Heimkinder im Chat Willkommen bei den unbarmherzigen Schwestern

Es ist ein dunkles Kapitel der Nachkriegsgeschichte: In der jungen Bundesrepublik wurden Tausende Heimkinder von unbarmherzigen Erziehern misshandelt. Zwei der ehemaligen Heimkinder wollen jetzt über ihre Erlebnisse sprechen - im SPIEGEL-ONLINE-Chat von 13 bis 14 Uhr.


Hamburg - "Wir wurden gedemütigt, entrechtet, seelisch wie körperlich misshandelt", sagen sie, "und manche von uns als jugendliche Zwangsarbeiter benutzt." Bis in die siebziger Jahre hinein lebten in der Bundesrepublik mehr als eine halbe Million Kinder und Jugendliche in über 3000 Erziehungsheimen. Viele litten unter schlecht ausgebildeten, unbarmherzigen Erziehern, die Idealen von Zucht und Ordnung anhingen.

Gut die Hälfte der Kinder war zwei bis vier Jahre lang in solchen Heimen. Andere verbrachten ihre ganze Kindheit und Jugend in den oft hermetisch abgeschlossenen Häusern. Erst wenn sie das 21. Lebensjahr vollendet hatten, als Volljährige, wurden sie in die Gesellschaft entlassen. Heute leben vermutlich noch mindestens eine halbe, wahrscheinlich aber mehr als eine Million ehemaliger Heimkinder aus dieser Zeit in Deutschland. Sie sind zwischen 40 und 65 Jahre alt.

Von den erlittenen Qualen wollten die Opfer lange Zeit nicht sprechen. "Es war immer ein Makel", sagt Regina Eppert: "Es schien besser, darüber niemals zu sprechen. Bloß nicht daran denken. Als ob man die hohe Mauer, die um unser Heim gewesen ist, sein Leben lang behalten hätte." Eppert wurde im Alter von 18 Jahren mit ihrer einjährigen Tochter und ihrer Schwester Elke ins Dortmunder Vincenzheim der "Barmherzigen Schwestern" eingewiesen.  

Buchtipp
Peter Wensierski:
"Schläge im Namen des Herrn"

Erschienen als SPIEGEL-Buch bei DVA; 300 Seiten; 19,90 Euro.

Einfach und bequem direkt im SPIEGEL-Shop bestellen

Doch Regina Eppert will nicht mehr schweigen. Auch Michael-Peter Schiltsky, der in einem evangelischen Knabenheim in Westuffeln/Westfalen aufwuchs, will endlich über das Erlebte sprechen. Für ihn ist die Konfrontation mit seiner Heim-Vergangenheit ein Weg, den eigenen Erinnerungen glauben zu können.

Schiltsky hat es sich jetzt zur Aufgabe gemacht, Licht in das dunkle Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte zu bringen und dazu den Verein ehemaliger Heimkinder ins Leben gerufen. Die ehemaligen Heimkinder erwägen, Wiedergutmachung für Arbeit und Misshandlungen einzuklagen, etwa nach dem "Gesetz über die Entschädigung für Opfer von Gewalttaten".

Die "verlorenen Jahre" sind für die Betroffenen auch finanziell ein Debakel. Sie fehlen bei der Rente, die für die meisten ohnehin recht schmal ist. Bei der AOK Dortmund etwa recherchierten ehemalige Heimkinder vergeblich nach Beiträgen, die für sie aus dem Vincenzheim ihrer Ansicht nach hätten eingehen müssen.

SPIEGEL-ONLINE-Leser haben in einem Chat die Gelegenheit, die beiden ehemaligen Heimkinder über ihre Erfahrungen hinter den Heimmauern, ihre Verarbeitung der Erlebnisse und ihre Forderungen an die Verantwortlichen zu befragen.

Der Chat findet heute von 13 bis 14 Uhr statt.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.