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18. Januar 2010, 13:52 Uhr

Helfer unter Zeitdruck

"Retten Sie unsere Kinder!"

Von , Miami

Das US-Militär bekommt die schlimmsten Logistikprobleme in Haiti allmählich in den Griff - doch die Chancen schwinden, Überlebende zu finden. Washington wird für das Schicksal des Landes in die Pflicht genommen. Verzweifelte Angehörige rufen Präsident Obama auf, alles für die Rettung Verschütteter zu tun.

Len Gengel ist verzweifelt, als er auf dem Campus der Lynn University in Boca Raton vor die Kameras tritt. "Wir brauchen Ihre Hilfe", ruft er und meint damit US-Präsident Barack Obama. "Uns geht die Zeit aus." Er ringt mit den Tränen. "Von Vater zu Vater, wir bitten Sie, wir flehen Sie an: Retten Sie unsere Kinder!"

Die Katastrophe von Haiti, 1200 Kilometer entfernt, hat auch in dem Privat-College in Florida Bestürzung ausgelöst. Zwölf Studenten und zwei Professoren waren in Port-au-Prince auf Klassenfahrt, als die Erde bebte. Acht der Studenten konnten sich retten. Die anderen werden noch vermisst. Unter ihnen ist Britney Gengel, 19. Erst hieß es, sie sei lebend aus den Trümmern des zerstörten Hotels Montana gerettet worden. Ihre Eltern eilten sofort nach Florida - wo sie dann erfuhren, dass die Information falsch war.

Britney befand sich nicht unter den Geretteten. Seitdem wartet die Familie verzweifelt auf Nachricht.

Die Universität hat einen eigenen privaten Suchtrupp in Haiti, der die offiziellen Mannschaften verstärkt. Einem zweiten Team aber wurde die Landeerlaubnis in Port-au-Prince zunächst verweigert. Erst am Samstag schlug es sich per Hubschrauber von der Dominikanischen Republik aus durch.

Es sind solche Schicksale, die die USA bewegen - die Nachrichtensender berichten den ganzen Tag darüber. Schicksale von Haitianern, aber auch von vielen US-Bürgern und anderen, die in der Hölle von Haiti auf Rettung warten.

Scharfe Kritik am US-Krisenmanagement

Kritiker beklagen sich über Koordinationsmängel, Verzögerungen bei Versorgungslieferungen und logistisches Chaos bei der US-gesteuerten Hilfsaktion. Die Regierung versucht zu besänftigen. In der Nacht zum Montag gaben US-Außenministerin Hillary Clinton und Haitis Präsident René Préval ein sorgfältig formuliertes Kommuniqué heraus. Darin bekräftigten die USA, dass die "sichere, rasche und effektive Durchführung der Rettungs-, Hilfs-, Bergungs- und Wiederaufbauanstrengungen" Vorrang habe. Préval nannte den Einsatz der USA "unentbehrlich". Beide Regierungen würden "im gemeinsamen Einvernehmen" kooperieren. Clinton hatte Préval am Samstag bei einem Kurzbesuch in Port-au-Prince getroffen.

In der Tat berichten auch Hilfsgruppen inzwischen, dass Engpässe bei der Katastrophenhilfe teilweise überwunden seien und immer mehr Güter ins Land kämen. "Die Dinge kommen in Gang", sagte Care-Vizechefin Cathy Woolard CNN. Die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" meldete, zwei ihrer Flugzeuge mit Medikamenten und Personal hätten Port-au-Prince am Sonntag endlich erreicht - am Samstag war einer anderen Maschine der Organisation die Landung noch untersagt worden, trotz Garantien der Uno und des US-Militärs. An Bord war ein aufblasbares chirurgisches Krankenhaus mit hundert Betten und zwei Operationssälen, es wurde daraufhin auf den beschwerlichen Weg über Land weitergeschickt.

Ärzte ohne Grenzen hat immer noch die Sorge, dass sich "die Lieferung lebenswichtiger Materialen weiter verzögert". US-Vizesicherheitsberater Denis McDonough, vom Weißen Haus nach Haiti geschickt, nannte den wachsenden Unmut der Hilfsorganisationen "absolut verständlich" - bat zugleich aber um Geduld. Je mehr man von Frustration höre, desto mehr sei man "darauf bedacht, den Ablauf zu verbessern", sagte er in einer Telefonkonferenz aus Port-au-Prince.

"Überwältigende Hilfe hat Kapazitäten überschritten"

Air-Force-Colonel Buck Elton, der den Betrieb des Flughafens Port-au-Prince übernommen hat, sagte, die "überwältigende internationale Unterstützung" habe anfangs "unsere Kapazitäten überschritten". Aber jetzt werde es "jeden Tag besser". Er widersprach Vorwürfen, denen zufolge sich das US-Militär selbst Priorität gibt: 60 Prozent der Starts und Landungen entfielen auf zivile Flüge und nur 40 Prozent auf militärische.

General Doug Fraser, Kommandeur des zuständigen US-Südkommandos in Miami, äußerte in seinem Blog Verständnis für "die Verzweiflung und Hilflosigkeit, die die Überlebenden verspüren müssen, aber seien Sie versichert, Hilfe ist unterwegs". Man arbeite "fieberhaft, um den Menschen von Haiti humanitäre Unterstützung zu leisten". Sein Stellvertreter Ken Keen äußerte sich in den Sonntags-Talkshows des US-Fernsehens: "Wir hatten gestern einen guten Tag", sagte der General, der zur Zeit des Erdbebens zufällig in Haiti war und seit dem Wochenende die neue Joint Task Force Haiti (JTFH) des US-Militärs befehligt. Er gab alle Interviews per Satellit auf dem Flugfeld von Port-au-Prince. In Tarnuniform, Mikrofon in der Hand.

Das Weiße Haus tritt mit Statistiken dem Eindruck entgegen, die Hilfsaktionen kämen nur schleppend voran. Der Flughafen von Port-au-Prince sei rund um die Uhr geöffnet und könne jetzt hundert Maschinen pro Tag abfertigen, 40 mehr als am Samstag. Bisher seien so rund 600 Tonnen Hilfsgüter in Haiti angekommen. 30 Hubschrauber und 5800 Soldaten seien angekommen, unter ihnen rund tausend der legendären 82nd Airborne Division, und 7500 weitere sind im Anmarsch. Dazu sechs Such- und Rettungstrupps mit je 70 Mann aus Virginia, Kalifornien, New York und Florida, flankiert von 21 internationalen Suchteams. US-Truppen flogen den Zahlen zufolge schon 130.000 Tagesrationen Essen und mehr als 70.000 Flaschen Wasser nach Port-au-Prince. 600.000 weitere Tagesrationen kämen in dieser Woche.

Colonel Elton gab sich Mühe, die Herausforderungen zu beschreiben, mit denen seine Männer am Flughafen kämpfen. "Als wir ankamen, gab es keinen Strom, keine Kommunikation und keine Unterstützung", sagte er. Tower und Terminal seien unbenutzbar, die Air Force operiere "im Gras". Trotzdem habe sie bisher rund 600 Starts und Landungen über die nur 300 Meter lange Piste geschleust.

Hoffnung, Überlebende zu bergen, schwindet

Die US-Luftwaffe versucht ihm zufolge, jede Maschine innerhalb von zwei bis drei Stunden abzufertigen. Doch wegen der zerstörten Entladevorrichtungen brauche es "manchmal sieben, acht Stunden". In dieser Zeit sei dann das Flugfeld blockiert. Elton: "Wir tun alles, was in unserer Macht steht."

Die Hilfsorganisationen äußern durchaus Verständnis für die Nöte des Militärs. "Ich verstehe all die Sorgen und die Empörung darüber, dass die Hilfe so langsam läuft", schrieb eine Mitarbeiterin im Nachrichtenblog "The Lede" der "New York Times". Sie selbst schlafe am Flughafen unter freiem Himmel. Doch das US-Militär leiste den Umständen entsprechend "gute Arbeit". Man müsse alle loben, die "in dieser immer gefährlicheren Lage" ihr Wohlergehen riskierten.

Die US-Koordinatoren legen Wert darauf, dass sie mit allen Beteiligten eng kooperieren - mit der Regierung von Haiti, der Uno, den Hilfsorganisationen. Tim Callaghan, Lateinamerika-Beauftragter des Auslandskatastrophen-Teams der US-Hilfsagentur USAID, berichtete aus Port-au-Prince, seine Delegation treffe sich jeden Vormittag mit Ministerpräsident Jean-Max Bellerive. Dort informiere man sich "über die Bedürfnisse des haitianischen Volkes", und überhaupt sei man "auf Einladung der Regierung Haitis hier".

US-Teams haben bei der Rettung von Überlebenden eine wichtige Rolle in der Katastrophenzone. 62 Menschen wurden bis Sonntagnachmittag lebend aus den Trümmern befreit, fast die Hälfte davon durch US-Helfer. Trotzdem geht ihnen die Zeit aus.

Noch werde nach Überlebenden gesucht, sagte Callaghan. Aber am Montag sei das Beben schon sechs Tage her, und dann werde es naturgemäß "schwieriger werden". Wann dann aus der Such- eine reine Bergungsaktion werde - das müsse die haitianische Regierung entscheiden.

Solche Sätze machen auch den Familien der Vermissten von Boca Raton wenig Hoffnung. "Es wird härter und härter, nicht den Mut zu verlieren", sagte Britney Gengels Tante Christine Steinwand. "Jeder Tag ist eine Strapaze."

Die Studenten des Colleges in Florida waren gemeinsam mit der Wohltätigkeitsorganisation Food for the Poor in Port-au-Prince gewesen. Das Motto der Klassenfahrt: "Reise der Hoffnung".

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