Heimliche Vaterschaftstests "Heute würde ich manches anders machen"

Ein Kaugummi seiner Tochter brachte die Wahrheit ans Licht: Frank S. ist nicht ihr Vater. Anhand seines Falls entscheidet nun das Bundesverfassungsgericht über heimliche DNA-Tests. Mit SPIEGEL ONLINE sprach S. über Misstrauen, beklemmende Gewissheit und die Liebe zu einem Kind.


SPIEGEL ONLINE: Warum wollen Sie Ihre Vaterschaft gerichtlich anfechten?

Frank S.: Weil ich mich dadurch ungerecht belastet fühle. Ich zahle bis zum heutigen Tage vollen Unterhalt, im Moment 316 Euro im Monat, obwohl es gar nicht meine Tochter ist. Es ist ja nicht so, dass ich mich ganz aus der Verantwortung zurückziehen will. Ich war auch bereit, auf freiwilliger Basis weiter einen reduzierten Unterhalt zu zahlen. Aber ich bin von der Mutter längst getrennt, lebe in einer anderen Beziehung und bin nun mal nicht derjenige, der eigentlich für den Unterhalt des Kindes aufkommen müsste.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie nach der Geburt des Kindes die Vaterschaft anerkannt haben, hatten Sie keine Zweifel?

Frank S.: Nein, ich hatte nicht das Gefühl, betrogen worden zu sein. Zudem sagten auch viele, dass das Kind mir wie aus dem Gesicht geschnitten sei.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie überhaupt noch Kontakt zu dem Kind?

Frank S.: Ja, die Mutter und ich haben uns zwar vor gut zehn Jahren getrennt, als die Tochter zwei Jahre alt war. Danach habe ich die Kleine aber jahrelang alle zwei Wochen übers Wochenende bei mir gehabt. Und auch später, als die gerichtlichen Auseinandersetzungen begannen, ist der Kontakt nie völlig abgerissen. Es ist für mich von der inneren Verbindung her nach wie vor mein Kind, sie sagt Papa zu mir, ich mag sie, sie mag mich, und wir sehen uns auch heute noch alle paar Wochen.

SPIEGEL ONLINE: Sie weiß also nicht, dass sie nicht Ihre leibliche Tochter ist?

Frank S.: Nein, ich denke nicht, jedenfalls nicht von mir.

SPIEGEL ONLINE: Seit wann wissen Sie, dass es nicht Ihre Tochter ist?

Frank S.: Ich bin aus gesundheitlichen Gründen regelmäßig in urologischer Behandlung. Als ich vor sieben Jahren den Arzt wechseln musste, fragte er mich: "Haben Sie Kinder?", und bevor ich antworten konnte, sagte er mit Blick in meine Akte: "Ach nein, das brauch' ich ja gar nicht zu fragen, bei der Krankengeschichte, die Sie haben, ist es sehr unwahrscheinlich, dass Sie Vater werden können." Das habe ich mir dann schriftlich geben lassen: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich zeugungsfähig bin, liegt bei unter zehn Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie dann gemacht?

Frank S.: Ich habe mich mit der Mutter darüber unterhalten, aber sie hat überhaupt nicht darauf reagiert.

SPIEGEL ONLINE: Hat sie versucht, Ihren Verdacht zu zerstreuen?

Frank S.: Nein. Sie hat das völlig an sich abprallen lassen. Als ich dann eines Tages das Kind wieder abholen wollte, wurde mir erklärt, dass ich die Klage mit allen Konsequenzen durchziehen oder es vergessen sollte. Da ich auch wegen der Frist, die in einem solchen Fall läuft, nicht allzu lang warten konnte, habe ich's durchgezogen.

SPIEGEL ONLINE: Man muss ja, um eine gerichtliche Vaterschaftsanfechtung überhaupt einleiten zu können, einen begründeten Anfangsverdacht haben. Ihr Attest wurde vor Gericht aber nicht als Grund akzeptiert.

Frank S.: Es geht ja nur darum zu begründen, warum man an der eigenen Vaterschaft zweifelt, damit das Gericht einen offiziellen Test anordnet. Wenn aber selbst ein solches Attest nicht ausreicht, dann frage ich mich wirklich, wann dieser Anfangsverdacht überhaupt gegeben sein soll.

SPIEGEL ONLINE: Die Richter sagten, wenn Sie mit hundertprozentiger Sicherheit zeugungsunfähig wären.

Frank S.: Ich bin zwar kein Jurist, aber das wäre dann kein Verdacht mehr, das wäre Gewissheit.

SPIEGEL ONLINE: Die haben Sie aber inzwischen auch, dank eines heimlichen Vaterschaftstests.

Frank S.: Ja, ich wollte für mich die Gewissheit haben, deswegen habe ich mir extra von meinem Urologen ein seriöses Labor empfehlen lassen. Mit einem Kaugummi meiner Tochter habe ich dann dort einen Test gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie die Mutter nicht um Erlaubnis gefragt?

Frank S.: Da sie bisher alles abgeblockt hatte, ging ich davon aus, dass ich die nicht bekommen hätte, und ich wollte nicht noch mehr Unfrieden stiften.

SPIEGEL ONLINE: Wie war das, als Sie das Testergebnis bekamen?

Frank S.: Natürlich habe ich damit gerechnet, aber als ich das dann in den Händen hielt, hat mich das doch sehr bedrückt.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie dann, gestützt auf das Testergebnis, nochmals versucht, die Vaterschaft anzufechten?

Frank S.: An der ganzen Problematik hatte sich ja nichts geändert, im Gegenteil: Nun wusste ich, dass ich nicht der Erzeuger bin.

SPIEGEL ONLINE: Die Gerichte haben dann aber auch den heimlichen Test nicht als Grund für die Vaterschaftsanfechtung akzeptiert, weil Sie damit das Persönlichkeitsrecht Ihrer Tochter verletzt hätten.

Frank S.: Ihre Mutter hätte ja nur im Nachhinein zustimmen oder sich zu einem neuen Test bereit erklären müssen, dann wären die Rechte des Kindes nicht verletzt gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Dass sie dem nicht zustimmte, war natürlich insofern konsequent, als sie ja auch nicht einräumte, mit jemand anderem geschlafen zu haben.

Frank S.: Sicherlich. Ich denke, sie wollte und will eben nicht auf die finanziellen Mittel verzichten. Aber richtig ist das nicht. Natürlich bin ich selbst im Nachhinein nicht glücklich, wie das alles gelaufen ist. Heute würde ich manches anders machen.

SPIEGEL ONLINE: Was denn?

Frank S.: Ich würde mich heute vielleicht noch mehr um einen Dialog bemühen, vor allem das Jugendamt fragen, ob es nicht vermitteln kann, und vielleicht auch eine Väterorganisation um Erfahrungsaustausch und Unterstützung bitten.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie, wenn Sie jetzt doch wider Willen in rechtlicher Hinsicht Vater bleiben müssen?

Frank S.: Ich könnte damit leben. Dann würde ich mich aber ungern nur mit meinen Pflichten begnügen. Ich würde das sicher nicht konfrontativ machen und erst mal zum Jugendamt gehen. Aber wenn es für das Kind verträglich ist, würde ich mein Umgangsrecht dann auch wieder in vollem Umfang ausüben wollen, im Einvernehmen mit allen Beteiligten.

Das Interview führte Dietmar Hipp



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