Helfer unter Druck Nach dem Schnee kommt das Hochwasser

Allmählich lässt der Schneefall nach, doch von Entspannung mag noch niemand sprechen. Die 6000 Helfer werden noch das ganze Wochenende über schuften müssen, um das Schneechaos in den Griff zu bekommen. Die Meteorologen warnen bereits vor Hochwasser.


Passau/Graz/Davos - Ab Mitte kommender Woche werde Tauwetter einsetzen, sagte eine Meteorologin des Deutschen Wetterdienstes am Abend in Frankfurt. Aufkommender Wind werde das Tauwetter voraussichtlich zusätzlich verstärken. Da das Schmelzwasser wegen der gefrorenen Böden und teils zugefrorenen Gewässer nicht versickern oder ablaufen könne, müsse mit Hochwasser gerechnet werden.

Vorerst jedoch kämpfen die Helfer noch mit den Schneemassen. In fünf Landkreisen wollen die Behörden noch keine Entwarnung geben. Der Katastrophenalarm soll erst aufgehoben werden, wenn alle gefährdeten Dächer vom Schnee befreit sind. Immerhin sehen die Verantwortlichen allmählich Land, denn der Schneefall hat nachgelassen. "Es gibt eine leichte Entspannung, die Kräfte werden mit Sicherheit noch übers Wochenende gebunden sein", sagte ein Sprecher des bayerischen Krisenstabes in Passau. Im von den immensen Schneemassen besonders hart getroffenen Bayerischen Wald galten noch immer rund 330 Gebäude als einsturzgefährdet.

Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU) machte sich in Passau ein Bild von der Lage und bedankte sich bei allen Helfern: "Besser kann Katastrophenschutz nicht funktionieren." Er rechnete mit Schäden in Millionenhöhe. Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU), der mit Innenminister Günther Beckstein (CSU) am Nachmittag die Regionen um Deggendorf und Regen besuchte, kündigte Finanzhilfen für die betroffenen Landkreise an. Über die Höhe soll am kommenden Dienstag entschieden werden.

Unterdessen traf in Bayern Hilfe aus anderen Bundesländern ein. Hessen schickte fünf Schneefräsen nach Freyung, in Deggendorf wurden Schneefräsen aus Thüringen erwartet. Der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport sandte sechs Fahrzeuge und acht Mitarbeiter in das Katastrophengebiet, wie ein Flughafen-Sprecher heute mitteilte. Auch aus Österreich und der Schweiz waren Schneefräsen nach Deutschland unterwegs. "Es ist sehr beeindruckend, wie die Leute hier zusammenstehen - auch über Ländergrenzen hinweg", sagte ein Sprecher des bayerischen Krisenstabes.

Während die Bürger in Bayern ihre Dächer freischaufelten, konnten die Sachsen relativ entspannt bleiben. "Das ist normaler Winter", sagte ein Sprecher des Lagezentrums in Dresden. "Unser Vorteil ist, dass wir hier in Sachsen so viele Spitzdächer haben. Da kommt der Schnee von allein herunter." Allerdings brach heute Nachmittag noch das Dach eines Autohauses in Zwönitz unter dem schweren Schnee ein. Verletzt wurde niemand. Einige Straßen, vor allem im Vogtlandkreis und im Landkreis Annaberg, mussten wegen Schneeverwehungen gesperrt werden.

Dagegen kämpfen die freiwilligen Helfer in Österreich weiter gegen die Schneemassen an. Hunderte Hausdächer waren vom Einsturz bedroht. Im Bundesland Niederösterreich schaufelten 1500 Feuerwehrleute und 300 Soldaten Schnee von Häusern und Straßen. Im Bezirk Lilienfeld brach das Dach einer Lagerhalle ein, verletzt wurde niemand. In Oberösterreich waren rund 10.000 Helfer im Einsatz. 200 Feuerwehrmänner räumten in der Region um den Wallfahrtsort Mariazell in der Steiermark die Schneelast von öffentlichen Gebäuden.

Die Behörden in den Schweizer Alpen gaben unterdessen eine dringende Lawinenwarnung heraus. In weiten Teilen des Landes waren bis zu 80 Zentimeter Neuschnee gefallen. Wegen des vom Winde verfrachteten Triebschnees herrsche am Alpennordhang erhebliche Lawinengefahr, hieß es beim Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos. Gefährlich seien vor allem Steilhänge oberhalb von 1600 Metern. Lawinen könnten spontan niedergehen und bereits von einzelnen Skifahrern ausgelöst werden.

Hessen kann sich derzeit über die angenehmen Seiten des Winters freuen. Die Skigebiete bieten beste Bedingungen für schnelle Abfahrten oder gemütlichen Langlauf. "Wir haben super Verhältnisse zum Skifahren und zum Rodeln", sagte Skiliftbetreiber Rolf Fey aus Beerfelden im Odenwald. Auch die Rhön kann sich nicht über einen Mangel an Schnee beklagen. Günter Bachmann vom Info-Zentrum Wasserkuppe lobte die guten Wintersportbedingungen. An diesem Wochenende kämpfen auf dem 950 Meter hohen Berg Snowkiter um den deutschen Meistertitel.

mik/dpa/ap



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.