiden finden bei Ihnen einen Platz und für mich gibt's dann doch noch einen im Himmel." Ein kleiner Teil der christlichen Früherziehung scheint bei Papa wohl doch hängengeblieben zu sein.

"Ich weiß nicht, warum ich sie nicht früher weggebracht habe. Irgendwie habe ich es immer wieder vergessen", sagt er. Oder verdrängt. Immerhin stehen die Engel für zwei Dinge, mit denen Papa nicht viel am Hut haben will: Diebstahl und Kirche.

Foto: Johanna Röhr

Pfarrer Huber aus Mammendorf ist ein ruhiger, freundlicher Mann mit einer tiefen Stimme und einem sympathischen bayerischen Akzent. "Ich antworte auf fast alle Zuschriften", erzählt er mir am Telefon. "Aber so ein Paket wie das Ihres Vaters bekommt man nicht alle Tage. Und der Brief war natürlich besonders und auch nicht ganz humorfrei." Deshalb antwortete Pfarrer Huber meinem Vater innerhalb weniger Tage. Mit seinem Brief berührte er nicht nur meine Familie, sondern mittlerweile viele Menschen - ob gläubig oder nicht. Jemand schrieb auf Twitter: "Tolle Antwort. Wären nur immer alle so weltoffen und 'cool' in der Kirche, egal, welche Religion."

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Vor zwei Wochen trafen sich Pfarrer Huber und mein Papa in Mammendorf. Sie besuchten zusammen die Engel in der Kapelle des Landschulheims Schloss Grunertshofen und unterhielten sich über Gott und die Welt. Die beiden mögen sich, trotz aller Unterschiede, trotz der Geschichte vor 48 Jahren. Und sie wollen sich wieder treffen.

Mein Vater hat einen Weg gefunden, sich von seiner Jugendsünde zu befreien, auf eine ehrliche Art. "Ich wollte die Figuren auf keinen Fall in den Müll werfen. Es ist ja sicher kein gutes Omen, Engel wegzuschmeißen. Jetzt sind sie da, wo sie herkommen und hingehören."

Mein Papa hat Frieden geschlossen, mit seiner damaligen Aktion - und der Kirche. Auch das finde ich vorbildlich. Danke dafür, Papa. Und danke, Herr Pfarrer Huber: Sympathischer war mir die Kirche nie.

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